Zwischenspiel (63)

Ein neues Kapitel einer unglaublich phantasievollen Geschichte beginnt, aber: es ist alles nur ausgedacht – könnte aber auch alles so passiert sein.
In der Republik, die ich mir ausgedacht habe, hat die überwiegende Mehrzahl der Menschen versucht, eine andere Gesellschaftsform aufzubauen. Das vergessen viele, die damals und heute schlecht über den Sozialismus reden. Viele der Redner wissen doch gar nicht was das ist, oder sie wissen es und reden drumherum, damit ja niemand wieder diese Idee aufgreift. Die Grundgedanke ist die Vergesellschaftung der Produktionsmittel: sie nannten es Volkseigentum. Natürlich macht man sich Feinde, wenn man das Privateigentum an Produktionsmitteln abschafft. Natürlich geben die ehemaligen Besitzer keine Ruhe. Darum die Diktatur des Proletariats, der vormals ausgebeuteten Klasse. Der Versuch ist aus verschieden Gründen gescheitert. Heute haben wir die Diktatur des Kapitals im demokratischen Mäntelchen. Es herrscht solange Privateigentum an Produktionsmitteln wie Profit sprudelt und sich die Kosten, Risiken und negativen Folgen vergesellschaften lassen. Scheitert das, haben wir plötzlich wieder einen gesamtgesellschaftliche Scherbenhaufen. Wir werden sehen…
Einer meiner zahlreichen Arbeitgeber hat mich mal gefragt, ob ich nicht einen akademischen Grad hätte, das würde sich besser auf meiner Visitenkarte machen. Meine Antwort: Ich habe einen Doktortitel in marxistisch-leninistischer Philosophie. Leider sind die entsprechenden Unterlagen von der Stasi verbrannt worden, denn das Thema meiner Doktorarbeit wurde als streng geheim eingestuft. Außerdem verbietet mir meine derzeitige Religion über derartige Dinge zu reden und so wird es wohl ein Geheimnis bleiben. Na ja, ich bin ja auch noch Flugzeugführer-Ingenieur.

Man möge mir diesen kleinen Exkurs verzeihen. Dafür gebe ich dem Leser jetzt ein sehr scharfes Werkzeug für die Beurteilung jeglicher Situationen an die Hand. Stellt euch die einfache Frage: Wem nützt es? Für die Antworten muss man oft etwas tiefer graben, dafür sind sie dann umso verblüffender.

Das neue Kapitel beginnt jetzt:

Mein Urlaub in Bulgarien trennte meinen Dienst in Strausberg vom neuen Dienstort Kamenz. Es war Ende September. Die Saison in den Urlaubsgebieten war zu Ende und ich erlebte Bulgarien, wie es wirklich war. Meine Cousine Ingrid studierte Zahnmedizin an einer bulgarischen Universität. Als Vorbereitung auf ihr Auslandsstudium hatte sie ein Jahr an einem speziellen Gymnasium für Fremdsprachen in Leipzig die Sprache erlernt. Sie lernte während des Studiums ihren späteren Mann kennen und schenkte ihm einen Sohn. Sie lebten nach dem Studium auf dem Land in der Nähe von Varna. Inmitten riesiger Felder existierte ein Dorf mit einem Landambulatorium und zwei Zahnärzten. Dorthin führte mich der erste Teil meiner Reise. Der zweite Teil führte mich entlang der Küste des schwarzen Meeres Richtung Türkei. Leider durfte ich nicht mit dem Schiff für einen Tag nach Istambul und darum reiste ich mit Bus und Bahn in die Gebirge Rila und Pirin zu einem Abstecher nach Melnik an der griechischen Grenze, damals wohl wegen des berühmten Rotweins Melnik Nr. 5. Auf diesem Teil wurde ich von der bulgarischen Staatsmacht begleitet, weil man vermutete, ich wolle mich über die griechische Grenze ins kapitalistische Ausland absetzen. Damals hatte ich für Privatreisen ins Ausland einen Personalausweis, für die Republik den Wehrdienstausweis. Kurioserweise stand im damaligen Perso noch der Beruf: Flugzeugführer. Das erleichterte die Befragung und der Weg nach Griechenland war frei. Nein, nicht wirklich. Ich kehrte brav zurück und trat meinen Dienst als Fluglehrer für mittlere Transportflugzeuge an der Offiziershochschule der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung am Standort Kamenz an.