Vitamin B (56)

Eine Bekanntschaft aus dem AT-Kurs besaß eine Schnittmenge zu meiner Dienststelle. Erikas Mann  Fritz diente vor meiner Zeit als Kettenkommandeur in meiner jetzigen Staffel. Jetzt arbeitete er als Inspekteur in einem Übergeordneten Stab und betreute maßgeblich die Einführung eines neuen zweimotorigen leichten Transportflugzeuges, der L-410 aus tschechischer Produktion. Obwohl alle AT-Teilnehmer sich zur Verschwiegenheit verpflichtet hatten, erzählte Erika ihrem Mann von meinen Wünschen. Fritz zog seinerseits unbemerkt Erkundigungen über mich ein und sprach mich eines schönen Tages an, lud mich zu einer Zigarette und anschließend zu Thüringer Klößen zu sich nach Hause ein. Völkers bewohnten eine großzügig geschnittene Plattenbauwohnung mit Fernheizung in einem ruhigen Wohngebiet Strausbergs. Ich klingelte, Fritz öffnete: “Komm rein, wenn wir alleine sind, sagen wir du, sind Genossen dabei, dann Genosse Oberstleutnant und sie, klar?” “Klar.”, entgegne ich. “Willste ´n Bier? Glas oder Flasche?”, fragt Fritz. “Glas.” “Hat Manieren, dein Thomas.” ruft Fritz Erika in die Küche zu. Ich gehe die paar Schritte in die Küche und begrüße mit einer innigen Umarmung Erika: “Guten Tag Erika. Wie geht es dir?” “Gut, danke! Und selber?”, antwortet sie. “Ich komm besser zurecht.”, entgegne ich, um nicht als geschwätzig vor Fritz dazustehen. “Er ist frech geworden seit er vom AT zurück ist, haben seine Vorgesetzten gesagt. Hat sich weg von Seppl und Rudi versetzen lassen. Ist jetzt in der Jugendbrigade. War zweimal beste Besatzung mit Seppl und gilt als ausgezeichneter Steuermann. Ist halt frech…” nuschelt Fritz in seiner unvergleichlich ruhigen Art.
“Hast dich wohl erkundigt? Kannst es nicht lassen…, schimpft Erika ihrem Fritz scherzhaft mit dem erhobenen Zeigefinger aus.
“So, Du willst also Fluglehrer werden. Da kann ich etwas für Dich tun. Dann muss aber auch was von Dir kommen: Zuverlässigkeit und Spitzenleistung. Versprich mir das!” “Ja!”, gab ich schnell zurück.
Erika und Fritz stammten aus Bad Salzungen, 30 Kilometer von meinem Schmalkalden entfernt. Mental, so als gebürtige Thüringer, waren wir also auf einer Wellenlänge. Erikas Thüringer Klöße mit Rinderrouladen schmeckten vorzüglich, nach Heimat eben. Nach dem Essen spazierten wir aus dem Plattenbauwohngebiet hinaus, halb um den Straussee herum, hinein in eine Kerbe der Hügellandschaft aus der vorletzten Eiszeit. Die Hügel bildeten nach Nordosten einen Wall um den Straussee und waren gemischt bewaldet. Kiefern wechselten mit Birken, Eichen und Buchen. Den Einschnitt in diesen Wall verursachte sicherlich ein unter dem vorrückenden Eispanzer befindlicher, besonders großer Stein. Anschließend baggerte die Urzeitgewalt noch das Loch für den Straussee aus und ließ den Aushub als Hügel für die spätere Stadt liegen. Im Einschnitt hatten besser betuchte Strausberger ihre Datschen links und rechts eines Weges errichtet. Völkers gehörten zu den Pionieren und errichteten ihre Finnhütte direkt am Taleingang nach Süden mit Blick auf den Straussee. Es gab Strom, Trinkwasser und thüringer Gemütlichkeit.