Letzter Versuch (62)

Bernd dient als Kettentechniker in der Transportfliegerausbildungsstaffel und ich begreife sehr schnell, dass er mit Babett zusammen ist. Babett, unser aller Schwarm. Schon als vierzehnjähriges Mädel wusste sie genau, mit welchen von uns Kerlen sie schlafen wollte und wie sie uns allen den Kopf verdreht. Nun ist sie sechzehn und Bernd ist ihr verfallen. Frieda hat den Namen Bitsch angenommen. der Schwarm meiner Zeit als Flugschüler in Kamenz, verheiratet mit Bitsch! Dabei hatte ich ihr angeboten: “Frieda, heirate mich!” “Aber ich liebe ihn doch!”, war ihre Antwort. Und Nüller, der alte Trunkenbold mit seinen Sixpacks Erfurter Bier. Alle waren sie mir ans Herz gewachsen und ich freute mich auf sie. Das ist die Entscheidung, denke ich und fahre zurück nach Strausberg. Ich habe noch ein halbe Jahr Zeit und das Gefühl, dass sich mehr Leute als sonst für mich interessieren, weil ich bald nicht mehr hier bin.

Ein Besatzungskommandeur, alle nennen ihn Mc Piepe feiert seinen fünfzigsten Geburtstag. Das ist gleichzeitig sein Entlassungstag. Auch er hatte sich wie alle ursprünglich zu fünfundzwanzig Dienstjahren verpflichte. Kurz vor Erreichen dieser Zeit fragen die Kaderoffiziere der Streitkräfte prinzipiell jeden, der geeignet ist, seine Dienstzeit bis zum Erreichen des fünfzigsten Lebensjahres zu verlängern. Gerade beim fliegenden Personal sichert man sich so erfahrene Spezialisten. Als Gegenleistung gab es dann eine Art Frührente, von der man eigentlich schon ganz gut leben konnte. Wegen Geld hätte man dann nicht mehr arbeiten müssen. Piepe hatte einen solchen Vertrag. In den letzten fünf Jahren redete er nur noch davon, dass er mal Bürgermeister von Schollene wird, wenn er nach Hause geht. Jetzt war Schluss und Mc wird tatsächlich Bürgermeister. Mc war der Besatzer, Abk. für Besatzungskommandant von Witsche, einem untersetzten Mitdreißiger, der im Kupfererzbergbau gelernt hat und stets mit seinem Deputatschnaps und der zukünftigen Bergmannsrente protzte. Schließlich hatte ihn die Arbeiterklasse zu den bewaffneten Organen delegiert und darum zählt die Zeit hier wie Arbeit Untertage. Mc war zwar der Boss von Witsche, mochte mich aber mehr und fand, dass ich sein Erbe in der Staffel antreten sollte. Darum übergab er mir seine so genannten gesammelten Werke, selbst gemalte Spickzettel für´s Fliegen. Ich bedanke mich überschwänglich und verstaue alles sorgfältig im Schrank. Der Kommandeur verabschiedet Mc feierlich vor den angetretenen Offizieren seiner Staffel und es gibt ein etwas umfangreicheres und ausgedehntes Mittagessen mit Mc´s Lieblingsspeise. Danach ist Dienstschluss befohlen und der Roburbus der Staffel fährt das fliegende Personal in die Kneipe auf die gegenüber liegende Flugplatzseite. Die alten Geschichten werden erzählt aus den Zeiten, da man innerhalb der Kaserne ein eigenes Offizierskasino mit Billard hatte und nach jeder Flugschicht eine hob. Ich habe das Gefühl dazu zu gehören und der Stsaffelsteuermann Kolja nimmt mich auf eine Zigarette zur Seite: “Oberleutnant, die Alten sind nur ein paar Jahre auseinander, die gehen alle. Dann werden Stellen im Stab frei, die meine Generation besetzt und ihr seid dann die jungen Wilden. Die Staffel hat euch jungen Leuten viel zu bieten, unser Flugplatz wird bald ausgebaut, willst du da wirklich an die Schule zurück? Du bist doch gar kein Militär. Hier passt du doch viel besser rein. Wenn du NEIN zu Kamenz sagst, ziehen wir das mit dir durch. Was ist nun?” Ich schüttel bedauernd mein Haupt: “Ich kann nicht mehr zurück. Da haben sich schon Leute persönlich für mich verwendet, die will ich nicht enttäuschen.” “Gut”, beschließt Kolja unser Gespräch,” du weißt, wo ich zu finden bin und kannst jederzeit zu mir kommen.” “Danke, Genosse Major.” Er klopft mir auf die Schulter und wir gehen wieder feiern. Am nächsten Tag sichte ich unter Witsches neidischen Blicken, denn schließlich tragen die meisten Dokumente seine Handschrift, meine Geschenke. Es ist die Blaupause eines erfüllten Fliegerlebens. Ich muss einsehen, dass mir das Mc`s Erbe nicht zusteht und übergebe alles an Witsche. Er nimmt ab sofort die Planstelle von Mc ein und erhebt sich damit über Max, Bulli und Hilde. Ich bin sicher, jeder von uns beherrscht sein Handwerk so gut, dass man ihm die Führung einer Besatzung anvertrauen kann. Seit Jahren wird in regelmäßigen Abständen über den Missstand der Trennung in der Dienststellung zwischen ersten Flugzeugführer (Besatzungskommandant) und zweiter Flugzeugführer nachgedacht. Hintergrund dabei: bei der GST wird diese Maschine von nur einem Piloten geflogen. Würde man alle erfahrenen Flugzeugführer der Staffel als erste FF führen, wäre die Planung wesentlich flexibler und die Motivation der Truppe wesentlich höher. Als Arbeitgeber müssten die Streitkräfte dann natürlich auch das betreffende Personal besser bezahlen, woran es letztlich immer wieder scheitert, denn dann wäre man gezwungen, dieses Modell auch auf andere Flugzeugtypen auszuweiten. Das jedoch ist nicht mehr mein Problem. Witzig ist auch folgendes: da meine Ausbildung als Fluglehrer abgeschlossen ist, könnte ich bei Flugschichten eingesetzt werden, aber meine Dienststellung als zweiter FF verbietet es. Da mein Besatzer in die hohen Regionen eines Staffelsteuermannes eingearbeitet wird, hat er seinen Schreibtisch in das Dienstzimmers des Oberst verlegt. Es sind umfangreiche Planungsunterlagen für den Ausbau des Flugplatzes zu erstellen und es dauert nicht lange, da wird auch mein Zeichentalent benötigt. Das Stabsgebäude, welches ich fast zwei Jahre erfolgreich gemieden habe, wird zum Mittelpunkt meiner Tätigkeit. Ich investiere in ordentliche Zeichengeräte und beiße mich mit Urmel durch die Planungsunterlagen. Wir streichen unsere ausgedehnten Dauerläufe und nehmen am Dienstsport der Stabsoffiziere teil: Fußball oder Volleyball, je nachdem, was der Stabschef gerade verboten hat: bricht sich jemand einen Finger beim Volleyball, gilt das als gefährliche Sportart und Fußball ist erlaubt bis ein Fuß verstaucht wird. Wir haben gerade Fußballzeit: rote Turnhose, gelbes Turnhemd und schwarze Sportschuhe sind als Dienstkleidung befohlen und es geht im Laufschritt zu unserem Fußballfeld. Zwischen Dienststelle und Flugplatz gibt es ein zwei spitzwinklig abzweigende S-Bahngleise, die beide durch Tore in der Mauer um das Ministerium für Nationale Verteidigung führen. Das ist unsere Spielwiese. Zwei Mannschaften spielen auf ein Tor vor der Mauer. Der Torwart hat neutral zu sein. Leider spielen in beiden Mannschaften immer wieder verbissene Zeitgenossen mit, die dann irgendwo am Horizont, dort wo sich die Gleise treffen, um den Ball streiten, während sich der Rest vor dem Tor langweilt und der Torwart aus lauter langer Weile eine Zigarette raucht. Der Oberst gilt als redselig und torgefährlich und wird stets von mehreren Gegnerischen Gesprächspartnern gedeckt. Ein Hineinbugsieren des Balles in seinen begrenzten Aktionsradius als Standspieler ist ein unbedingte Muss. Als Vollstrecker schlechthin hat er stets leichtes Spiel mit ihm unterstellten Torleuten. Als Auslaufmodell der Truppe gelte ich als einigermaßen neutral und werde immer öfter in das Tor verbannt. Unser Sportoffizier sorgt stets für ausgewogen wechselnde Mannschaftszusammensetzungen um größere dienstliche Komplikationen zu vermeiden. Nach dem Spiel leidet unsere Körperhygiene immer etwas unter der Abwesenheit von warmen Wasser in der Nasszelle unsere Baracke. Ich vermisse diese Truppe jetzt schon.

Mit einem vierwöchigen Bulgarienurlaub geht mein Dienstverhältnis in Strausberg zu Ende und ich breche nach Kamenz auf. In letzter Minute entschließt sich mein Freund Bodo, mich zu begleiten. Seine neue Flamme wohnt in Dresden. Ich freue mich darauf, gemeinsam mit diesem unkonventionellen, geradlinigen Menschen neu anzufangen.