Geschichte(n), die niemand braucht (51)

 

Die Sache lässt mich nicht los und so verfasse ich zwei weitere Seiten in jenem Buch:

Was ist nur los mit mir? Ich habe mich kolossal gehen gelassen, mich wieder angesteckt an dieser dämlichen, ungesunden Hektik in dieser gottverdammten Dienststelle. Und ich habe das autogene Training vernachlässigt, regelmäßig Bier getrunken, unregelmäßig Sport getrieben und mich wenig um die Organisation meiner Freizeit gekümmert, die ich sinnvoller nutzen muss. Zurzeit verbringe ich meine Zeit, das heißt die objektiv vorhandene Zeit, die ich hier in der Wohnmaschine in der Nähe des Telefons verbringe, damit, mich zu ärgern, dass ich hierbleiben muss. Somit bleibt mir a: die Betäubung durch Alkohol, b: die Betäubung durch Musik oder c: die Betäubung durch Literatur. Ich weis, dass ich letztere beiden einseitig angehe. Jedenfalls muss mein Leben sinnerfüllter werden. Ich werde meine Isolation durchbrechen. Ich brauche Licht, Luft und Freunde.

Manchen Menschen ist es gegeben, andere zu führen, zu leiten – ich meine nicht alle die das in der Realität wirklich tun, sondern in dem Falle die, die dazu berufen sind, die das Talent zum Alpha-Tierchen haben oder wie auch immer man es nennen mag. Sie haben mir (anscheinend) etwas ganz Wesentliches voraus: sie sind so fest gefügt in ihrer Persönlichkeit, dass sie nur einen Bruchteil der ihnen zur Verfügung stehenden Zeit und Aufmerksamkeit darauf verwenden müssen, ihre innere Ruhe zu finden. Oder kann man das auch geschickt schauspielern? Man kann es nicht wirklich. Jedes Mal, wenn ich Anette treffe, versuche ich es. Sie ist zur Zeit in einer üblen Stimmung und versucht es vor mir zu verbergen. Und ich reagiere wie ein Trampel. In ihrem schwarzen Mantel wirkt sie so alt. Ist sie schön? Liebe ich sie? Ich mag sie. Ja, ich muss meine Gefühle dieses Mal gründlich ausloten. Ich möchte nicht, dass sich gewisse Fehler in meinem Leben wiederholen und mich zu guter Letzt zu einem gefühllosen Etwas, oder dem Gegenteil davon, werden lassen. Ich bin wieder an dem Punkt angelangt, an dem sich das große Gefühl mit dem Alltag trifft und mich bis jetzt jedes Mal zum Abdrehen brachte um mich nicht festlegen zu müssen und die vermeintliche Freiheit wieder alleine für mich zu haben. Freiheit, die keine ist und sich jedes Mal als große Einsamkeit entpuppt. Das gab es doch schon mal! Hatte ich mich nicht beinahe schon mal dazu aufgeschwungen – nein entschlossen, ein Leben an der Seite einer Frau zu führen, die mich nicht verstand und die ich darum nicht hätte lieben können? Ich habe Angst davor, dass ich nochmal enttäuscht werde. Ich weis es nicht und nicht wissen führt zur Angst, und das ist schlimm und macht traurig. Anette ist dabei, einen Schlussstrich unter sechs Jahre ihres Lebens zu ziehen. Den Grund kenne ich und den Anlass dazu auch. Es ist mir auch egal, was andere Leute von mir denken. Mache ich alles nur mechanisch oder ist es mir wirklich ein Bedürfnis? Nein, ich will nichts bereuen, keine Sekunde. Die Zeit, die ich mit ihr zusammen bin, will ich genießen, endlich leben lernen, gezwungen werden zu meinem Glück. Eigentlich ist es ja egal, an welchen Ort wir miteinander zum Leben hingehen. Trotzdem darf ich nicht so viele Kompromisse eingehen, hat sie gesagt. Unser Leben muss uns beiden Spaß machen und wir müssen es gemeinsam einrichten. Zusammenleben bedeutet mehr zu Kennen als das Sonntagsgesicht des anderen. Ich muss sie richtig kennen lernen, ihre Umwelt, Ansichten, Bedürfnisse. Ich glaube, nur so kann man sich ein Bild machen über den anderen Menschen und nur so baut sich ein echtes Gefühl auf. Ich bin wirklich immer bei der Erscheinung stehen geblieben, ohne das Wesen jemals kennen gelernt zu haben. Nur das Wesen, das ist es, die Seele, die man lieben muss, alles andere ist Quatsch. Schönheit ist vergänglich, nur bleibende Werte sind real. Ich möchte nicht mit Lügen und Kompromissen leben, ich möchte zur Seele vordringen und echte Beziehungen zu meinem Partner haben. Mich zwingt ja auch niemand, ich kann also ganz frei von Zwangsvorstellungen an unsere Beziehung herangehen. Ich will – jetzt will ich. Sie ist meine Chance. Sie ist es, die mich beflügelt, über mich hinauszuwachsen, wieder durchzublicken, Wurzeln zu haben, mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen. Wie schön, wenn da jemand ist, den man gern hat. Bin ich mir nun selbst böse, weil ein anderer mich mehr liebt, als ich mich selbst? Fehlt mir die Erfahrung für eine ernst- und dauerhafte Beziehung, oder warum bin ich so komisch? Die anderen sagen, ich sei in letzter Zeit ausgeglichener.

Die Kommandierung nach Eilenburg bringt mich auf andere Gedanken. Wir arbeiten mit den jungen, Fallschirm springenden Damen des Sport Clubs Dynamo. Ich sehe dort so viele schöne Mädels und plötzlich möchte ich gerade mal wieder keine feste Bindung. Das oberflächliche Sein hat mich wieder und ich tätige einen feigen Anruf, durch den ich alles, was zwischen Anette und mir war, mit einem Schlag beende.