Geschichte(n), die niemand braucht (48)


In allen Einheiten der NVA gab es eine Planstelle im Offiziersrang, deren Inhaber sich mit Kultur beschäftigte, der Kulturmaupel. Nun ist Kultur ein großer Begriff. Die allseitig gebildete sozialistische Persönlichkeit zeichnet sich unter anderen durch ein gesteigertes Interesse an Kunst und Kultur aus. Dem hohen Anspruch folgend, kümmerte sich unser Kulturmaupel um das in solch einer kleinen Einheit Machbare. Dazu gehörten Gespräche oder Buchlesungen innerhalb der Kaserne und Konzertbesuche außerhalb und die Patenbrigade. Das waren die Mädels vom Centrumwarenhaus in Berlin, dem Kaufhaus des Ostens.

Quelle: Jim Cooper https://www.flickr.com/photos/eastgermanpics/

Da die Bürger der Republik in diesem Schaufenster des Ostens nicht nur für sich selber einkauften, sondern zusätzlich noch ganze Listen von Freunden und Verwandten abarbeiteten und dann noch Waren zum Tausch mitnahmen, räumten die fleißigen Mädels jeden Morgen ihr Kaufhaus voll. Jeden Samstag listete man das Inventar um einigermaßen den Überblick zu behalten. Und da kamen wir ins Spiel, denn das konnten wir auch und den Mädels war es recht, wenn sie mal weniger hart arbeiten mussten. Dafür traf man sich einmal wöchentlich nach der Arbeit zu einem gemeinsamen Vergnügen. Beide Seiten handelten das dann noch als Veranstaltung der Freien Deutschen Jugend (FDJ) ab. Zunächst blieben die jungen Piloten von dieser Veranstaltung ausgeschlossen, da nach persönlicher Einschätzung des Kulturmaupels, die anderen Genossen nicht mehr so gut bei den Mädels landeten wenn wir auftraten. Ich war der Erste und sollte auch der letzte bleiben. Eines Tages sprach der Kulturmaupel zu mir: „Geh´ doch mal mit, die wollen mal einen richtigen Flieger in Uniform sehen.“ „Was?“, fragte ich zurück, „Ihr geht da immer in Uniform hin?“ „Ja natürlich, die ziehen ja auch ihr FDJ-Hemd an.“ Besorgt fragte ich zurück: „Und da fahrt ihr mit der S-Bahn bis ins Stadtzentrum und habt keine Angst, dass ihr verprügelt werdet?“ „Nein man, wir fahren immer zusammen, da traut sich keiner an uns ran.“ Dazu muss man wissen, dass Uniformierte nicht sehr beliebt waren in der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Wir zogen also unsere besten Uniformstücke an und machten uns auf dem Weg. Eine Feier war angesetzt: Auszeichnung der besten Kollektive und Verkäuferinnen in Beisein der Pateneinheit mit anschließendem Tanzvergnügen. Wir saßen an einer riesigen Tafel in Form eines U. Eine Wand des hellen, nüchternen Raumes bestand aus Glas und gab die Sicht auf die Hauptstadt frei. Meine Augen durchstreiften den Raum, ich musterte die anwesenden Personen. Alle waren jünger als 30, aufgeweckt und typische Berlinerinnen. Sie waren in dem Bewusstsein Hauptstädter zu sein aufgewachsen in einer Zeit, da der kalte Krieg durch friedliche Annäherung ersetzt wurde. Man arbeitete und lebte in einer anderen Welt als der Rest der Republik. Ich sah in zwei lustige, ausgelassene Frauengesichter, die zu mir schauten, miteinander tuschelten, lachten und wieder zu mir schauten. Ich ging zu ihnen und forderte mein Mitlachen ein. Wir haben über die unmoderne Uniform gelacht… schaute mir in die Augen und rief: „Nee, ick muss ma uff Toilette!“, sprang auf und rannte los. „Was ist mit der los?“, fragte ich ihre Freundin. „Is verlobt, die Göre, Verlobter is jerade bei der Fahne und dann kommst du und machst ihr schöne Ogen.“  „Aber, ich will doch gar nichts von ihr.“, entgegne ich. „Aber sie von dir mein Lieber. Und wenn de se schlecht behandelst, bekommstes mit meiner Wenigkeit zu tun, also mach se glücklich!“ spricht sie mitten in mein verdutztes Gesicht. Ich wusste nichts zu entgegnen. Da rennt man in der Weltgeschichte rum und hält Ausschau nach der Traumfrau und in Wirklichkeit reicht ein einziger Blick. Als sie wiederkam, sah ich, dass sie geweint hatte. Ihr Make Up war notdürftig in Ordnung gebracht. „Ich kann nichts dafür.“, sage ich und sie entgegnet: „Nein, du bist nicht schuld. Zieh bitte diese Jacke aus und dann tanz mit mir.“ Sie umschlang mich, als wären wir schon eine halbe Ewigkeit zusammen, schluchzte und atmete schwer. Durch meine graue und ihre blaue Bluse spürte ich ihre Brüste. Im Rhythmus der Musik rieben sich unsere Körper aneinander. Wir waren erregt. „Das darf nicht sein!“, presste sie den Tränen nahe heraus, riss sich los und rannte aus dem Raum. Ihre Freundin hatte mir Namen und Telefon auf eine Streichholzschachtel geschrieben und im hinterher rennen zugeworfen. „Ruf morgen an, ick kümmer mich.“ Das Fest war am zu Ende gehen und wir traten den Rückzug an. „Wir helfen am Samstag wieder bei der Inventur, willste mit?“ fragt der Kulturmaupel. „Hab Einsatzbesatzung, von Samstag früh bis Montag früh“. „Dann haste ja Montag und Dienstag frei. Sozusagen. Willste die scharfe Braut wiedersehen. Weis nicht, die hat ´nen Macker, der ist Soldat. Woll´n nach der Asche heiraten. Mach was du denkst“. Sagts und lässt mich stehen.

 

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