Geschichte(n), die niemand braucht (46)


Der Standort Strausberg hatte eigentlich einiges zu bieten. Nur zwei Gehminuten vom Wohnheim gab es den Straussee, ein kristallklares Gewässer, das einfach zum Schwimmen einlud. Berlin mit all seinen Annehmlichkeiten erreichte man bequem mit der S-Bahn.

Dispatcher beim Sonnenbad auf dem Tower, der beim Bild oben im Hintergrund steht

Gestört hat mich eigentlich nur die Abwesenheit einer eigenen Wohnungstür. Ein solides Brett vor dem Loch in der Wand von meiner Wohnung, hinter der sich mein eigenes Leben abspielen könnte. Fast meine gesamte Dienstzeit habe ich in sogenannten Ledigenwohnheimen zugebracht. Im Sommer hat mir das nichts ausgemacht, da war ich Segelfliegen. Im Winter war´s einfach nur nervig. Die kleine Fliegereinheit am Standort Strausberg unterhielt kein eigenes Wohnheim. Daher bewohnten Kelmo und ich ein Zimmer im Wohnheim des Ministeriums für nationale Verteidigung. Kelmo litt an ständigen geruchsstarken Ausdünstungen, Anwesende dann bald auch. Außerdem war er ein Freund des zuständigen Genossen der Abteilung 2000, wie sich die Staatssicherheitsleute in der Armee nannten. Kelmo ist dann auch die Treppe nach oben gefallen und hat eine richtig vorbildliche Fliegerkarriere gemacht. Doch zunächst haben wir zusammengewohnt. Irgendwann hatte ich die Idee, einen kleinen russischen Fernseher anzuschaffen, um wieder alle Programme dieser Welt zu empfangen, wie ich es von da gewohnt war, wo ich aufgewachsen bin. Kaufen konnte man ein solches Teil bei unserer russischen Pateneinheit. Als Sieger im Zweiten Weltkrieg hatte die Sowjetarmee auch einen Flugplatz nordöstlich von Berlin mit dem Namen Werneuchen besetzt. Dieser Flugplatz ist wohl auf Grund seiner strategischen Lage zu Berlin nicht der verständlichen Zerstörungswut der Sowjetarmee zum Opfer gefallen. Die sowjetische Führung stattete, als Reaktion auf das Potsdamer Abkommen, diesen Flugplatz mit allem aus, was man für notwendig hielt um die kapitalistische Enklave Westberlin innerhalb weniger Minuten in Schutt und Asche zu legen. Es herrschte Kalter Krieg. Offizielle Politik zwischen der Sowjetunion und der DDR war die brüderliche Freundschaft, nur das zunächst der Sieger dem neuen Bruder alles weggenommen hatte. Aber es musste ein Bollwerk her gegen den Kapitalismus und die neuen deutschen Brüder waren klug und fleißig, ihre Führer hörig. Mann durfte sie nicht durch den Kapitalismus verblenden lassen, der den Westen Deutschlands mit Hilfe des Marschall-Planes aufbaute. Also ließ man sie machen, lieferte Stahl, Öl und Waffen und bildete ihre Führer aus. So kam die russische Sprache in die Streitkräfte der DDR und es entstanden Kontakte und Freundschaften. Das Verhältnis zwischen den Verbündeten Streitkräften wurde immer bewusst kühl gehalten. Man war die Besatzungsarmee und der kleine Bruder hatte seine Spielzeuge, sollte sich im kalten Krieg mit seinem Gegenüber herumärgern, schließlich hatten die ja die gleiche Sprache. Nichtsdestotrotz hielten ein paar persönliche Freundschaften. Eine solche, durch regelmäßigen gemeinsamen Genus großer Mengen Wodka gepflegte, bestand zwischen dem Staffelsteuermann der VS 14 und seinem russischen Kollegen in Werneuchen. Sie war nicht ohne Folgen für uns: Einmal monatlich fand sich der russische Militärhandel aus Werneuchen im Lageraum unserer Einheit ein. Das Unternehmen war streng geheim, Bargeld in ausreichender Menge war bereitzuhalten. Die russischen Verkäuferinnen boten alles feil, was uns der volkseigene Handel vorenthielt: Jeans, Kaffeemaschinen usw., alles aus DDR-Produktion. Der Handel in der DDR war staatlich gelenkt und hatte bei der Versorgung eine Prioritätenliste zu beachten. Ganz oben standen die Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in der DDR. Schön für uns. Wollte man einen kleinen Fernseher, musste man beim Steuermann eine Bestellung abgeben. Die Lieferung erfolge relativ zügig, da die Pateneinheit Moskau direkt unterstand und der Kommandeur einmal wöchentlich mit einem Jagdflugzeug zum Rapport flog. Bei dieser Gelegenheit konnte man schon mal einen kleinen Televisor oder ein paar seltene Fische, lebend in einer Plastiktüte auf dem Schoß, ab und zu mal mit Sauerstoff aus der Maske versorgt, für seine Freunde mitbringen. Den Zierfischladen steuerte unser russischer Freund mit seiner MIG-25 übrigens in Leningrad an. Mein kleiner russischer Fernseher ist wohl auch so ähnlich in die DDR gelangt.

Da aus dem Zimmer in der 6. Etage des Wohnheims, welches Kelmo und ich bewohnten, eine quasi optische Verbindung nach ganz Berlin bestand, quoll der kleine Flimmerkasten vor Programmen über. Man durfte es halt nicht laut machen, wegen der Lauscher. Das der schon im Telefon neben dem Fernseher saß, wusste ich zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht. Da ich öfter mit Freunden in anderen Einheiten telefonierte, nutzte ich mein Telefon auch. Vermittelt wurde über die Zentrale des Ministeriums, also wurde auch mitgehört. Also ließ man es bei Andeutungen, sprach nicht über Dienstliches und benutzte oft die Floskel: „Nicht am Telefon“. Als aufmerksamer Mensch wunderte ich mich eines Tages über das Gewicht des Hörers. Ich nahm das Telefon hoch, betrachtete es von allen Seiten – es war wie immer, nur der Hörer…Schraubgewinde aus Kunststoff…also runter mit dem Deckel: unter der Sprechmuschel lag tatsächlich eine Wanze. Das Gewicht kam von der eigenen Batterie des Teiles. Kelmo war duschen: das musste er wissen. Die Dusche war auf dem Gang, ein paar Türen weiter. Ich rief: „He Kelmo, die hören uns ab!“ „Mach keine Witze!“ kam es aus der Dusche. Ich erwiderte: „Doch, komm mit, ich hab das Ding gefunden.“ Kelmo riss die Elektronik aus der Sprechmuschel und legte sie Neben das Telefon, schraubte der Hörer zu und legte auf. Der Apparat klingelte, die Rezeption verlangte mich, es sei Besuch für mich das. Ich eilte zum Fahrstuhl und fuhr hinunter. Die Dame hinterm Tresen verkündete, dass der Besuch verschwunden sei und ich fuhr wieder hoch. Kelmo duschte wieder, die Wanze war auch verschwunden. Was war so wichtig an mir, dass man mich abhören musste und wer tat das? Ich durfte gar keinen Besuch empfangen in meiner Hälfte der 5 mal 2 Meter, die Anrufe wurden schon abgehört, blieb nur das Fernsehen: was für ein Aufwand für den Ton des Westfernsehens. Es war Militärangehörigen verboten, Sender des kapitalistischen Auslandes zu empfangen, aber jeder tat es. Wollte man mir einen Strich daraus drehen? Und was war mit Kelmo? Der war doch ein Freund von denen.

Mein ganz persönlicher Beitrag für meine Leser:

Mehr Geld?!  spardocheinfach.online

kostet euch nichts und hilft den ganzen Alltagskram einfach zu optimieren. Da bleibt mehr Geld und vor allem mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Schaut´s euch einfach an.
Vergleichen lohnt sich!