Geschichte(n), die niemand braucht (45)

Lachend und kopfschüttelnd nahm der Werkspilot die beiden Flugzeuge in Empfang und sagte: „Ihr Deutschen, was macht ihr nur mit den Flugzeugen? Wenig fliegen, nur schrauben und putzen!“ In der Tat war der Zustand der grün/braunen Viersitzer besser als neu. Das lag aber nicht am wenig fliegen, sondern einfach an der Tatsache, dass diese Maschinen von den Technikern geliebt wurden. Anders als bei der russischen AN-2, die für Polargebiet und Wüste, Autonomie abseits von Pisten und Hangars gebaut wurde, bestand die „Z“ aus filigranen Teilen, Geräten und Aggregaten, eben aus einer anderen Zeit. Duraluminium und Luftfahrtstähle nach der strengen englischen Norm inspirierten die brillanten tschechischen Ingenieure zu vollendetem Leichtmetallflugzeugbau. Der Hauptholm des Flügels ist luftdicht und mit Stickstoff bedruckt. Das Manometer auf der Mittelkonsole zeigte 2,3 Kilopond pro Quadratzentimeter, ein Beweis für die Dichtheit des Holms und damit für dessen Unversehrtheit. Jeder noch so kleine Haarriss würden den Stickstoff entweichen lassen und sich damit verraten. Ein Trimmrad ermöglichte genauste Einstellung jeder Geschwindigkeit, der Gasgriff am Gerätebrett mit seiner Feststellschraube exakte Ladedruckeinstellung. Die automatische Verstellluftschraube passt auf genial einfache Weise die Blatteinstellung der Fluggeschwindigkeit an und die Einspritzanlage lässt nicht einmal den Gedanken an Vergaservereisung aufkommen. Effektive Ruder, großzügige Instrumentierung, Supersicht, einfachstes Handling, angemessener Komfort und Robustheit haben diese Flugzeuge beliebt gemacht.

Kommen Sie in zwei Wochen wieder, wir machen die Testflüge und gut. Wir fuhren mit dem Bus nach KUNOVICE, Produktionsstandort für L-410 und L-39, und von dort brummten wir als Passagiere einer unserer L-410 nach Hause.

Urmel flog wegen der Teilnahme an den Testflügen zwei Tage früher nach Otrokovice. Als wir ankamen, hatte er Räuberzivil (Jeans und Lederjacke) an und war bester Laune. Der Werkspilot hatte ihm das komplette Kunstflugprogramm der Nationalmannschaft auf unseren Flugzeugen vorgeführt und Urmel berichtete uns begeistert was da alles geht mit so einer Z-43. Die Maschinen waren noch so wie wir sie gebracht hatten, also bestens. Sicherlich hatten sie neue Kerzen reingeschraubt und das Öl gewechselt…

Wir bezogen unser Hotel, verkleideten uns ebenfalls und kauften ein: Gläser für Wein, Bier und Schnaps, Karaffen und einige Kästen Bier. Genug um die hinteren Sitze bis unters Glasdach zu beladen. Die viersitzige Z-43 hatte das gleiche Triebwerk wie ihre zweisitzige Schwester, die Z-42, ein Walter Reihenmotor mit 180 PS. Für 4 Sitze etwas wenig. Um die Abhebegeschwindigkeit wieder runter auf das Niveau der Z-42 zu bekommen, erhöhte man die Spannweite, was gleichzeitig Platz für Zusatztanks geschaffen schaffte. Unser waren voll und der Flieger wog das, was er maximal wiegen durfte. Der Zollbeamte lächelte über Bier und Glas, drückte seinen Stempel auf die Ausfuhrpapiere und wünschte einen angenehmen Flug. Einen letzten Außencheck, Probelauf, aufstellen als Paar auf der Piste, Bremse voll, Leistung Maximal, Turbolader zuschalten und ab geht’s. Der Walter-Motor hatte genau für diesen Zweck einen zuschaltbaren Turbolader. Die Betriebszeit war während der Lebenszeit des Triebwerkes auf nur wenige Stunden limitiert und musste extra in der TW-Dokumentation vermerkt werden. Der sonore Sound des Walters wird ein wenig härter, die Luftschraube überdreht etwas bis die automatische Verstellung wieder abregelt und ein paar PS mehr sind mobilisiert. Der Startlauf erschien von der Beschleunigung trotz maximaler Beladung daher normal. Nach dem Einfahren der Startklappe und dem Aufholen von 180 Stundenkilometer Reisegeschwindigkeit schalteten wir den Lader wieder ab. Das höhere Gewicht wurde nun durch etwas mehr Triebwerksleistung und dadurch höheren Benzinverbrauch kompensiert. Ständig umeinander tanzend zogen wir unsere Bahn Richtung NNW. Der Dispatcher im Turm von Otrokovice hatte einen geraden Strich auf unsere Flugkarte gezeichnet und gestikuliert, dass wir so nach Hause fliegen sollen. Darum haben wir den Heimweg genossen, ohne Feinnavigation, einfach nur grob nach den großen markanten Merkmalen der wunderschönen Landschaft. 50 Meter über Grund und ein ausreichend motorisierte Flugzeug sind ein Riesenspaß. Durch entsprechenden Leistungsüberschuss kann man die Höhe dem Relief der Landschaft anpassen und hat immer das berauschende Gefühl der Geschwindigkeit, alles rennt vorbei, Leute winken, Traktoristen springen vom Bock, Liebende bedecken die nackten Körper und drohen schelmisch nach oben, wenn man die zweite Schleife über ihnen zieht.

Hinterhermsdorf ist der Einflugpunkt in den eigenen Luftraum, auf 500 Meter steigen und den ZGS informieren. Komisch, denke ich, dass man auf dieser Frequenz überall gehört wird und immer eine Antwort in angemessener Lautstärke bekommt. Der Rest der Strecke findet auf unserm Standardstreckennetz statt und endet in Strausberg auf den Backsteinvorfeld aus der Kaiserzeit. Ich hole meinen Trabi vom Parkplatz und wir laden die Beute um. Wir bieten Urmel Soforthilfe beim Austrinken des Bieres an, der lehnt dankend ab. Wir sollen nächste Woche kommen, dann gibt’s das Bier zum Geburtstag. Wir haben dann aber doch Berliner Pilsner getrunken, weil das tschechische Bier nicht pasteurisiert war und einfach schlecht geworden ist.