Geschichte(n), die niemand braucht (44)


Ein Spezialauftrag führte mich ins slowakische Otrokovice. Dort ist die Flugzeugwerft der ZLIN-Flugzeuge beheimatet. Dort waren die beiden ZLIN-43 unserer Staffel geboren und die quasi aeronautische Variante ihrer Geburtsurkunde verlangte eine Begutachtung durch die Eltern im Geburtshaus, zu gut deutsch: Flugzeug muss zum Hersteller.

Ein Flugzeug wird wartungstechnisch in die Flugzeugzelle (sprich: Zelle) und das Flugzeugtriebwerk (sprich: Triebwerk) unterteilt. Diese beiden großen Baugruppen haben je eine geplante Lebensdauer, die in Betriebsstunden seit der Inbetriebnahme ausgedrückt wird. Der Hersteller legt fest, wann, in welchem Umfang und durch wen Kontrollen oder Austausch von Teilen durchgeführt werden muss. Da es auch ausgesprochene Wenignutzer gibt, legt der Hersteller beispielsweise eine Kontrolle nach 500 Flugstunden oder 5 Jahren fest.

Unsere ZLIN-Babys waren 5 Jahre bei uns und hatten Sehnsucht nach Mama und Papa.

Hauptmann Wolfgang Eltner, die Urmulung oder kurz Urmel genannt, war mein Erster (Besatzungskommandant). Weil er zuverlässig, fleißig, schlau und loyal war, zählte er zu den engsten Freunden des Staffelsteuermanns, dem Dicken oder auch Oberst genannt. Diese Freundschaft hatte nicht nur Vorteile, sie verschaffte einem auch eine ganze Menge Arbeit. Durch diese Arbeit wiederum gewann man allerlei Einblicke und Kenntnisse, wodurch man dann wiederum zu noch qualifizierteren Arbeiten herangezogen wurde. Flüge ins Ausland, im Grenzsperrstreifen oder über See waren solche Aufgaben. Geplant wurde das alles im Raum zwischen dem Staffelsteuermann und dem Kommandeur, dem sogenannten Lagezentrum. Eigentlich war das die Wirkungsstätte eines Stabschefes, doch diese Posten waren stets durch Nieten besetzt. Es war eine Art seitliche Arabeske, auf die man jemanden schieben konnte, der nicht von selber gehen wollte und nichts mehr anstellen sollte. Die Flieger selber hatten ihre Befehlsstruktur, die Techniker und die Flugplatzleute die ihre, der Chef des Stabes erhielt eigentlich erst reale Macht, wenn alle anderen aus dem Stab den Flieger bestiegen hatten. Bis dahin herrschte er über ein paar Wachsoldaten, Unteroffiziere vom Turm und der Meteorologie, vielleicht die Sekretärin. Grüß ihn und dann lass ihn stehen, hatte mir ein Fliegerkollege beim ersten Rundgang durch die Staffel empfohlen.

Jedenfalls war es üblich, die Einsatzplanung ohne Stabschef zu machen. Dazu gab es drei riesige grüne Metalltafeln mit gelben Strichen darauf. Die X-Achsen bildete die Zeit, Y-Achse waren Personal, Flugzeuge und Aufgaben. Die Kettenkommandeure waren verantwortlich für das fliegende Personal und pflegten die Tafel des Personalbestandes der Flieger und deren Verfügbarkeit und pflegten die entsprechende Tafel. Der Leiter des Fliegeringenieurdienstes war verantwortlich für die Bereitstellung der nötigen Flugzeuge, Warte und Ingenieure und hielt seine Tafel auf dem laufenden, Staffelsteuermann, Stellvertreter des Kommandeurs für fliegerische Ausbildung und der Kommandeur selber pflegten die Aufgabentafel und ordneten den Aufgaben Technik und Personal zu. Diese Zuordnung wurden von allen anderen registriert und ihrerseits in Dienstpläne und Aufgabenstellungen umgesetzt. War alles in Sack und Tüten, befahl der Stabschef seinen Schreibsoldaten zu den Tafeln, der dann das Buch des Stabschefs führte. Ich hatte niemals einen Stabschef zum Freund.

Ein Grundantrieb, sich Leute zu unterstellen, ist die eigene Faulheit. Man lässt die eigene Arbeit von anderen tun und gewährt ihnen dafür gewisse Vorteile. Dadurch kamen Urmel und ich zu einem Flug nach Otrokovice. Genaugenommen waren das sogar 4 Flüge. Der erste führte in 50 Meter Flughöhe in die Berge der Slowakai. 50 Meter über Grund galt in der DDR als sicher, da alle anderen höher fliegen, kein Radar das Flugzeug erfasste und darum auch keine Führung oder Leitung durch Gefechtsstände notwendig war. Heute wird die Sicherheit verschieden interpretiert und durch Gesetzlichkeiten festgelegt: in Italien gelten für UL-Flugzeuge Flughöhen unterhalb 50 Meter über Grund, in Deutschland dagegen 150 Meter über Grund oder Wasser als Mindestsicherheitsflughöhe.

Unsere befohlene Flughöhe war 50 Meter GND, abmelden beim Zentralen Gefechtsstand der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland beim Ausflug aus dem Luftraum der Deutschen Demokratischen Republik. Ich besorgte mir über den Steuermannsdienst der Streitkräfte eine 200000er Karte der gesamten Strecke und eine Navigationskarte 1:500000 vom Nachbarland. Die genaue Strecke war nicht vorgegeben, man hatte uns nur zu verstehen gegeben, dass man uns eigentlich nicht auf dem Radar sehen wollte. Wir suchten eine Streckenführung heraus, die weitab der bekannten militärischen Einrichtungen der Nachbarn verlief, lieferten den Navigationsplan dafür ab, die Strecke wurde bestätigt und galt als befohlene Route. Die eigentliche navigatorische Vorbereitung erforderte besondere Sorgfalt. Entlang der befohlenen Flugstrecke musste die Koppelnavigation bis ins kleinste Detail geplant werden, da aus 50 Meter Flughöhe höchstens die nächsten zwei Kilometer zu sehen waren. Die erwarteten Orientierungsmerkmale zeichnete ich schematisch auf ein Blatt Papier auf, versah sie mit Entfernungen und Zeiten absolut und vom jeweils letzten Wendepunkt, schrieb Funkfrequenzen und Kennungen daneben. Vervollständigt wurde der Plan mit einer Liste von Tätigkeiten bei Orientierungsverlust und den dazugehörigen Auffanglinien. In der extrem geringen Flughöhe gab es keine zuverlässige Anzeige von Peilungen zu Funkfeuern. Ebenso Funkkontakt zu den Flugplätzen hat auf der Strecke war relativ unwahrscheinlich, da wir die Landessprache nicht kannten, englisch nicht üblich war und in russischer Sprache hat seit dem Desaster von 1968 keiner mehr geantwortet.

So rasten wir mit unseren 180 Stundenkilometern über die herrliche Landschaft. Da es zwei Maschinen waren, wechselten wir uns in der Führung ab und so kam jeder in den Genuss der Optik einer vorbeisausenden Landschaft. Auf die Minute genau im Plan schwebten wir über die Asphaltpiste des Werksflugplatzes in Otrokovice ein..

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