Geschichte(n), die niemand braucht (35)

Die Strenge des Kommandeurs, Oberstleutnant Zorn, liebevoll der Zornochse, wegen seiner Sturheit und dem Gegenteil von Entschlussfreudigkeit, genannt, und der anderen Vorgesetzten waren den Belangen der Dienststelle Strausberg perfekt angepasst und im Nachhinein betrachtet, brillant gespielt. Hatte jeder seine Rolle so dicht an den Zentren der Macht verstanden, galt es nicht aufzufallen und seinen Job zu tun. Ging das dann doch mal schief, wurde mit strenger Miene, vor versammelter Mannschaft bestraft und das Leben ging weiter. Das hat auch mich mal genauso getroffen. Irgendeines windigen Tages wurde ich als zweiter Flugzeugführer auf dem Bienchen (AN-14) eingesetzt. „Du sollst nur navigieren!“, sagt Hauptmann Organiskus (Oku), der die Rolle des ersten Flugzeugführers übernahm. Oku, ein ewiger Junggeselle, dem sein Freund Lothar die Jette, einzige Frau im Ledigenwohnheim zu der Zeit, weggeschnappt hatte und der ewig an seinem Haus irgendwo in der Nähe von Leipzig rumbastelte, erklärte mir kurz den technischen Aspekt der Aufgabe.

Antonov AN-14 („Bienchen“) im Dienste der VS-14, Quelle: http://home.snafu.de

Da stand es, das Bienchen: den kurzen, gedrungenen Rumpf und bestiegen wir durch eine Klappe am Heck. Vor dem doppelten Seitenleitwerk hingen links und rechts je ein neunzylindriger Sternmotor. Der M14 Ableger entwickelte um die 300 PS und wurde mit Druckluft gestartet. Die Luft übernahm die Rolle der explodierenden Gase und drückte die Kolben hinter dem oberen Todpunkt nach unten. Hatte man gut eingespritzt und von Hand durchgedreht, zündete sofort einer der Zylinder und der Stern war bereit, sein Eigenleben zu entfalten. Lief der linke, so drückte dessen Kompressor wieder neue Luft in das Anlasssystem und der rechte konnte gestartet werden. Die Heizung des Vogels funktionierte nicht besonders, unser Passagier wusste das und saß im Wintermantel auf einem der Sitze in der kleinen Gastkabine. Irgendein Stabsheini, knurrte Oku, mach die Cockpittür zu, den lassen wir frieren.

Es ging heute nach Drewitz, einem Flugplatz nahe der Grenze zur Volksrepublik Polen. Das Landesystem, so nannten wir ein großes Rechteck über Grund, dass sich an 2 Funkfeuern ausrichtete, führte teilweise über polnisches Hoheitsgebiet. Das war normal und erlaubt. Nicht erlaubt war der Einflug in polnisches Gebiet östlich Frankfurt Oder, den wir auf dem Rückweg zurecht franzten. Wir wussten, das Funkfeuer von Drehwitz hatte nach Norden riesige Abweichungen und meldeten Protest über die Freigabe an, die da lautete: Abflug Drehwitz mit 2500 m nach Standarddruck bis Frankfurt Oder, dann direkt nach Strausberg. Unser Hinweis auf die ungenaue Navigationsausrüstung wurde abgeschmettert und es ging los. Der Meteorologe sprach von Westwind oberhalb 2000 m von 100 Km/h und mehr. Also hielten wir die Nase ordentlich in den Wind, flogen nach künstlichem Horizont und waren 30 Minuten auf 320 Grad und 60 Minuten auf 270 Grad, obwohl die Streckenabschnitte die gleiche Länge hatten. Das Ganze endete mit einem Antreten vor dem Flugzeug, Meldung durch Oku an unseren Passagier und einem kräftigen Anschiss durch selbigen. Natürlich hat er die Unregelmäßigkeit weitergemeldet, wir auch und so stellte sich der Dicke (unser Staffelsteuermann) schützend vor seine Jungs: „Mit der vorhandenen Navigationsausrüstung geht es nicht besser!“ Die Sache war vom Tisch.