Geschichte(n), die niemand braucht (31)

 

Mit dem Gefühl, dass man mich reingelegt hat, schlendere ich über den Flugplatz zum Segelflug. Meine Kameraden sind alle Militärs, bei denen kann ich mich unmöglich ausheulen, wieder reingefallen. Das sind abgebrühte Leute, denke ich und fange mit den Bieren an. Das Leben geht weiter. Für Marxismus-Leninismus lerne ich nicht mehr. Für dir Armee reicht ein gut oder ein befriedigend. Mein Prüfungsthema ist die politische Schulung von Soldaten und Unteroffizieren. Da muss ich gefehlt haben, denke ich. Und wenn ich anwesend gewesen wäre, als das in einer Vorlesung behandelt wurde, hätte ich in dem Bewusstsein weggehört, dass ich nie politische Schulung durchführen müsste. Der FDJ-Sekretär unserer Staffel fungiert als Aufsicht im Vorbereitungsraum, geht von Mann zu Mann und schaut über die Schultern, wie es läuft. Er sieht mein Thema und erkennt mein Dilemma. Im Raum existiert eine Schrankwand mit Büchern. Er fischt das militärische Handbuch heraus, blättert ein wenig, verdeckt den Blick der anderen zu mir mit seinem Körper und legt mir das aufgeschlagene Buch hin. Innerhalb von zwei Minuten habe ich alles im Kurzzeitgedächtnis, nicke, er stellt das Buch unauffällig zurück, nach 10 weiteren Minuten ist mein Vortrag fertig, ich bestehe mit gut und bedanke mich bei meinem Helfer. Während die IF-ler ihre, nicht mehr benötigten Bekleidungs- und Ausrüstungsgegenstände abgeben, bekomme ich welche dazu: meine Ausstattung als Offizier. Alle fahren am Tag nach der Ernennungsfeier nach Hause, Elmo und ich müssen warten, bis uns unser neuer Brötchengeber mit dem Flugzeug abholt, mehr wissen wir nicht. Die Ernennung der Offiziere ist jährlich das größte Ereignis im kleinen Garnisonsstädtchen Kamenz. Im Stadion der Garnison findet eine riesige Parade statt, anschließend bekommen die werdenden Offiziersschüler ihre neuen Schulterstücke und den Ehrendolch angehängt. Dann treffen sich Angehörige, Ausbilder und die jungen Leutnants in den Kneipen und begießen das Ereignis. Da es nicht genügend Hotelzimmer gibt, müssen auch Kasernenbetten zur Beherbergung des Angehörigentrosses reichen. Wir trainieren eine Woche lang, jeden Tag vier Stunden unter dem scharfen Blick von Oberst Reifgerste, auch Schleifgerste genannt, der auf einem Podest stehen, das Exerzieren seiner Truppen beobachtet. Keine ungeschickte Bewegung entgeht ihm. Sofort donnert er einen entsprechenden Kommentar durch sein Megafon. Am Ende des letzten Trainings im Stadion lässt er sich zu einem Lob hinreißen: „Genossen, das war gut!“ Das T von gut hallt wie ein Pistolenschuss über die, inzwischen installierte Lautsprecheranlage des Stadions, er scheint den Klang zu genießen, hält kurz inne, fährt dann mit versöhnlicher Stimme fort: „Wir sehen uns morgen zu ihrer Ernennung, sie können wegtreten“. Während alle irgendwie irgendwo irgendwelchen Zapfhähnen entgegeneilen, haben Uli, Bernd und ich etwas anderes im Sinn. Wir sind aktive Segelflieger. Auf uns wartet eine alte Tradition: Segelflieger, die zum Leutnant ernannt werden, absolvieren unmittelbar nach der Ernennung den so genannten Leutnantsflug. Gleich hinter dem Stadion befindet sich die Segelflughalle Stadt, wo schon die Kameraden warten um die Zeremonie vorzubereiten. Der Plan ist schnell aufgestellt, die Helfer eingeteilt, der Sekt im Kühlschrank verstaut. Nun geht es ans Abschied nehmen. Übermorgen werden wir, außer Uli, der als Fluglehrer an der Schule bleibt, in alle Winde zerstreut. Während wir Jungs uns mit derben Sprüchen wie: Unkraut vergeht nicht oder: schlechten Menschen geht’s immer gut, über die Situation retten, heulen die beiden Mädels immer wieder. Wir waren wie eine Familie für einander. Ein paar Bier später schleichen Uli und ich zum letzten Mal als Offiziersschüler durch das KDL. In unserer Baracke ist noch lange nicht Schluss. Der Alte hat das Alkoholverbot aufgehoben und ein paar Kästen Bier hingestellt. Es geht hoch her: wir hätten in der Segelflughalle pennen sollen, sagt Uli. „Leute, wir wollen morgen fliegen, begrüßt er die anderen, seid nicht böse, aber wir schlafen noch ein wenig“. Der Tag der Tage sieht uns, nach einem kräftigen Frühstück, in ganz guter Form. Auch das preußische Säbelgerassel klappt gut, Schleifgerste ist zufrieden, die Zuschauer begeistert. Ich vergesse vor lauter Leutnantflug das Gruppenfoto unseres Zuges und fahre mit meinen Leuten schnurstracks zum Segelflug. Stolz drehen alle ihre Runde und trinken anschließend Sekt. Die Feier bleibt steif, jeder hat mit seinen Angehörigen zu tun und lötet sich mehr oder weniger zu. Nach dem Rauschausschlafen verbleibt bei mir eine Katerstimmung, welche ich erst sieben Jahre später loswerden sollte. Meine Eltern nehmen etwas unnötigen Ballast mit nach Hause, die wichtigen Dinge für meinen neuen Dienstort sind im Seesack, den Rest und die Urlaubssachen fährt Uli in meinem Auto nach Strausberg. Von dort düst er zu unserem Urlaubssee nach Mecklenburg, wird zweimal wegen überhöhter Geschwindigkeit gestoppt, weil meine Rennpappe mit viel zu großen Rädern läuft. Für Elmo und mich beginnt das Warten auf unseren Flieger. Für eine Verbindungsfliegerstaffel ist es eine Frage der Ehre, ihre neuen Leute mit dem Flugzeug abzuholen. Es herrscht zwei Tage nicht fliegbares Wetter und wir hocken den ganzen Tag beim Flugleiter auf dem Turm, erbetteln uns einen Kaffee nach dem anderen und spielen Offiziersskat. Dann fällt endlich unsere ANNA aus der geschlossenen Wolkendecke, wir steigen ein und werden in Strausberg eingeflogen. Dort wartet bereits Uli. Wir erklären unserem neuen Kommandeur, dass er uns in drei Wochen wiedersieht, weil unser Jahresurlaub noch Teil der Ausbildung ist. Bevor er eine Chance zum überlegen hat, sind wir verschwunden. Was ich bis jetzt von meiner neuen Einheit gesehen habe, ist nicht gerade berauschend. Ich freue mich auf den Urlaub und Uli, dass er nicht mehr fahren muss.