Geschichte(n), die niemand braucht (30)

 

Am nächsten Tag verlegen wir endgültig nach Kamenz, um die fliegerische Hauptprüfung, einen Streckenflug, vorzubereiten. Dazu fliegen wir mehrere lange Strecken mit mehr als fünf Stunden Flugzeit und Zwischenlandungen auf anderen Plätzen. Die Flughöhe beträgt fünfzig Meter über Grund oder Wasser, etwa alle 10 Minuten kommt ein neuer Wendepunkt, neuen Kurs einnehmen, Stoppuhr drücken, Eintragung im Bordjournal vornehmen, Feinnavigation nach Karte halten, Funkverkehr mit den entsprechenden Stellen führen, dann die Zwischenlandung, Verbindungsaufnahme mit dem Flugleiter, Landebedingungen und Platzdruck quittieren und notieren, Einflug in die Platzrunde, Landung, Abstellen, Melden beim Flugleiter, Essen in der Kantine mit Essenmarken aus Kamenz, die offensichtlich republikweit gelten. Das wird also mein Leben, denke ich, wenn ich Pech habe. Unser Fluglehrer erläutert uns irgendwann unsere Einsatzmöglichkeiten bei den Streitkräften und wir dürfen einen Standortwunsch äußern. Neubrandenburg, sage ich und denke, wenn schon Armee, dann Dienst in einer kleinen Kette und einer schönen Landschaft. Die anderen Möglichkeiten sind: eine Kette AN 2 in Cottbus, eine Staffel AN 2/L 410 in Strausberg, Fluglehrer in Kamenz, Regierungsstaffel Marxwalde TU 134/IL 62 oder Interflug Berlin/Schönefeld. Der Einsatzort eines jeden wird bis fast zur letzten Minute geheim gehalten, um keinen Neid und daraus resultierende Unruhen innerhalb des Kollektives entstehen zu lassen. Wir sind alle gut trainiert und sehen mehr oder weniger gelassen der fliegerischen Hauptprüfung entgegen. Als Prüfer reisen erfahrene Piloten aus dem Kommando LSK/LV und der Strausberger Staffel an. Am Morgen vor der Prüfung stellt man uns die Prüfer vor und gibt die Aufteilung der Offiziersschüler zu Prüfung bekannt. Danach erfolg die Aufgabenstellung und Flugvorbereitung. Mein Prüfer ist ein untersetzter, schwergewichtiger Oberstleutnant aus Strausberg. Nach 30 Minuten Vorbereitungszeit auf den bevorstehenden Streckenflug, gehen wir gemeinsam zum Flugzeug. „Genosse Oberstleutnant, Offiziersschüler Marr bereit zur fliegerischen Hauptprüfung“, melde ich mich korrekt vor dem Flugzeug. „Genosse Offiziersschüler, tun sie so, als wäre ich nicht da“, antwortet er und besteigt die Maschine. Zusammen mit dem Flugzeugwart führe ich die Außenkontrollen durch, unterschreibe in seinem Übernahme-/ Übergabebuch, er schüttelt mir die Hand, wünscht mir viel Glück und verspricht, beide Daumen zu drücken. Ich steige die eine Stufe der eingehängten Minileiter hinauf, betreten die Passagierkabine, der Wart reicht mir die Leiter herauf, die ich im hinteren, durch eine Wand mit Tür, abgetrennten Teil des Flugzeuges festzurre und gehe mit leicht eingezogenem Kopf zu meinem Platz im Cockpit, lege Checkliste, Flugkarte, Bordjournal und Kniebrett bereit und frage: „Genosse Oberstleutnant, gestatten sie, dass ich Platz nehme?“ „Ziehen sie ihre Jacke aus und setzen sie sich“. „Genosse Oberstleutnant, es ist uns verboten, die Jacke im Flugzeug abzulegen“.“ Jetzt ziehen sie schon ihre Jacke aus, heute ist eine Ausnahme“. „Danke, Genosse Oberstleutnant“. „Und hören sie endlich auf, mich mit dem Dienstgrad anzusprechen, es ist doch außer mir niemand da, wenn sie also was sagen, dann kann ja nur ich gemeint sein“. „Jawohl, Gen.., Verzeihung“. Beim Platz nehmen ordne ich Karte und Liste links von mir auf dem Panel an, schnalle das Kniebrett um den rechten Oberschenkel, öffne dessen Deckel und sage: „Freund-Feind-Kennung die ganze Zeit auf 6“. „Sechs eingestellt“, antwortet er. Kniebrett zu und Checkliste hoch und nach Liste arbeiten um keine Bewertungspunkte zu verlieren, denke ich und schaue wie beiläufig auf seinen Bewertungsbogen. Er bemerkt das und kommentiert: „Ich habe ihnen soeben volle Punkzahl für die Nutzung der Checkliste gegeben, jetzt pack das Ding endlich weg und zeig mir, was du kannst“. Wie bei hunderten Flügen zuvor lasse ich das Triebwerk an, rolle zum Start, fliege meine Strecke und lande. Beim Abfangen lässt sich die Steuersäule nicht ganz durchziehen, ich blicke kurz nach rechts und sehe das Steuerhorn am Bauch meines Prüfers anstoßen. Er bemerkt meinen Blick, zieht seinen Bauch ein, ich kann das Höhenruder ganz nach hinten bewegen, die Maschine setzt weich auf. „Wenn der Moment gekommen ist, ziehe ich meinen Bauch schon ein“, bemerkt er, wir lachen miteinander, er hilft beim Abstellen, füllt den Rest seiner Liste aus, wir verlassen das Flugzeug. Ich nehme Grundhaltung an, die rechte Hand an die Schläfe zum militärischen Gruß: „Genosse Oberstleutnant, Offiziersschüler Marr meldet sich vom Flug zurück“. „Es gibt nichts auszusetzen, Genosse Marr, ich bewerte den Flug mit sehr Gut“. Er schüttelt mir die Hand, der Flugzeugwart ebenfalls. Parteisekretär mit Blumenstrauß und Fotograf eilen für ein offizielles Foto herbei, es muss schnell gehen, denn die Welle gelandeter Flugzeuge rollt heran. Bei meinem Prüfer meldet sich der nächste Anwärter. Am Abend erhalten wir feierlich unsere Spangen als Flugzeugführer Klasse 3, ein kleiner Umtrunk mit unseren Fluglehrern folgt. Ein paar Tage später erscheint eine AN 2 mit ziviler Bemalung. Die drei Herren in ihren Interfluguniformen wollen ihre Vertragsschüler besichtigen und bekommen dafür ein Zimmer im Stab der Schule. Gleichzeitig werde ich zum Staffelkommandeur bestellt. Anwesend sind mein Fluglehrer, mein Fachlehrer-Zugführer, der Parteisekretär der Staffel, der Kommandeur und ich. Ohne Umschweife trägt der Kommandeur sein Anliegen vor: „Genosse Marr, sie sind für den Einsatz bei der Interflug vorgesehen“. Mich durchströmt eine warme Welle der Freude und ich habe Mühe, dass nicht zu zeigen. „Während ihrer Ausbildung konnten wir uns davon überzeugen“, fährt er fort, „dass sie ein ausgezeichneter Flugzeugführer und Offizier werden. Solche Leute wie sie brauchen wir hier in den Luftstreitkräften. Leider gab es diesen Vorfall, den unerlaubten Mitflug eines Angehörigen des technischen Personals. Darum konnten sie nicht Parteimitglied werden. Nun, sie haben ihre Strafe verbüßt, der betreffende Vermerk in ihrer Kaderakte wurde gelöscht und trotzdem werden sie nachher die Genossen von der Interflug fragen, warum sie noch nicht Parteimitglied sind. Was wollen sie auf diese Frage antworten? Sagen sie die Wahrheit ist es mit ihrer Kariere bei der Interflug gleich vorbei. Man wird sie als nicht verlässlich einstufen, sie werden als Copilot von Schönefeld nach Erfurt fliegen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das auf Dauer befriedigt. Ich biete ihnen die Chance hier in der Armee Karriere zu machen. Was sagen sie dazu?“ Mir entgleisen die Gesichtszüge, eine Welt bricht zusammen. Was wollen die von mir ? Ich beginne zaghaft: „Wenn ich für die Interflug vorgesehen bin, dann möchte ich auch gerne dort arbeiten. Ich habe Mist gebaut und dafür gebüßt, das kann mir keiner ein Leben lang vorhalten“. Der Kommandeur nickt seinem Parteisekretär zu. Die graue Eminenz, OSL Wolf beginnt mit seiner hohen, vom Zigarettenqualm verbrauchten Stimme zu sprechen: „Genosse Marr, lassen sie mich deutlicher sprechen als der Kommandeur. Bisher waren alle Offiziere Parteimitglieder. Sie sind nicht einmal Kandidat der Partei. Alle IF-Piloten sind auch Parteimitglieder. Die Genossen werden den Kommandeur also nachher fragen, warum der Offiziersschüler Marr nicht. Und er wird antworten, worauf sie am Gepäckband enden könnten und nicht im Cockpit einer 134, wie sie sich das vielleicht erträumt haben, verstehen sie?“ Ich schüttle, den Tränen nahe, meinen Kopf. Der Alte Wolf hat mich genau da, wo er mich haben wollte und nickte dem Kommandeur zu. „Genosse Marr“, hebt er mit väterlich-versöhnlicher Stimme an, „beraten sie sich mit ihrem Fluglehrer und geben sie mir ihre Entscheidung in 15 Minuten kund. Wenn sie bei den Streitkräften bleiben wollen, geben wir den Genossen von der Interflug Bescheid und der Fall ist für sie erledigt. Ihr Platz ist hier, glauben sie mir. Sie können jetzt gehen“. Ich bekomme gerade noch eine militärische Ehrenbezeigung hin, als ich den Raum verlasse. Mein Fluglehrer findet mich zusammengesunken auf der Bank vor unserer Unterkunftsbaracke. Er duzt mich um Vertrauen zu erwecken: „Was soll ich dir raten. Du wärest gerne zur IF gegangen?“ „Ja“, antworte ich, „die erpressen mich doch einfach. Mach das, was wir wollen oder wir schießen dich ab, ehe du aufsteigen konntest. Wenn ich hier nein sage und die IF-Leute sagen auch nein, dann kann ich doch immer noch bei der Armee bleiben. Darum verstehe ich das jetzt nicht“. Schubi erwidert: „Der Kommandeur hat deinen Vorfall staffelintern behandelt, weil ich mich für dich verwendet habe. Du bist zu gut, er sollte dich nicht rausschmeißen. Wenn der Fall jetzt wieder hochkommt, wird es für uns alle unangenehm, aber am schlimmsten für dich. Sie lassen dich nicht Offizier werden und damit besteigst du nie im Leben wieder irgendein Cockpit. Das wars dann. Sagst du nein zu IF, wird keiner Fragen stellen und du kannst alles werden, auch Fluglehrer“. „Nein danke“, entgegne ich, „ich habe wohl keine Wahl. Ich mag die Armee nicht, aber ich habe mich hier nicht drei Jahre abgeschunden um dann nie wieder zu fliegen. Und wenn sie das nun gar nicht stört mit der Parteimitgliedschaft?“ „Ich würde es nicht drauf ankommen lassen, an deiner Stelle. Also, du braucht nicht noch mal zum Alten rein, was soll ich ihm sagen?“ „Ich will mit Sicherheit Flugzeugführer werden, also sagen sie ihm nein zu IF“. „Glaub mir, du wirst es nicht bereuen“, Schubi klopft mir väterlich auf die Schultern. „Ich bereue es jetzt schon, Genosse Hauptmann“, rufe ich ihm hinterher und fühle mich elend. Warum ich? fragte ich mich, während die anderen IF-ler freudig von ihrem Einstellungsgespräch mit unterschriebenen Arbeitsverträgen kamen. „Was ist denn mit dir los?“ fragt Merlinger. „Sie haben mich erpresst“, antworte ich, „entweder sage ich nein zu IF oder sie rollen die alte Geschichte wieder auf und vermiesen mir alles“. „Das haben die wirklich gemacht?“ fragt er ungläubig. „Ja, aber ich möchte nicht mehr darüber sprechen“. „Schon klar, verstehe ich“. Er versteckt die Vertragsmappe von der IF hinter seinem Rücken und geht durch die offene Barackentür. Ich bin völlig leer, blinzele in die Sonne und versuche mir meine Zukunft nicht auszumalen, da steht der Kommandeur zwischen mir und der Sonne. „Bleiben sie sitzen. Ich habe mit Strausberg telefoniert, der Steuermann dort konnte sich noch gut an ihre Prüfung erinnern, man nimmt sie dort mit Kusshand. Das wollte ich ihnen nur sagen. Gehen sie ein bisschen Segelfliegen und trinken sie heute Abend ein paar gute Biere, dann sieht die Welt für sie wieder besser aus“, gibt mir die Hand und verschwindet.