Geschichte(n), die niemand braucht (29)

 

Abgelöst, weil im Urlaub wurde er von dem Hubschrauber Aerodynamiker schlechthin. Die Russen hätten diesen hochbegabten Menschen, welcher uns nun unterrichten sollte, am liebsten behalten, zeigten ihm allerdings zu viel, worauf der es vorzog, in die DDR zurückzukehren. Der OSL war als Experte mit der Roten Armee in Afghanistan, begutachtete den Einsatz von Kampfhubschrauber gegen Rebellen in den Bergen. Natürlich war das Thema im Unterricht. Dabei vergaß er völlig, wen er vor sich hatte, schrieb die Tafel voll mit hoch komplizierten Formeln und blickte anschließend entschuldigend in unsere verständnislosen Gesichter: „Genossen, euer Prüfungsstoff ist dagegen vergleichsweise primitiv. Habt ihr Fragen dazu? Nein, gut, ja Sie Genosse.“ „Genosse Oberstleutnant, Offiziersschüler Leierbein, was ist nun mit Afghanistan? Ist dort Krieg? Oder ist es wie 1968 in der CSSR?“ Er überlegt lange, bevor er antwortet: „Meine sowjetischen Genossen haben mich zum Stillschweigen verpflichtet, darum nur so viel: Das Volk Afghanistans hat sich für eine sozialistische Entwicklung entschieden und das Nachbarland, die Sowjetunion um militärische Hilfe im Kampf gegen die Konterrevolution gebeten. Die Sowjetarmee unterstützt die afghanischen Truppen mit gepanzerten Fahrzeugen, Kampfhubschraubern und Militärberatern, etwas mehr als seinerzeit in Vietnam“. „Warum waren sie da?“ hinterfragt Leierbein. „Ich besuchte zu dieser Zeit die Militärakademie in Moskau, wollte mich als technischer Führungsoffizier auf Kampfhubschrauber spezialisieren. Die Genossen dort unterbreiteten mir den Vorschlag, die Mi 24 im richtigen Kampfeinsatz zu begutachten. Ich stimmte sofort zu und wurde als Angehöriger der sowjetischen Luftstreitkräfte eingekleidet. Anschließend ging es mit Aeroflot nach Kasachstan zur Einweisung und weiter mit Transportmaschinen zum Einsatzflugplatz. Von dort aus direkt zu den Kampfeinsätzen. Mehr darf ich ihnen nicht sagen, außerdem ist die Unterrichtseinheit sowieso vorbei. Was soll ich zum nächsten Mal vorbereiten? Ja, sie Genosse.“ „Genosse Oberstleutnant, Offiziersschüler Preiss, Beladeplan der AN 2, Schwerpunktberechnung und Polare in Abhängigkeit der Landeklappenstellung und Vorflügel“. „Gut, würde mir ein Genosse bitte die Unterlagen ihres Flugzeugs zur Verfügung stellen. Danke. Auf wiedersehen“. OS Preiss im Befehlston: „Achtung“! Alle stehen auf, stramme Haltung, Hände an die Hosennaht, Blick frei gerade aus. Der OSL setz seine Schirmmütze auf, erhebt die rechte Hand zum militärischen Gruß und verlässt den Raum. „Rührt euch!“ kommandiert Preiss. Wir packen unsere Sachen und marschieren zur nächsten Konsultation. Die kommenden Prüfungen sind mündlich. Da die Themen feststehen, ist es eigentlich eine reine Fleißfrage, gut abzuschneiden. Meine alte Lernpatenschaft zu Uwe wird wieder aktiviert, er hat keinen blassen Dunst und Fracksausen. Wir lernen, bis er auch das herbeten kann, was er nicht versteht. Drei Tage vor den Prüfungen in 5 Fachgebieten, alle an einem Tag, sind wir fertig. Uwe verkündet, dass er mich für heute Abend zu seinem Polterabend nach Kamenz einlädt. „Man, wir haben in drei Tagen Prüfung, da kannst du dich doch nicht tagelang betrinken“, antworte ich. „Morgen ist Hochzeit und übermorgen erhole ich mich“. „Na gut“, sage ich, „übernachten wir in Kamenz?“ „Habe ich schon organisiert, werden mit dem Bus hingefahren und morgen Mittag mit dem öffentlichen Bus zurück“. „Super!“ sage ich einigermaßen begeistert, denn ich bin über jeden Tag froh, den ich nicht in diesem Bullenkloster hier verbringen muss. „Wir müssen allerdings Uniform Tragen, es kennen uns zu viele“. „Na gut“, nörgele ich. Uwe klopft mir auf die Schulter: „Und, danke man, für deine Hilfe und so…“ „Schon gut, musste doch auch lernen“, wehre ich ab. Wir packen Zahnbürste, Rasierzeug und Reserveschlüpfer ein, um 17 Uhr geht der Bus nach Kamenz. Frisch machen, Quartier beziehen und ab geht’s in den Plattenbaukeller von Uwes Schwiegereltern in Spee. Sein Vater hat wieder Pilsner Urquell gestiftet, dazu rockt Musik aus einem Gettoblaster und es gibt neben Uwes auch noch andere Frauen. Ich tanze mit einer abgefahrenen Dame mittleren Alters mit roten Haaren. Ihre großen Brüste werden von einem hautengen Sommerkleid gehalten und drohen durch die Ausgelassenheit meiner Tanzpartnerin herauszurutschen. Uwe zischt mir von hinten ins Ohr: „Lass deine Finger von der. Das ist die Frau von Oberst Kalbasa. Der zerfetzt dich in der Luft“. Mürrisch ziehe ich mich zum Bierfass zurück und betrachte gelangweilt das junge Gemüse. Alles Töchter von Offizieren, die mir eine entsicherte Handgranate in die Hose schieben würden, wenn ich auch nur in die Nähe ihrer Lieblinge käme. Später kommen die beiden jungen Segelflugschülerinnen, wir sitzen auf der Bank vor dem Haus und trinken Pils. Die Prüfungen laufen für mich wie am Schnürchen. Durch meine Lernhilfe für Uwe bin ich in der Lage, die Themen in freier Rede ohne Vorbereitungszeit abzuhandeln. Nur im Prüfungsfach Lufttaktik/Luftschießen bemängelt die Prüfungskommission meine unmilitärische Stimme und das lockere Auftreten. Als schwierigste Prüfung erweist sich jene für das Allgemeine Flugfunksprechzeugnis. Ich habe einen russischen Fachtext ins Englische zu übersetzen, ohne Vorbereitungszeit. Die russischen Schriftzeichen vor Augen, formuliere ich langsam die entsprechenden englischen Fachvokabeln. Sehr schön, lobt die Dame von der Post. Und nun erläutern sie uns mal den Inhalt des Textes. „Habe ich doch gerade!“, entfährt es mir, bevor der anwesende Fluglotse ergänzen kann: „Bitte in deutscher Sprache, die Kollegin hat bestimmt noch Fragen zum Inhalt.“ Ich beginne von vorn. Es hagelt nach jedem Satz Zwischenfragen. Ich antworte ausführlich, was dazu führt, dass die Dame ins Detail geht. Aber ich hatte einen guten Lehrer, welcher ebenfalls anwesend ist. Mit grinsendem Gesicht sitzt er neben der Dame und nickt aufmunternd in meine Richtung. Der vierte im Bunde der Prüfungskommission ist ein Militär, unser Hochschullehrer für Steuermannsdienst. Er wendet seinen Kopf der Postdame zu und sagt mit höflicher Stimme: „Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass der Genosse zu diesem Thema seine Hausarbeit geschrieben hat. Seine Schrift liegt hier vor uns, wir verwenden es als Unterrichtsmaterial. Wir haben noch etliche Prüflinge vor uns und bitte sie, sich kurz zu fassen“. Ich denke: bin ich so schlecht oder was läuft hier. Alle nicken einander zu. „Genosse Offiziersschüler, verlassen sie bitte für einen Moment den Raum“. Erschrocken blicken die anderen drei Offiziersschüler, die sich im Raum vorbereiten müssen auf, denken, dass es bei mir schiefläuft. Ich grüße, verlasse den Raum. Nach ein paar endlosen Minuten kommt mein Steuermannsdienst Lehrer heraus, schließt die Tür. „Musstest du so vorlaut sein, sie hat das persönlich genommen, erwartet eine Entschuldigung. Er legt seine Hand auf meine Schulter, öffnet die Tür, schiebt mich hinein, ich salutiere, nehme die Schirmmütze ab: „Genosse Oberstleutnant, gestatten sie, dass ich spreche?“ „Bitte!“ „Ich möchte mich in aller Form für meine Bemerkung entschuldigen, es war nicht so gemeint. Wir haben die russischen Texte immer nur in Englische übersetzt und eigentlich auch in dieser Sprache gedacht, daher war ich etwas überrascht“. „Entschuldigung angenommen“, antwortet sie, „ihre Leistung bewerten wir mit sehr gut“. Ich kann es gar nicht fassen. „Herzlichen Glückwunsch, Herr Kollege“, sagt der Lotse und streckt mir seine Hand entgegen, ich schaue zum Oberstleutnant, er ist der ranghöchste Militär im Raum und muss mir Bewegungen erlauben. Er nickt, ich trete zum Tisch und bekomme die Hand geschüttelt. Dann darf ich den Raum verlassen, zeige im Rausgehen meinen Kameraden zwei gedrückte Daumen, um sie anzuspornen, schließe die Tür, springe an die Decke, denke: das wars. Fliegen kannst du, die Prüfung wird gut und diesen gesellschaftswissenschaftlichen Müll bekommst du auch in den Griff.