Geschichte(n), die niemand braucht (28)

 

Unser Zug verlegt für drei Wochen nach Bautzen. Von den Hochschullehrern werden wir wie angehende Offiziere behandelt: es geht korrekt, doch schon fast kollegial zu. Strategie und Taktik der Luftstreitkräfte ist das einzige Fach mit neuem Lehrstoff, der ganz und gar streng geheim ist. Während uns die Taktik der Waffengattungen schon im Wesentlichen geläufig ist, bleibt bei strategischem Teil doch einigen die Spucke weg. Beide Systeme sind so aufgerüstet, dass jeder den anderen mehr als einmal vernichten könnte. Das schreckt die Politiker, den Krieg als direktes Mittel der Politik zwischen den großen Blöcken einzusetzen und man existiert friedlich nebeneinander. Trotzdem denken die Hardliner unter den Militärs ernsthaft über die Machbarkeit und die Gewinnaussichten eines Nuklearkrieges nach und kommen zu drei möglichen Varianten eines Kriegsbeginnes. Die ersten beiden gehen davon aus, dass das imperialistische System beginnt und der Warschauer Pakt zurückschlägt, die dritte Variante ist der Erstschlag, eine Art finaler Rettungsschuss des sozialistischen Systems. Nach drei Tagen steht der Panzer mit dem roten Stern am Rhein, nach drei Wochen wirft man die letzten Kapitalisten in den Atlantik, Amerika ist nuklear ausradiert. Wir Offiziersschüler begreifen, dass wir zwar in einer winzig kleinen Armee eines noch winzigeren Staates dienen und dennoch Teil von Plänen sind, die in ihrer Gewalt, ihrer Wucht und Größe jenseits unserer Vorstellung liegen. Niemand stellt die Frage: was kommt danach, wenn wir gewonnen haben? Errichten dann ein paar verstrahlte Überlebende den Kommunismus auf einem kaputtem Planeten? Wir haben Klausewitz gelernt: Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln und jeder von uns erkennt die Untauglichkeit dieses Lehrsatzes, aber wir sprechen nicht darüber. Die Angst vor der Konsequenz dieser Erkenntnis, die daraus resultierende Ohnmacht, absolut nichts tun zu können, den Männern mit den Roten Telefonen und den Schaltern für den Abschuss der Interkontinentalraketen ausgeliefert zu sein, lässt uns schweigen. Wir würden kleine Räder sein in der riesigen Maschinerie des Krieges, die das Vermögen der Völker verschlang und unseren Planeten an den Rand des Abgrundes rückte. Für einen Ausstieg war es längst zu spät. Und immerhin hatte jeder von uns die Chance auf ein „besseres“ Leben in der zivilen Luftfahrt. Und so führte unser Lehrer, ein nicht im Feld ergrauter Oberstleutnant, der von sich selbst und seinem Lehrstoff sehr überzeugt war, uns seine Weltuntergangsszenarien vor Augen. Als Ausgleich gab es etwas Naturwissenschaft: Aerodynamik. Wir vermissten unseren alten Lehrer, der sein Fachgebiet immer Dynamoerotik nannte und dessen lustige Einlagen im Unterricht. Einmal hatte er für jeden eine Möhre dabei und sagte: „Die Augen meiner Offiziersschüler scheinen heute Morgen nicht gesund zu sein, denn sie drohen dauernd zu zufallen. Hier Genosse Zughelfer, lassen sie das mal verteilen, Möhren sind gut für die Augen. Bei wem das nicht mehr hilft, der kann sich bei mir zwei Streichhölzer zum Hochstecken der Augenlider abholen“, sagte es und sprang mit einem Satz auf den Lehrertisch: „Sind jetzt alle wach oder müssen wir noch ein Morgenlied singen?“