Geschichte(n), die niemand braucht (23)

 

Me and my Trabbser

Mit Hilfe meiner Eltern kaufte ich von einem Segelfliegerkameraden einen uralten Trabant, mein erstes Auto. Leider befindet sich die Karosserie in einem so beklagenswerten Zustand, dass nur noch ein völliger Neuaufbau hilft. Ich fahre alle Verkaufsstellen des sozialistischen Fahrzeugteilehandels der Bezirke Dresden, Erfurt und Suhl ab und kaufe so viel ich bekommen kann. Die Ersatzteile sind billig und jeder hortet sie auf seinem Dachboden als Tauschobjekte für Dinge, die man wirklich braucht und niemals zu kaufen bekommt. Auch ich kann mit Hilfe meiner Sammlung und unter Leitung meines Onkels und des Nachbars meiner Eltern, die Teile ertauschen, welche ich wirklich benötige. Aber noch fährt er, der Trabbi. Dieses Fahrzeug besaß eine frei tragende Karosserie aus Stahlblech. Kotflügel, Türen, Dach, Motorhaube und Heckklappe bestanden aus Kunststoff. Mit dem Blech verklebt, vernietet oder verschraubt, boten sich die Grenzflächen zwischen den verschiedenen Werkstoffen der Korrosion des Blechs geradezu an. Bei meinem Exemplar hatte es, lange vor meiner Zeit mit diesem Automobil, schon die u-förmigen Träger des Fahrzeugbodens, nebst Türschwellenbleche erwischt. Der Vorbesitzer verstand als Flugzeugtechniker mehr von Kunststofftechnologie als vom Schweißen und führte Reparaturen stets mit Glasmatten und Kunstharz aus. Leider rostete das Blech unter den Verklebungen weiter, destabilisierte die Träger und der Wagen drohte, mittig durchzubrechen, wenn die Türen offen waren. Die Türschlösser hielten den „Trabbser“ zusammen. Es musste einfach noch eine Weile so gehen, schließlich durfte die neu gewonnene Freiheit nicht wieder leichtfertig einer Werkstatt überlassen werden. Da es während der Freiflugperiode nur von Samstag Mittag bis Sonntag 22 Uhr Urlaub gab, suchten sich alle Kurzurlaubsziele in der näheren Umgebung unseres Standortes aus. Aus Segelfliegerkreisen und der Lektüre einer tschechischen Luftfahrtzeitschrift, die ich jeden Monat in Unkenntnis der Sprache unseres Brudervolkes zu entziffern suchte, wusste ich vom Flugplatz Rana, nicht mal zwei Autostunden von Kamenz entfernt. Wir wollten die dortigen Drachenflieger in Aktion sehen und tanzen gehen. Mieze, Ralle und ich verstauen Schlafsäcke und Kulturbeutel im Kofferraum und düsen los. Unser Weg führt übers Erzgebirge hinunter zu der, dem Gebirge südlich vor gelagerten, vulkanischen Hügellandschaft. Der Fliegeberg zu Rana besteht aus drei miteinander verschmolzenen Hügeln in Ost-West-Richtung. Zuerst besichtigen wir das Segelfluggelände nördlich der Hügel. Hinter der Halle stehen umgekippte, riesige Bierfässer als Unterkünfte umgebaut. Alles ausgebucht, schade. So entschließen wir und auf den Berg zufahren um dort einen geeigneten Platz zum Übernachten auszumachen. Der Weg führt, in befahrbarem Zustand, auf halbe Berghöhe. Dort, auf einem kleinem Plato, liegen ein paar Drachen und stehen eine Reihe Autos mit Zelten dahinter. Wir prägen uns die Stelle ein für die Rückkehr in der Nacht. Ein paar Kilometer südlich dieses Platzes sehen wir eine größere Stadt am Ufer eines Flusses und beschließen, unsere umgetauschten 120 Kronen innerhalb der Stadtmauern in Essen und Bier zu investieren und dabei Mädels anzubaggern. Ersteres Vorhaben gelingt, am zweiten scheitern wir und enden noch vor Mitternacht, mit der Bierflasche in der Hand, im Schlafsack vor dem Auto am Fliegeberg. Ein leichter Nieselregen weckt uns bei Sonnenaufgang, wir fahren zurück in die Stadt und finden, zum Glück, ein offenes Bistro mit frischen Hörnchen und duftendem Kaffee – was für eine Lebensqualität. Frisch gestärkt geht es zurück zum Berg. Sonne und Wind haben den Regen vertrieben und etliche Drachenflieger angelockt, die schon auf dem beschwerlichen Weg nach oben sind. Dabei haben sie, neben dem nicht unerheblichem Eigengewicht des Fluggerätes, zusätzlich noch die Windlast des Segels zu tragen. Hilfe durch uns wird gerne angenommen. Auf dem Berg angekommen, bereiten sich drei Drachenflieger auf den Abflug vor. Außer uns sind noch zwei tschechische Zaungäste da. Wir halten vorne und an beiden Seiten die Segel auf dem schmalen Grad des Berges fest bis die Piloten das Gurtsystem klar haben und mit dem Wind, angezeigt durch einen Wollfaden vor dem Kopf des Fliegers, zufrieden sind. Auf Kommando lassen alle Helfer gleichzeitig los, der Pilot stolpert zwei drei Schritte den steinigen Abhang hinab und drückt sein Segel nach oben in den Wind. Beim zweiten geht es schief: sein Segel bäumt sich wie ein Kinderdrachen nach oben auf und er landet mit lautem Krachen zwischen Steinen und Büschen. Wir zerren Pilot und Drachen zurück auf den Grat, er richtet notdürftig und mit roher Gewalt das Aluminiumgestänge, zieht Spanndrähte nach und gibt Zeichen für einen neuen Start. Diesmal gelingt es. Drei Drachen kreuzen nach kurzer Zeit fünfzig Meter über unseren Köpfen, die Erben Lilienthals. Wir liegen im Gras, den warmen Sommerwind in den Haaren und den Duft der Kräuter in der Nase schauen wir den Drachen zu. Unten vor der Flughalle bereiten sich die ersten Segelflieger vor. Dreißig Minuten später sind auch sie am Berg. Segelflugzeuge und Drachen, wie selbstverständlich miteinander an einem Hang zu sehen, lässt mein Fliegerherz höher schlagen. Drachenfliegen, ja sogar der Besitz entsprechend geeigneten Baumaterials, wie Aluminiumrohre und Spannschlösser, sind in der DDR unter Strafe verboten. Die Staatsmacht sieht es als Vorbereitung zur Republikflucht an. Nichts desto trotz gibt es Enthusiasten, die sich einen Dreck um die Gesetze scheren. Einer meiner Segelfliegerkameraden beobachte auf einem Streckenflug mehrere Starts eines Drachen und besuchte später diese Stelle bei geeignetem Wetter mit seiner Filmkamera. Laut Gesetz wäre er verpflichtet gewesen, diese Vorfälle den zuständigen Stellen zu melden. Aus Solidarität tat er es nicht und zeigte uns in aller Stille und unter dem Siegel der Verschwiegenheit seinen Film: Man sieht einen PKW Typ Wartburg 353 mit Anhänger. Auf einer Leiter, die mit Seilen am Hänger festgezurrt ist, liegt ein zusammengefalteter Drachen der ersten Generation. Zwei Männer rüsten in Windeseile das filigrane Gerät auf, der eine hängt sich in das Gurtsystem, nimmt Anlauf, segelt den Hang hinunter. Der zurückgebliebene fährt unterdessen über den Feldweg hinab zum Aufsetzpunkt, sie rüsten ab und wiederholen das Ganze bis weitere Neugierige angelockt werden, dann verschwinden sie. Ein illegaler Flugbetrieb vom allerfeinsten. Hier in Rana dagegen herrscht die Freiheit. Tschechische Fliegerkameraden ermöglichen Bürgern der DDR sogar das Drachenfliegen, obwohl das oben erwähnte Gesetz auch im Ausland Gültigkeit hat. Die gleiche Fliegerkameradschaft über Ländergrenzen und Gesetze hinweg lernte ich in Budapest kennen. Ein Segelflug an den Bergen dieser herrlichen Stadt hat mich immer wieder über Jahre mit Flugverbot hinweggetröstet. Das alles geht mir durch den Kopf als wir nach Kamenz zurückfahren. Dem Trabbi geht es zunehmend schlechter. Der Nachbar meiner Eltern betreibt in meiner Heimatstadt einen privaten Schmiedebetrieb und übernimmt die Schlosserarbeiten. Erst wird alles Schlechte abgetrennt bis fast nichts mehr übrig ist und dann Stück für Stück wieder zusammengeschweißt. Schließlich geht es zum Lackierer, dann wird endmontiert.