Geschichte(n), die niemand braucht (22)

 

Für den Segelflug bekomme ich von den Streitkräften erst nach Abschluss der Freiflugperiode auf der Antonov 2 wieder grünes Licht. Das macht die Zeit ausbildungder Theoriein Bautzen darum doppelt hart. Dann kommt endlich der lang herbei gesehnte Tag unserer Abreise. Wir werden zwar in 8 Monaten noch einmal für vier Wochen hier her zurückkehren, um sämtliche spezial-fachlichen Prüfungen für den Hochschulabschluss zu absolvieren. Dann jedoch sind wir schon Offiziersschüler im letzten Ausbildungsjahr, also angehende Offiziere und damit mit viel mehr Privilegien ausgestattet: kein Frühsport, separater Speisesaal und nie mehr Filzuniformen im Winter.

An unserem neuen Standort Kamenz angekommen, beziehen wir unsere Zimmer in einer Baracke am Rande des Flugplatzes. Die acht Räume sind hell und groß: drei Betten, drei Schränke, ein großer Tisch mit 3 Stühlen, 3 Nachtschränke mit Lampen und ein Besenschrank mit Inhalt stehen auf der Inventarliste. Waschraum, Fernsehraum, Bastelzimmer, Abstellkammer und das Dienstzimmer unseres Fachlehrers Zugführer und schon ist die Baracke ausgelastet. Wände und Decken bestehen, bis auf die Steinmauern der Duschecke im Waschraum, aus Pappe mit Wabenkern, nach außen Asbest verkleidet. Beheizt wird digital (voll oder gar nicht) mit Dampf. Mit uns leben in dem Gebäude neun Offiziersschüler im dritten Ausbildungsjahr, denen der Hauptmann (unser Zugführer) schon deutlich mehr Privilegien gewährt. Es heißt, der gesamte Kurs würde von der Interflug übernommen. Was für Aussichten. Die Zimmerbelegung entspricht den Fluggruppen. Wir, die OS Mannheim (Merlinger), Marr (Tommy) und Mühe (Mieze) unterstehen dem Fluglehrer Hauptmann Schubardt (Schubi). Wir werden, in Form eines Appels, dem Personal vorgestellt und durch die komplette Basis der Transportfliegerausbildungsstaffel 45 geführt. Die nächsten zwei Wochen gehören der intensiven Vorbereitung unserer ersten Flüge auf dem Doppeldecker AN 2 und werden nur von Sport und einigen Stunden Marxismus-Leninismus unterbrochen. Wir lernen unser Ausbildungsflugzeug aus nächster Nähe kennen, starten das Triebwerk, lassen es Probe laufen, rollen und stellen wieder ab, pauken den Inhalt der ersten Flugübungen, Handlungsreihenfolgen und die Orientirungsmerkmale, Kurse und Entfernungen der Flugzonen, Platzrunden und des Instrumentenlandesystems, üben den russischen Flugfunksprechverkehr und trainieren immer wieder in der Flugzeugkabine. Dann ist es endlich so weit: nach mehr als 18 Monaten hebe ich wieder vom Boden ab. Der riesige Doppeldecker, in dem 12 Passagier Platz haben brüllt mit der Kraft von 1000 Pferden über den kurz geschorenen Rasen der Startbahn. Ich schaue mit dem unscharfen Blick der Überwältigung über das Instrumentenbrett, dann zum Fluglehrer und registriere sein Nicken, es kann los gehen. Das Loslassen des Bremshebels in der linken Hand verursacht ein Zischen, begleitet vom Geruch nach verbranntem Gummi, wieder ein Nicken. Beide Hände am Steuerhorn, drücke ich die Säule nach vorn. Während der Flieger an Fahrt gewinnt, hebt sich das Heck. Unauffällig korrigiert Schubi mit dem Seitenruder die Wirkung des Kreiselmomentes auf die Richtung, die Anna bleibt in der Bahn. Dann hilft er beim Zurücknehmen der Steuersäule und schon fliegt sie, ich habe nicht viel mitbekommen, fingere mit der rechten Hand zum Gashebel und zur Luftschraubenverstellung und bekomme erneut geholfen. „Es reicht fürs erste, wenn sie steuern, Sollte es kritisch werden, bin ich ja da“, höre ich ihn aus den Lautsprechern meiner russischen Funksprechgarnitur krächzen. Nach seinen Handzeichen leite ich die vier Kurven bis zum Landeanflug ein und aus. Auf Landekurs, reguliert er Drehzahl und Leistung des Triebwerkes und fährt die Landeklappen. Als der Boden näher kommt höre seine Kommandos: „Abfangen ! Halten ! Noch halten ! Halten ! Weiterziehen ! Durchziehen !“ Wie beim Start, hilft Schubi wieder mit dem Seitenruder nach. Sie rollt: „Richtung halten, Bremsen ! Nach links von der Bahn. Oswobodil“ – die Bahn ist frei. Geschafft, die erste des Fünferblocks liegt hinter mir. Ich brauche lange um die Steuerung des Ausschwebens zu beherrschen und bin verärgert, dass ich keine größeren Fortschritte mache, als die Fußgänger (so nannten wir OS ohne fliegerische Vorbildung). Schließlich schaffen wir alle unseren Freiflug, den ersten Flug ohne Lehrer, aber mit einem anderen OS auf dem rechten Sitz. Die anschließenden Übungen bestehen stets aus einigen Flügen mit Lehrer und einigen mit einem OS. Zu einem dieser Flüge lade ich einen Unteroffizier ein, der gerne mal mitfliegen möchte. Das ist natürlich streng verboten, aber gerade darum hat es seinen Reiz: die Jungs schuften täglich für uns und dürfen niemals in den Fliegern sitzen. Keiner hat´s gemerkt und alle bewahren das Geheimnis. Andere tun das natürlich auch und irgendwann kommt es schließlich raus und es werden Schuldige gesucht. Als schließlich kollektive Strafen angedroht werden, pilgere ich mit schlechtem Gewissen gegenüber meinen Kameraden im Allgemeinen und meinem Copiloten im Besonderen, in das Dienstzimmer meines Fluglehrers und beichte den Vorfall. Er ist wahrlich nicht begeistert, begleitet mich aber sogleich zum Kommandeur. Endlich kann ein Exempel statuiert werden. Ich werde so bestraft, dass der Eintrag in meine Kaderakte bis zum Ende meiner Ausbildung wieder gelöscht werden kann, verpfeife aber den Unteroffizier nicht. Gleichzeitig werde ich aus der Kandidatenliste der Partei erneut gestrichen. Wieder mehr Freizeit.