Geschichte(n), die niemand braucht (21)

 

Sofort nach dem Klingeln öffnet sich die Tür, wir reichen uns die Hände, während Merlinger uns vorstellt: „Das ist Thomas, meine Mutter“. „Guten Tag, kommen sie bitte herein“. „Guten Tag. Danke, hoffentlich macht es ihnen keine Umstände?“ antworte ich und sie entgegnet: „Nein, sie können das Zimmer meines Sohnes benutzen, die beiden sind ja heute Nacht nicht da. Wir legen ab und nehmen in der winzigen Küche, die höher als breit ist, an einem kleinen Küchentisch mit vier winzigen Stühlen Platz. Es gibt arme Ritter und schmeckt vorzüglich. Nach dem Essen verzieht sich das Liebepaar und Merlingers Mutter stellt die meine Flasche Wein in den Kühlschrank und gibt mir ihre zum Öffnen. Wir sitzen im Wohnzimmer auf zwei bequemen Sesseln, ich bewundere ihre Büchersammlung und eröffne die Unterhaltung. „Wenn ich mal groß bin, werde ich auch so ein herrlich gefülltes Bücherregal besitzen“. „Ja, mein Sohn und ich haben es mit der Zeit zusammengetragen. In eurer Dienststelle scheint es immer mal was Gutes zu geben. Manchmal habe ich den Eindruck, Frank gibt sein ganzes Geld für Bücher aus“. „Wir tauschen uns oft aus“, entgegne ich, „aber manches muss man halt schon selber besitzen“. „Was haben sie als letztes gelesen?“ fragt sie. „Den Kippenberg von Dieter Noll“, antworte ich und fahre fort: „Auf Grund der vielen Zeitungsartikel über das Buch, habe ich es für ein rotes Werk gehalten. Entschuldigen sie diesen Ausdruck, aber wir müssen jeden Tag zu viel von dem Zeug lesen, dass ich meine Freizeit nicht unbedingt damit verbringen möchte“. „Das kann ich verstehen“, entgegnet sie und ermuntert mich, durch Kopfnicken, fortzufahren. „Ich habe mir das Buch zunächst von einem Freund geliehen, weil es mir zu teuer und außerdem vergriffen war. Dann aber las ich jede freie Minute in dem Buch und brauchte ein eigenes Exemplar. In dem Buch fand ich so viele Antworten auf Fragen, die mich schon so lange quälen“. „Und welche sind das?“ fragt sie dazwischen. „Nun, da wäre die Frage, ob alles immer richtig ist, in unserem Land und wie man damit umgeht, wenn man erkennt, dass etwas falsch ist und man kann es als einzelner nicht ändern. Und die Frage, wie man sich arrangiert mit den Herrschenden. Die unüberhörbare Aufforderung des Buches, ein mutiger Mensch zu werden. Und, nicht zuletzt, die Formen des Zusammenlebens von Menschen, die sich mögen, eigentlich eine herbe Kritik an den Arbeiterschließfächern“. „Das haben sie da alles raus gelesen?“ fragt sie und schaut dabei erstaunt über den Rand ihrer Brille. „Ja“, antworte ich, „und es hat mir gezeigt, dass ich nicht alleine bin mit meiner kritischen Haltung“. „Mein Sohn und sie, ihr habt es bestimmt nicht einfach, dort in Bautzen“, stellt sie fest. Wir schweigen und trinken Wein. Dann erzählt sie mir von ihrer Schule. Ihre Schüler interessieren sich für nichts mehr richtig, wollen nur noch originell sein und entwickeln dafür einen richtigen Fimmel. Ich sage ihr, ich könne da nicht mitreden, Berlin sei nicht die Republik und dass ich auf Flugplätzen aufgewachsen bin. „Sie lieben das Fliegen sehr, nicht wahr?“ „Eine Zeit lang wollte ich Maschinenbauer werden, dann Architekt, seit ich das erste Mal geflogen bin, kann ich mir keinen anderen Beruf mehr vorstellen. Ich bin der einzige aus der Kompanie, der offen zugibt, dass er zum Fliegen Soldat wird. Das hören die nicht gerne. Jeder Genosse soll auf dem Platz seinen Mann stehen, wo ihn die Partei hinstellt. Darum will ich eigentlich nicht in die Partei und Frank soll mich bekehren“. „Sie müssen ihren eigenen Weg gehen, das tun sie ja schon. Lassen sie sich nur nicht beirren und bleiben sie bitte, wie sie sind. Möchten sie noch ein Glas Wein?“ „Ja?“ Ich nicke ihr zu, dann hole ich die andere Flasche aus dem Kühlschrank. Ich öffne die Flasche und schenke nach. Wieder schweigen wir. „Möchten sie gerne Pilot bei der Interflug werden?“ fragt sie in die Stille hinein. „Ja, das würde ich so gerne. Ich werde nie ein richtiger Militär. In der Schule haben sie uns zu humanistisch denkenden Menschen erzogen, die in Frieden mit ihren Nachbarn leben und beim Segelfliegen lernte ich die Freiheit kennen. Humanismus und Freiheitsliebe, wenn die sich in einem festgesetzt haben, ist man eigentlich für den Offiziersberuf in dieser preußischen Armee verloren.“ „Und warum gehen sie dann nicht da weg?“ fragt sie. „Dann lassen die mich mein ganzes Leben nie wieder auch nur in die Nähe eines Flugzeugs, dann kann ich gleich auswandern“. Sie erwidert nichts. Nach einer Weile sage ich leise zu ihr: „Danke, dass sie mir zugehört haben und ich hier bei ihnen sein darf. Es tut gut. „Geht mir auch so“, sagt sie, „jetzt verstehe ich meinen Sohn viel besser. Er redet nicht so offen wie sie. Noch etwas Wein?“ „Nein danke, entschuldigen sie, ich bin hundemüde“. „Gut, ich zeige ihnen ihr Zimmer und das Bad“. Unter der Wirkung des süßen Weins schlafe ich sofort ein und erwache vom Duft frischen Kaffees. „Guten Morgen, hast du gut geschlafen?“ begrüßt mich Merlinger. „Meine Mutter ist ja total beeindruckt von dir. Was habt ihr nur geredet?“ „Über alles, worüber du eigentlich mit mir reden solltest, mein Bester“, antworte ich schlagfertig und will aus dem Bett springen, doch mein weinschwerer Kopf verlangsamt die Bewegung. Ich greife mir an die Stirn und ziehe Luft durch die Zähne. „Meine Mutter trinkt sonst nie etwas“, bemerkt Merlinger und deutet auf meinen Kopf. „Gestern schon. Ich bin in fünf Minuten bei euch“. Als ich die Küche betrete liest Merlinger die Zeitung, auf dem Tisch stehen frische Brötchen, Butter, Marmelade und ein Straus gelbe Rosen, die beiden Frauen bereiten Rührei zu, im Radio sagen sie gerade schönes Wetter an. „Guten Morgen, rufe ich vergnügt, ich habe gut geschlafen und es wird schönes Wetter“. „Guten morgen“, antworten die Damen gleichzeitig und lachen miteinander. „So, Frühstück ist fertig“, sagt Merlingers Mutter und zu ihrem Sohn: „wir könnten ja mal zum Mt. Klammott gehen, bei dem schönen Wetter, da kann Thomas ein Stück von Berlin sehen, wenn er schon mal da ist“. „Gute Idee“, entgegnet Merlinger, „zum Mittag können wir alle bei uns essen. Martina kocht Spaghetti mit Tomatensoße, nichts besonderes, aber mit Liebe gemacht“. „Einverstanden“, sage ich und wir frühstücken schweigend. Martina sieht gelöst aus und schaut mich neugierig an: „Marke“, so nennt sie Frank, „bringt nie Leute mit, du musst etwa besonderes sein, Thomas.“ Ich hohle tief Luft, verdrehe mit grinsendem Gesicht die Augen: „Das bin ich wohl“. Merlingers Mutter lacht laut los, ich stimme ein, die beiden wissen nicht, was sie davon halten sollen. „Wir hatten einen interessanten Abend, ihr auch?“, bringt sie lachend hervor. Die beiden schauen sich verdutzt an, lachen mit. Wir erklimmen den Mt. Klammott, jenen Berg aus Trümmern von der Bombardierung Berlins im Zweiten Weltkrieg. Der Blick für die geteilte Stadt weitet sich dort oben, die Luft erscheint weniger abgestanden als in den Straßen Berlins.

Von Angela Monika Arnold – Selbst fotografiert, CC BY-SA 2.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5499057

Martinas lange, blonde Haare umwehen ihren Kopf und sie versucht ständig, sie aus dem Gesicht zu bekommen, senkt schließlich ihren Kopf um im nächsten Moment mit einem Schwung nach hinten, ihre Mähne hinter den Kopf zu werfen. Merlinger erklärt ihr belustigt: „Das ist wie beim Fliegen, geht nur mit Gegenwind“. „Ja, ja, ihr Flieger“. „Müssen wir nicht los, sonst schaffen wir das mit dem Mittagessen nicht mehr?“, fragt Martina. „Wir gehen zu Mutter, holen Tommis Sachen und dann zu uns“, legt Frank fest. Martina und Merlinger bewohnen drei Zimmer eines umgebauten zweistöckigen alten Industriebaus in einem Hinterhof. Die Wohnung ist geradezu kuschelig eingerichtet, Fenster hinter Blicke abweisenden Baumwollvorhängen verborgen. Martina und Merlingers Mutter verschwinden in der, mit Gewürzregalen überquellenden, klitzekleinen, fensterlosen Küche und hantieren mit Töpfen und Geschirr. Merlinger fragt mich, welche Schallplatte ich hören möchte. Ich wähle Morning Has Broken von Cat Stevens aus. Vorsichtig wird die große, schwarze Scheibe auf den Plattenteller gehievt, der Tonarm über dem Anfang platziert, mit einem Hebel abgesenkt, das anlaufen kontrolliert und der Deckel geschlossen. Diese Tätigkeit hat etwas erhabenes, strahlt so etwas wie Hingabe zu dem filigranen Gerät und dem empfindlichen Vinyl aus und stimmt einen damit auf den anschließenden Hörgenuss ein. Die Damen bedeuten rufend aus der Küche, dass es ruhig etwas lauter sein könne. Merlinger dreht auf, es wohnt niemand sonst in diesem Gebäude. Wir essen gemeinsam, schwatzen, trinken Kaffee, schwatzen weiter bis wir zum Zug müssen. Ich halte Martina für weniger verrückt als die meisten Menschen in dieser Republik und begreife Merlingers geschicktes Spiel mit der Armee: seine Freundin ist seine Schwäche, darum werden sie ihn niemals als vollwertigen Offizier und Militärflieger sehen, sein Name wird auf der Interflugliste ganz oben stehen und die Geschichte kommt auch nie ans Tageslicht, weil sie nur in Merlingers und meinem Kopf existiert. Der, Major mit seinem Misstrauen zu mir, wird mich nie zu Merlinger befragen – Schach matt, ihr lieben, mit euren eigenen Waffen. Ich bewundere Merlinger und hasse ihn gleichzeitig für sein falsches Spiel, denkt er, dass ich ihn nicht durchschaue? Er denkt es. Der Zug rollt aus Berlin heraus, wir unterhalten uns über seine Mutter und die Schulzeit in Berlin. Wir sind müde, einander auch ein wenig überdrüssig und schlafen im gleichmäßigen Geratter des Zuges ein. Merlinger wird am nächsten Früh kurzzeitig beim Kompaniechef vorstellig und befriedigt dessen Neugier. Alle sind mit dem Ergebnis unserer Berlinreise zufrieden.