Geschichte(n), die niemand braucht (20)

Die letzten Monate in der zweiten Kompanie gehören dem Lernen. Die Kompanieoffiziere setzen sich bei der Schulleitung durch und halten jedwede Störung des Studienbetriebes von der Kompanie fern. Die Genossen waren im Feldlager und erhielten dort eine umfassende militärische Ausbildung, Alarm – ohne uns. Irgendwie waren wir uns nähergekommen, durch Braunkohle und Generalsekretär zusammengeschweißt, war das militärische Tamtam zu notwendigen Zeremonie herabgesunken. Man hatte Schweine zusammen gehütet, sich näher kennen gelernt als jeder von uns wirklich wollte. In der Kasernenatmosphäre baute sich diese Nähe nun wieder ab. Die Zugführer begannen wieder die üblichen Fragen zu stellen, ihre Berichte zu schreiben und ihre Spielchen zu spielen. So verpasste mir der Kompaniechef einen gemeinsamen Urlaub mit Merlinger, der eigentlich Frank Mannheim hieß, aber weil er seine Nase oft in Bücher von Robert Merle steckte, diesen Spitznamen erhielt. Wir fahren in unserer Ausgangsuniform mit dem Personenzug zweiter Klasse von Bautzen nach Dresden und steigen dann in den Schnellzug nach Berlin Schöneweide um. Ab Dresden haben wir Sitzplätze, sind alleine im Abteil und können reden. Ich möchte wissen, woran ich bin und beginne: „Du Frank, wir beide mögen uns doch nicht so sehr, dass du mich mit zu deiner Familie nach Berlin schleppen musst. Warum, in Gottes Namen tust du das?“ „Das ist eine lange Geschichte und sehr persönlich“, antwortet er. „Erstens haben wir Zeit und zweitens weist du ganz genau, dass ich keiner der beiden Fraktionen in der Kompanie angehöre, weder den Zuträgern noch den Dummschwätzern. Du bist schlauer als ich, aber ich spüre es, wenn mich jemand bescheißen will, also versuch es erst gar nicht. Vielleicht können wir ja etwas voneinander lernen. Du kannst doch auch mit keinem richtig reden“. Merlinger nickt, er will reden. Wir sitzen gegenüber, zwischen uns am Zugfenster, der Klapptisch, darauf zwei offene, kleine Flaschen Dresdner Pilsener. Wie zwei Menschen, die Geheimnisse zu besprechen haben, neigen wir unsere Körper aufeinander zu, stecken die Köpfe zusammen, wie man so schön sagt und Merlinger fängt an zu erzählen: „Du hast mitbekommen, dass ich vor drei Wochen eine Woche Sonderurlaub hatte?“ „Ja, für deine guten Leistungen, du warst total fertig, als du wiederkamst. Ich dachte neidisch: man, muss Marke eine tolle Braut haben. Darüber zu reden, ist ja unter deinem Niveau, darum hat dich keiner gefragt. Aber erzähl weiter“. „Ich musste meine Freundin in die Psychiatrie einliefern, sie ist vollkommen zusammengebrochen, als ich meinen Koffer gepackt habe. Du musst wissen, wir leben schon seit der zehnten Klasse zusammen, so richtig. Wir haben jeden Schritt gemeinsam getan, zwei Jahre lang. Nun kommt sie nicht mehr zurecht, ohne mich. Ich bin deswegen vor dem Sonderurlaub bei Major John gewesen und habe ihm die Sache erklärt. Er fragte, was ich zu tun gedenke und ich antwortete, dass mir Martina wichtiger sei als die Offiziersausbildung. Er ist krebsrot angelaufen und hat mich angefaucht: „Genosse Mannheim, warum denken sie, bin ich Kompaniechef an der Offiziershochschule und machen mir täglich den Stress, dass aus Leuten wie ihnen ordentliche Soldaten werden? Ich werde es ihnen sagen. Weil ich dafür einen großen Haufen Geld bekomme, jeden Monat und weil ich eine schöne Frau zu Hause habe, die ich mit dem Geld halten kann. Ihre Martina würde ihnen weglaufen, wenn sie jeden Monat mit siebenhundert Mark nach Hause kommen würden, denken sie nicht. Man, was gäbe ich darum in ihrer Haut zu stecken. Sie haben die beste Karriere vor sich, die dieses Land zu bieten hat. Aus ihrem Zug kommt die Mehrzahl zur Interflug, ich bin mir sicher, dass sie dabei sind. Werfen sie das nicht weg. Wenn sie dennoch nach Hause wollen, machen wir sie so fertig, dass sie ihre Martina nicht mehr anschaut. Überlegen sie gut, Genosse Mannheim. Ich gebe ihnen eine Woche, um ihre privaten Angelegenheiten zu ordnen, danach stehen sie mir hier Rede und Antwort. Holen sie sich heute Nachmittag ihren Urlaubsschein ab. Da sie der beste ihres Zuges sind und ich auf keinen Fall will, das dieser Fall als Beispiel für andere dient, gebe ich ihnen den Sonderurlaub als Auszeichnung und erwarte ihr Stillschweigen. Gehen sie jetzt.“ Merlinger steht auf, schiebt den Stuhl in seine Position am Konferenztisch des Dienstzimmers, setzt sein Käppi auf, peilt mit der Hand über die Nase, ob es gerade auf seinem Kopf sitzt, richtet das Koppelschloss und entfernt die Falten aus der darunter liegenden Uniformjacke, führt die rechte Hand zum soldatischen Gruß an die Schläfe und fragt vorschriftsmäßig vor dem Verlassen des Dienstzimmers: Genosse Major, gestatten sie, dass ich den Raum verlasse ? Sagte ich bereits, Genosse Offiziersschüler. Dann war ich eine Woche bei Martina, was alles nur noch schlimmer gemacht hat. Du wirst sie kennen lernen. Mach dir ein Bild. Ich liebe sie so wie sie ist. Als ich zurück war, hat mich Major John gleich zu sich gerufen. Wir haben vereinbart, dass ich jedes Wochenende nach Berlin fahre. Dann hat er mich über dich ausgefragt, warum du nicht Kandidat der Partei werden willst. Ich habe ihm gesagt, du würdest zu hohe Ansprüche an dich selbst stellen und dich nicht mehr trauen. Dann hat er mir im Gegenzug für seine Großzügigkeit aufgetragen, mich mit dir zu beschäftigen, dich auszufragen und nun erzähle ich dir das alles, weil ich dich für den ehrlichsten und geradlinigsten Menschen der ganzen Kompanie halte“. „Danke für die Blumen, sage ich, du willst mich doch nicht wirklich aushorchen, oder?“ „Nein, ich denke, hinsichtlich dieses Problems ist zwischen uns alles gesagt. Ich werde ihm sagen, dass du am neuen Standort, in Kamenz um Aufnahme als Kandidat bittest. Ist das in Ordnung so?“ „Ja, danke“, entgegne ich. „Was werden wir in Berlin tun?“ „Wir gehen in die Klinik und holen Martina raus, dann fahren wir zum Abendessen zu meiner Mutter, du übernachtest da, Martina und ich gehen in unsere Wohnung. Meine Mutter lebt alleine und freut sich schon auf deinen Besuch. Sie dürfte eine interessante Gesprächspartnerin für dich sein. Du liest ziemlich viel und sie ist Deutschlehrerin“. „Darum sprichst du als Berliner so sauber hochdeutsch“, witzele ich. „Ja“, antwortet er mit einem Seufzer. „Deine Mutter ist nicht einverstanden mit dem, was du tust?“, frage ich. „Eigentlich schon. Martina ist ihr sehr ähnlich. Meine Mutter kann aber nicht mit ihr zusammenleben, ihre Kraft reicht gerade für sie selbst“. „Verstehe“, sage ich, „ich werde dieses Thema vermeiden. Wird sie sich nicht fragen, warum du mich mitzerrst, schließlich sind wir ja nicht gerade die dicksten Freunde?“ „Sicherlich“, antwortet er, „aber sie wird es nicht aussprechen und wenn du nicht von selber damit anfängst, wird es kein Thema sein, also halte dich an die Literatur und ihr werdet einen netten Abend haben“. Wir steigen aus dem Zug, ich kaufe auf Anraten Merlingers eine Flasche Tokajer für den Literaturabend und einen Straus Blumen, wir holen Martina ab und fahren mit der S-Bahn nach Pankow zur Merlingers Mutter. Martina ist eine wirklich schöne Frau, hat Ähnlichkeit mit Romy Schneider. In ihrem rot gepunkteten, hellen Sommerkleid rutsch sie auf Merlingers Schoss hin und her, während sie ihn ununterbrochen küsst. Die Schirmmütze tief in seinen Nacken, halten seine Arme das zarte Wesen fest. Die Fahrgäste schauen dem Liebespaar schmunzelnd zu und tuscheln miteinander. Hand in Hand erklimmen die beiden vor mir die drei Etagen zu der Altbauwohnung von Merlingers Mutter.