Geschichte(n), die niemand braucht (18)

 

Unser kleiner 15 Personen Zug kämpft sich wacker durch die Theorieausbildung, bis diese im Sommer erneut für sechs Wochen unterbrochen wird. Die Jagdflieger in unserem Hause drehen bereits ihre Runden auf dem Strahltrainer L 39, als der Befehl kommt, 60 OS des ersten Studienjahres in Marsch zu setzen um bei dem geplanten Truppenbesuch von Erich Honecker Fliegertrainingssport vorzuführen. Da alle anderen unabkömmlich sind, trifft es wieder unser Kompanie. Der Hauptfeldwebel führt einen Appell zur Überprüfung von Bekleidung und Ausrüstung durch, wir bekommen Gelegenheit, fehlende persönliche Gegenstände bei der Militärischen Handelsorganisation nachzukaufen, alles in eigens ausgegebene Seesäcke zu verstauen und auf die vorgefahrenen Lkws zu verladen. Aus Teilen des fliegertechnischen Bataillons wird in aller Eile eine Einheit formiert, die eine Zeltstadt errichten und das Leben darin sicherstellen soll. Die Genossen haben einen Tag Vorsprung. Der Sport-Oberst der Schule, Vorgesetzter aller Sportoffiziere, nutzt diesen Tag für eine gründliche Einweisung. Wir rücken im Trainingsanzug in die Sporthalle ein und nehmen auf dem schweißgetränkten, nach Bohnerwachs stinkenden Parkettboden der Halle Platz. Der Obert ist ein hoch aufgeschossener, sportlicher Endfünfziger in gut sitzender Uniform der Luftstreitkräfte. Er spricht langsam und klar mit väterlichem Tonfall und thüringer Akzent. „Genossen Offiziersschüler, wir haben die Ehre, in sechs Wochen vor dem Generalsekretär eine Vorführung unseres Fliegertrainingssportes zu machen“, verkündet er mit väterlicher Stimme. Eine, an der mit Holz verkleideten und graugrün lackierten Hallenwand befestigte Karte zeigt das Geländes des Flugplatzes Preschen. Aus Vorlesungen über die eigenen Streitkräfte wissen wir, dass sich Preschen etwa 25 Kilometer südlich der Stadt Forst in der Lausitz, mitten im Wald befindet. „Genossen, die Karte zeigt das Gelände des Flugplatzes Preschen. Hier an der Ringrollbahn wird die gesamte Flugtechnik der Luftstreitkräfte vorgeführt und an dieser Stelle, er deutet mit seinem verchromten Teleskopzeigestock, in russischer Bauform als Kugelschreiber erhältlich und Zeichen dafür, dass man eine russische Militärakademie besucht hat, auf einem Punk südlich der Ringrollbahn, „stehen unsere Fliegertrainingsgeräte“. Sein Zeigestock bewegt sich entlang der Rollbahn, biegt in einen schmalen Betonweg Richtung Süden ab, welcher mitten im Wald endet. „Hier Genossen, wird in diesen Stunden unser Zeltlager errichtet“. Er tritt an die Nächste Karte heran und deutet kurz auf die Symbole: „Unterkunft in Mannschaftszelten, Donnerbalken fürs große Geschäft, Waschplatz, keine Angst Genossen, wir fahren alle zwei Tage in ein Freibad zum Schwimmunterricht. Weiter: hier, unsere Feldküche, Fernsehzelt, Kinoleinwand, ich lasse die besten Kinofilme ranschaffen, die wir kriegen können. Genossen, es wird nicht einfach“. Der Oberst geht zur nächsten Karte: „Hier sehen sie den Aufbau der Fliegertrainingsgeräte“, deutet auf die Symbole, „Triplex, Rhönrad, Barren, Trampolin, die Bodenmatten. Hier ist unsere Ausgangsstellung, wenn der Generalsekretär eintrifft, laufen wir auf diesem Wege zur Musik ein und ich mache persönlich Meldung an Genossen Honecker. Dann teilen wir uns auf mein Kommando zu den Geräten. Während Sie selbständig üben, erläutere ich dem Generalsekretär die Übungen. Die Übungen dauern so lange an, wie es die Zeit des Genossen Honecker erlaubt. Auf sein Zeichen und mein Kommando treten wir sofort in Reihe und Glied an zur Verabschiedung: Genosse Erich Honecker, er lebe hoch, hoch, hoch. Da ist alles, Genossen Offiziersschüler. Für heute habe ich erste Übungen für den Einmarsch und etwas Bodenturnen Vorgesehen. Die Genossen Zughelfer zu mir!“. Drei Offiziersschüler bauen sich vor ihm auf, melden sich: „Genosse Oberst, Offiziersschüler Früh, Zughelfer zweite Kompanie, erster Zug!“. „Danke Genossen! Offizierschüler Früh bleibt hier, er wird das Kommando führen, die anderen zurück ins Glied!“, entscheidet er nach dem Äußeren der drei Genossen vor ihm. Wir formieren die Kompanie jetzt neu in Dreierreihe, exakt der Größe nach. „Am Training nehmen alle Genossen Teil, zur Vorführung nur die besten 50. Der Rest bleibt als Reserve im Feldlager. Also strengen Sie sich an, damit sie dabei sein können“. Der Oberst hat eine persönliche Ordonanz, den Gefreiten Schmidt, welcher den grünen Dienstwagen, Marke Lada 1500 fährt und alles dienstbeflissen erledigt, was ihm befohlen wird. Auf ein Handzeichen fährt er nun das Band im speziell für die Streitkräfte vom VEB Stern Radio Berlin gebauten Radio-Kassettenrecorder ab. Dem Lautsprecher entströmt ein Musikstück, welches geeignet scheint, gezähmte Vierbeiner in einer Reithalle auflaufen zu lassen. Während wir zunächst nur mit Mühe unser Lachen zurückhalten können, begreifen wir ein paar Takte später, dass dem Oberst damit verdammt Ernst ist und wir wohl oder übel zu dieser Musik herumhopsen müssen. Selbst den hart gesottenen unter uns geht in diesem Augenblick die proletarische Gelassenheit verloren: wir lernen, wie die Tanzpferde einzulaufen und so mancher versteht den Sinn des Begriffes: einen Einlauf machen, völlig neu. Nach stundenlangen choreografischen Übungen endet, zum Glück, auch dieser Tag. Am nächsten Morgen verlegen wir in unser Feldlager nach Preschen. Entlang des betonierten Weges, welchen wir schon von der Karte in der Turnhalle kennen, stehen die grünen Stoffzelte mit quadratischem Grundriss und spitzem Dach, wie sie in der ganzen Republik von Ferienlagern, dem Roten Kreuz, der Zivilverteidigung bis zur Armee verwendet werden. Im Zeltinneren befinden sich, auf einem Lattenrostboden,  normale Doppelstockbetten aus Eisen mit Matratzen und Armeeschränke. Wir verstauen unsere Sachen in den Schränken und legen die Schlafsäcke auf die Betten, besichtigen die offene Latrine für 10 Personen und die Waschrinne mit 20 Wasserhähnen im Wald. Auf dem Weg hantieren drei Soldaten an zwei Feldküchen, die mit einer Kuppel aus Tarnmaterial überspannt sind. An einer der Feldküchen finde ich drei Hähne mit, an kleinen Ketten hängenden Schildern: Trinkwasser, Tee, Kaffee. Die Trillerpfeife von OS Früh reißt uns aus der Entdeckungsreise: „Genossen Offiziersschüler, Zugweise antreten!“ Alles rennt durcheinander um ein paar Augenblicke später in Reih und Glied auf dem Beton zwischen den Zelten zum Stillstand zu kommen. Major John und seine Zugführer treten aus dem Offizierszelt hervor, OS Früh erstattet Meldung: „Genosse Major, Zweite Kompanie, wie befohlen angetreten, OS Früh!“ Major John schreitet die Front seiner angetretenen OS ab, die Augen folgen seinem Kopf. Zurück bei seinen Offizieren, beginnt er seine Ansprache: „Genossen, in 30 Minuten ist Zeltdurchgang durch die Zugführer, bis dahin sind alle Mängel abgestellt. Wenn ihre Zelte abgenommen sind, dürfen sie zum Essen fassen mit Kochgeschirr. Ab morgen gibt es richtiges Geschirr und zwei Essenszelte. Frühstück und Abendbrot werden in Beuteln angeboten. Warme Getränke, er zeigt auf die Feldküche, gibt es jederzeit dort, Brause, Cola und Zigaretten verkauft der Hautfeld in seinem Zelt, der hat auch das Klopapier, für Wehwehchen steht der Sankra bereit. Heute Abend läuft im Kino, er deutet auf die Leinwand am Ende des Zeltlager, 20000 Meilen unter dem Meer von Jules Verne. Fragen ? Ja, Genosse OS“. „Genosse Major, OS Heintz, Wo dürfen wir die Handtücher zum Trocknen aufhängen?“ „Hauptfeld?“ fragt der Major und schaut fragend in das aufgedunsene Gesicht seines besten Trinkers. „Die OS können die Handtücher erst mal über die Fußenden der Betten hängen. Morgen lasse ich eine Wäscheleine spannen und mit einer Plane überdachen, hoffentlich hat jeder Genosse, wie befohlen seine Initialen in Unterwäsche und Handtücher gestickt.“ „Da ist noch eine Frage, ja OS Sprengl ? Genosse Major, dürfen wir hier Post bekommen? Wenn ja, wie ist die Feldpostnummer und kommen auch Wäschepakete hier an?“ „Hauptfeld?“ „Ja, wir fahren alle zwei Tage baden, da kann geduscht werden, auf dem Weg halten wir bei der Post, wegen der Wäschepakete. Briefe und Pakete kommen unter der Feldpostnummer 77814 hier an und werden durch mich, wie gehabt, kontrolliert. Übrigens, auch hier herrscht Alkoholverbot Genossen Offiziersschüler“. Überrascht von der gedanklichen Klarheit schaut der Major seinen Untergebenen einen kurzen Moment schweigend an: „Danke Hauptfeld. Ich denke, es sind genug Fragen für heute. Leben wir uns erst mal ein. OS Früh, lassen sie wegtreten!“ „Jawohl, Genosse Major!“, brüllt der los, „Kompanie Achtung! Wegtreten!“ Wir knallen die Hacken unserer Stiefel zusammen, drehen uns geschickt nach links um 180 Grad, machen jeder einen großen Schritt und gehen unserer Wege. Der Hauptfeld hat zwar den Genossen Alkohol zum besten Freund, beweist jedoch in den wirklich wichtigen Dingen des Lebens in der Kompanie ein sicheres Händchen: an der Feldküche stehen ein drei Sterne Koch aus einem Interhotel und zwei Bausoldaten, so nennt man in der NVA Grundwehrdienstleistende, welche den Dienst an der Waffe verweigern. Sie tragen symbolisierte Spaten auf Kragenspiegeln und Schulterstücken und verrichten normalerweise körperlich schwere Arbeiten. Nun gehen sie einem Zauberer auf der Gulaschkanone zur Hand. Schon nach wenigen Tagen gehören sie einfach zu uns, fahren mit zum Baden und bekommen, im Gegensatz zu uns, sogar Ausgang. Jeden Morgen nach dem Frühstück fahren wir mit unserem W 50 zu dem Ort unserer späteren Vorführung. Der unebene Lausitzsand wurde durch eine Raupe begradigt, geharkt und mit dicken Filzmatten belegt, die jeden Abend abgekehrt werden. Darauf stehen, mit Erdankern befestigt, die Trainingsgeräte, der große Trampolin ist in den Boden eingelassen. Zuerst wird, quasi als Erwärmung immer der Einmarsch geübt. Statt wie die Gladiatoren vor Kraft strotzend, mit festem Blick, jeden Feind des Sozialismus abschreckend, werfen wir, im Takt der Pferdemusik, unsere Knie fast bis in Brusthöhe. Dabei dürfen wir nur winzige Entfernungen bei jedem Schritt zurücklegen, damit das Gesamtbild für den Generalsekretär längere Zeit erhalten bleibt. „Lächeln, Genossen, lächeln, wir sind doch kein trauriger Haufen“, krächzt die Stimme des Oberst aus einem Megafon. Immer wieder zählt er mit dem Finger Reihe und Glied ab und macht sich Notizen. Ich spüre seinen Finger auf meinem Körper und ziehe meine Knie höher, zu spät, ich bin notiert. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich´s dann recht ungeniert. So kommt es denn auch: zusammen mit sieben anderen OS aussortiert, kümmern wir uns fortan täglich um den Zustand der Anlage. OS Früh mutiert zum Liebling des Oberst. Seine Stimme entspricht, mit ihrem lauten, donnernden Bass, genau dem Idealbild der Militärs. Sein hoch gewachsener, massiger Körper wird gekrönt von einem kantigen Kopf mit strengen Gesichtszügen und kurzem, blondem Igelschnitt. Ab der ersten Trainingsminute färbt sich sein Gesicht rot und symbolisiert Kraftanstrengung und Aufopferung. Leider muss der Oberst feststellen, dass sich unter Frühs Sportkleidung nicht nur Muskeln verbergen, denn er schafft einfach den Oberarmstand auf dem Barren nicht. Aber gerade da soll er später auftreten und nach seiner Übung vom Oberst aus dem Trainingskreis herausgenommen und zum Gespräch mit dem Generalsekretär geführt werden. Dieser Teil der Aufführung wird täglich mehrfach mit Major John in der Rolle als Erich Honecker trainiert. Text OS Früh: „Genosse Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates, zweite Kompanie beim Fliegertrainingssport, Offiziersschüler Früh!“ „Danke, Genosse“, lautet die vermutete Antwort Honeckers aus dem Munde des Majors. Mit den Worten: „Genosse Früh, kommen sie mal“, nimmt ihn der Oberst bei Seite und fährt fort: „So geht das nicht. Sie müssen besser werden. Trainieren sie in jeder freien Minute. Nehmen sie sich zwei OS mit, Sprengl, der ist Turner und den Matzkus, der hat Kraft. Üben sie am Barren, der Generalsekretär wird fünf Meter neben ihnen stehen. „Zu Befehl, Genosse Oberst“, donnert Früh. „Gut, mit ihrem Befehlston bin ich sehr zu frieden, nehmen sie sich den Fahrer und den Kübel der Kompanie für ihre Trainings, ich regle das sofort mit ihrem Kompaniechef, weitermachen“. „Zu …“, „Schon gut, Genosse Früh“, fällt ihm der Oberst ins Wort. Er lässt sich von der Ordonanz das Megafon reichen und sagt mit väterlich, versöhnlicher Stimme hinein: „Genossen Offiziersschüler, heute nach dem Baden genehmige ich eine Flasche Bier für jeden“. „Hurra, hurra, hurra!“ schreien wir unwillkürlich. Das Training und unsere Verschönerungsaktionen gehen weiter. Pünktlich zum Mittagessen liegen Post und Zeitungen in den Zelten bereit. Nach 60 Minuten Pause, sind 45 Minuten politisches Gespräch befohlen. Dazu sitzt der dritte Zug mit Oberleutnant Walter im Moos unter dem duftenden Dach des Kiefernwaldes. Jeden Tag führt ein anderer OS eine Zeitungsshow durch, indem er die Überschriften aus der Jungen Welt, dem Verbandsorgan der Freien Deutschen Jugend verliest und mit ein paar eigenen Worten diskutiert. Danach sprechen wir über unsere kleinen Problemchen im Lager. Ich erlaube mir folgende Frage: „Genosse Oberleutnant, existiert schon ein Plan, wie wir den versäumten Unterricht nachholen?“ „Ja, Mathematik ist gestrichen, Meteorologie wird verkürzt durchgezogen, GEWI wird es am Standort Bautzen, zu Gunsten der spezial-fachlichen Ausbildung, nicht mehr geben, dafür bekommen sie den wissenschaftlichen Kommunismus in Kamenz“. Mit etwas Erstaunen, als habe er die Frage erwartet, vernehmen wir die Antwort unseres Oberlolli, so sein Spitzname. Mit Bemerkungen wie: Das wird ein Stress, oder: dann setzen sie uns den großen Trichter an, machen wir uns Luft. Damit gar nicht erst über Sinn und Zweck dessen, was wir gerade hier tun, diskutiert wird, sagt Oberlolli abschließend: „Kommt Zeit, kommt Rat, Genossen, erst müssen wir unsere Aufgabe hier erfüllen“.

Der Oberst ist sich seiner Wahl der Teilnehmer an der Vorführung betreffend sicher und wir die Aussortierten sind nun nicht mehr ständig bei den Trainings anwesend. Wir halten das Zeltlager in Ordnung, unterstützen Koch oder Hauptfeld oder haben jede Menge Freizeit. Ich beobachte einen Flugdienst der hier stationierten Jagdflieger. Geflogen wird mit dem Typ Mikojan MIG 21. Die Piloten nennen dieses Flugzeug Friedenstaube, denn man kann mit ihr nicht wirklich kämpfen. Der Deltaflügler fällt durch seinen Rumpf in Form eines Rohres, aus dem vorne ein Kegel herauslugt, auf. Unter den dünnen, scharfkantigen Flügeln hängt je eine Luft-Luft Rakete, an den Flügelenden je eine weitere. Bei paarweisem Abschuss können zwei Ziele bekämpft werden, dann ist das Flugzeug unbewaffnet und muss fliehen. Dafür hat der Flieger ein Funkmessvisier und fliegt sehr schnell und ist allwettertauglich. Das Geschwader möchte zu Ehren des Generalsekretärs den Start von einer kurzen Graspiste demonstrieren. Ein entsprechende Stück ist mit roten Fähnchen abgesteckt. Da die 21 normalerweise schon die Hälfte der 3000 Meter Piste für den Startlauf benötigt und Gras mit viel geringeren Bodendruck als Beton das Abheben eher noch verzögern würde, werden die MIGs mit Starthilfsraketen bestückt. Paarweise am hinteren, unteren Rumpf befestigt, erzeugen die Feststoffbrennsätze laut pfauchende Flammen nach hinten unten und schieben den Flieger zusammen mit dem Nachbrenner des Haupttriebwerkes sehr rasch in die entgegen gesetzte Richtung. Nach dem Brennschluss fallen die Raketen zu Boden und die MIG zieht steil in den Himmel. Mit ihren vier Waffen und wenig Kraftstoff ist sie nun leichter als der Schub des Triebwerkes, wird also selbst senkrecht nach oben schneller. Luftüberlegenheitsjäger nannten die Strategen des reinen Luftkrieges so etwas mal. Die MIGs sollten feindliche Bomber mittels Funkmessvisier aus großer Entfernung mit ihren weitreichenden, sich selbst ihr Ziel suchenden Raketen angreifen und vernichten. Doch die Zeit blieb nicht stehen: die Bomber werfen heute weit vor dem gegnerischen Luftraum Flügelbomben ab, die dann mit eigenem Antrieb in extrem geringen Höhen navigieren, das Bodenradar der Luftverteidigung des Feindes unterfliegen um unerwartet und präzise im Ziel einschlagen. Die Friedenstaube ist Nostalgie, absolute Verschwendung von Volkseigentum. Hätte ich das zu diesem Zeitpunkt geäußert, wäre ich wegen Wehrkraftzersetzung weggeschlossen worden. Eine Woche vor Erich treffen weitere Exponate zum Vorführen ein: alle in den LSK verwendeten Flugzeuge und Hubschrauber mit ihren Besatzungen. Für uns Nichtsportler die Gelegenheit alles ausgiebig zu besichtigen. Da stehen die Verbindungsflugzeuge Z 43, das Bienchen, die AN 2, die L 410, der Transporter AN 26, die Hubschrauber Mi 2, Mi 8 nebst ihrer Seevariante mit Schwimmern, die Mi 24 verschiedene Versionen der MIG 21, die MIG 23 als Jagdbomber und als Jäger. Wir schleichen in unserer Felddienstuniform unsicher zwischen den Geräten hin und her und versuchen die Piloten in Gespräche zu verwickeln. Die wollen aber einfach nur verschwinden, weg aus der Hitze, die Waffe abgeben um vielleicht noch eins der besseren Zimmer abbekommen. Wer konnte ahnen, das es unser letzter Spaziergang zu den Flugzeugen war, denn langsam beginnen mehr und mehr höhere Tiere anzureisen um mit am Rad zu drehen. Vier Tage vorher wurde der gesamte Ablauf der Truppenbesuches das erste Mal in Echtzeit geprobt. Erich wurde durch den hiesigen Geschwaderkommandeur vertreten. Dann folgte ein Tag für die Beseitigung der aufgetretenen Mängel bzw. Training. Zwei Tage vorher schwebte eine L410 mit dem Chef LSK/LV ein, erneuter Gesamtdurchlauf, Abflug. Und einen Tag vor Erich schwebten die L410 und die Salon Mi 8 des Ministers für nationale Verteidigung ein: Generalprobe im wahrsten Sinne des Wortes. Während der letzten drei Tage haben, im Gegensatz zu uns, die Sportler überhaupt nicht mehr gebadet. Sogar der Oberst wohnt jetzt im Feldlager. Er hält alle beisammen und bei Laune, denn die Jungs fahren nach dem Frühstück zum Stellplatz und kommen erst zum Abendbrot wieder. Acht Stunden in brütender Hitze für 30 Minuten Vorführung. Mieze und ich schleichen am Erich-Tag die zwei Kilometer bis zur Vorführung durch den Wald und tarnen uns mit Schmutz im Gesicht und Grasbüscheln auf dem Kopf in Sichtweite des kleinen Sportparkes. Es dauert nicht lange, da werden wir von den Fallschirmjägern des Ministers aufgestöbert. „Was macht ihr denn hier?“ „Wir wollten zuschauen.“ „In 2000 Meter Entfernung vom Generalsekretär hat keiner ohne Einladung zu sein, also verpisst euch.“ „Schon gut, wir gehen ja“. Wir rennen wie die Hasen zurück ins Feldlager und sehen uns mit den anderen die Übertragung im Fernsehen an. Als die Sportler kommen, lässt der Kompaniechef antreten und OS Früh erhält die höchste militärische Auszeichnung, die ein OS bekommen kann, alle anderen einen Blick zur untergehenden Sonne. Der Oberkommandierende hat sich ein Bild von der Truppe gemacht und alle dürfen ins normale Leben zurückkehren.