Geschichte(n), die niemand braucht (17)

 

Unsere Offiziershochschule hat sich nach dem Braunkohleeinsatz verändert. Der Glaube an die Unfehlbarkeit des sozialistischen Systems war erschüttert. Die Zahl der Entlassungsgesuche stieg an und ein riesiger Skandal erblickte das Licht der Sonne. Einer der Zugführer der 2. Jagdfliegerkompanie betrieb einen Handel mit pornografischen Bildmaterial. Er hatte die Friseusen überzeugt, sich zusammen mit seinen schönsten Offiziersschülern in entsprechenden Positionen ablichten zu lassen. Die Fotos wurden in aller Stille im Labor der Schule entwickelt und über dunkle Kanäle vertrieben. Neben finanziellen Aspekten mögen die anschließenden Orgien Beweggründe für alle Beteiligten gewesen sein. Als es aufflog, löste man innerhalb einer Woche die gesamte Kompanie auf. Der betreffende Kompanieoffizier verschwand in einem Militärgefängnis, einige Offiziersschüler wurden entlassen und der Rest mit der ersten Kompanie vermischt. Als wenig später die GST Bedarf an Fluglehrern anmeldete, verschwanden alle aus der ehemaligen Zweiten dorthin. Die Schule hatte ihren Körper gereinigt.

Die durch die Braunkohle verloren gegangene Studienzeit, zwei Monate, galt es aufzuholen. Der Lehrstoff wurde in noch kürzerer Zeit durchgezogen. Da etwa die Hälfte der Genossen unseres Zuges nach ihrer Berufsausbildung innerhalb eines Jahres eine Art Notabitur abgelegt hatte, bestanden Unterschiede in der Aufnahmefähigkeit des Lehrstoffes. Besseren Schülern wurde befohlen, sich um schlechtere zu kümmern. Mit meinen sehr guten Leistungen in Aerodynamik und Sprachen war ich für Uwe verantwortlich. Als Diplomatensohn wuchs er in DDR-Botschaften dieser Welt auf, besuchte an den größeren die entsprechenden Schulen oder lernte mit seiner Mutter. In Berlin haben sie ihm dann den Abschluss der zehnten Klasse hinterher geschmissen. Uwe hatte seinem Vater eines Tages verkündet, er wolle Linienpilot werden und Vater organisierte das. Er hätte schon das Notabitur in Kamenz nicht geschafft, wenn er nicht die Tochter einer seiner Lehrerinnen geschwängert hätte. Jedenfalls habe ich ihn jetzt am Hals. Kraft seiner Wassersuppe dient er auch noch als Zughelfer, ist also, nach dem Gruppenführer, mein direkter Vorgesetzter. Er ist nicht dumm, spricht sogar Chinesisch, hat aber niemals das Lernen gelernt. Für Aerodynamik, Russisch und Englisch pauken wir jeden Abend. Ich mag seinen Charakter nicht, höre aber in den Zigarettenpausen, von denen Uwe viele braucht, gerne seine Storys. Mit den Augen eines Heranwachsenden hat er fremde Kulturen aufgenommen. Dadurch steht er etwas über den alltäglichen Dingen, die mich jeden Tag aufs neue fertig machen. Für ihn ist das alles hier ein notwendiges Übel, denn er weis, sein Platz in einem Passagierflugzeug der Interflug wird schon angewärmt. Bei uns anderen ist die Chance fünfzig/fünfzig. Aber Uwe tut auch etwas für mich: wir trainieren jeden Abend eine halbe Stunde Saltos auf dem Trampolin und Koordination im Triplex, eine Art ortsfester Rhönrad mit Bewegungsmöglichkeiten um alle drei Achsen. Unserer beider Leistungen werden besser und wir werden als vorbildliche Lernpatenschaft ausgezeichnet mit 3 Tagen Sonderurlaub. Uwes Vater treibt über diplomatische Kanäle ein kleines Fass Pilsener Urquell auf und wir feiern bei seinen Schwiegereltern im Plattenbaukeller neben der Kaserne. Er ist nach der Offiziershochschule auch Copilot bei der Interflug geworden, hatte aber eine Affäre nach der anderen mit hübschen Stewardessen und endete beim Bodenpersonal, verantwortlich für Gepäck.