Fluglehrer OHS 2 (65)

Nun befördert und pflegt man die Wahrheit bei der Arbeit und erzeugt aufgeschlossene, realistisch denkende Menschen mit dem absolutem Vertrauen, welches ein Flugschüler seinem Lehrer entgegenbringt und dann zieht man diese Leute in die existierende gesamtgesellschaftliche Lüge hinein. Horst hat immer gesagt: „Die Jungs sind uns anvertraut. Sie sind jung und gesund, gebildet und intelligent, in unserem Land groß geworden, flugbegeistert und ihrer Heimat treu – sie sind das beste, was dieses Land zu bieten hat, unser Herzblut. Wir dürfen sie nicht versauen. Sie beobachten dich, jede Minute, jede Sekunde, was du redest, wie du handelst, sie lachen über deine Witze, teilen deinen Schmerz, möchten so sein wie du, denn du bist ihr Lehrer, du bringst ihnen eine Sache bei, die sie unbedingt wollen: das Fliegen. Wir formen Leute mit Ehre im Leib.“ Darum überleben sie in ihrem Beruf und scheitern immer wieder an dem Problem der Lüge. Deshalb kommt auch kaum ein ehrlicher Mensch in Positionen, in denen sich wirklich etwas zum positiven verändern lässt. Hat man erst mal das Mittelmaß an der Spitze einer hierarchischen Organisation, sucht sich die jeweils herrschende Ebene natürlich einen noch dümmeren Personenkreis als Untergebene. Ein, für seine Position in der Hierarchie zu intelligenter Mensch, hat es schwer. Findet er Mitmenschen, denen es ähnlich geht, wird das Gefühl ein gemeinsames, es wird aussprechbar und dadurch leichter zu ertragen. Der einzelne erkennt durch den ehrlich vorgehaltenen Spiegel in Form eines Freundes, dass er nicht schlechter als andere ist, auch wenn er nicht dem Mainstream der Gesellschaft folgt. Von da an kann er sein wahres ICH vor seinen Freunden entfalten und das befohlene ICH denen zeigen, die es erwarten.
Wir waren anders, schon weil wir nicht sesshaft am Standort waren, konnten unsere Seelen nicht hinter den dünnen Papptüren von Plattenbauwohnungen voreinander verstecken. Wir lebten zusammen: Zeit und Muße miteinander zu essen und zu trinken, zu diskutieren und zu streiten, Vertrauen aufzubauen und Enttäuschungen zu verarbeiten.
Unsere Unterkunft war ein mehrstöckigem Gebäude, welches lange Flure und mit Pappwänden abgetrennte Zimmer hatte. Die Räume waren hell, –hörig und wenn man verbotenerweise mit ein Mädel schlief, so hatten akustisch alle Bewohner was davon. Billiger konnte man nicht mehr bauen: Stahlbetondecken und -säulen, Wabenwände aus Pappe innen, nach außen mit Asbest verkleidet und ein Wellasbestdach, fertig war unser Ledigenwohnheim. Mit eigenem, betonierten Parkplatz, stand es außerhalb der Kasernenmauer, vor den ersten Offizierswohnblocks mit Fernwärme aus dem Heizhaus der Kaserne. Als sich die Armeeführung entschloss, auch Damen als Offiziere auszubilden, nahm man den Ledigen die Asbestschachtel kurzerhand weg und verfrachtete uns in eine altehrwürdiges Gebäude auf dem Kasernengelände mitten in der Stadt. Die jungen Damen wollte man während der Nacht auf keinem Fall innerhalb der Kaserne haben, sexuelle Handlungen und damit Verletzungen des sozialistischen Moralkodex wären vorprogrammiert gewesen.