Fluglehrer OHS 1 (64)

Meinen Kollegen Horst habe ich am ersten Tag meines Fluglehrerdaseins in Kamenz kennen gelernt. Er wurde schnell so etwas wie ein väterlicher Freund für mich und sollte, nach meinem Dienst in der NVA, auch der einzige ehemalige Offizier bleiben, den ich je besucht habe (abgesehen von einem Staffeltreffen der ehemaligen VS-14).
Horst diente die schönsten 20 Jahre seines Lebens als Jagdflieger zum Schutz der DDR auf Mikojan Kampfflugzeugen. Seine Karriere führte den Arbeitersohn aus dem zerbombten Dresden direkt in das Cockpit eines Abfang-Jagdflugzeuges zur Verteidigung des Luftraumes der jungen DDR. Fliegen am Limit mit einem so mächtigen Waffensystem, gesellschaftliche Anerkennung, Wohnung, genug Geld, Glück bei den Frauen, Kinder und ein Segelboot, Horst lebte seinen Traum. Seit seinem zweiten Ausstieg während des Fluges mit dem Schleudersitz haben ihn die Ärzte keine Jets mehr fliegen lassen. Als Alternative fürs kaputte Kreuz von Horst gab es diesen Fluglehrerposten auf der Antonov 2, welcher uns zu Kollegen machen sollte. Fliegen ist allemal besser als Schreibtischtäter zu sein. Ich habe mich stets gefragt, wie einer wie Horst, der den gewaltigen Schub, die Wendigkeit, den riesigen Aktionsradius und die Waffengewalt seines Jets gewohnt war mit dem alten, friedlichen Doppeldecker zurecht kam. Fliegen am Limit gegen Oldtimerschulung. Das ist ungefähr so als wenn man viele Jahre eine Porsche so schnell fahren konnte, wie man wollte um dann mit einem Lanz Bulldog seine Runden um den Block zu ziehen. Aber es war nicht nur das. Horst flog seinen Jäger allein, die Anna hatte eine Besatzung. Die Hackordnung kam von außerhalb des Cockpits nach innen und mischte sich ins fliegerische Handwerk ein, auf neudeutsch: Crew Coordination.
Horst hatte die ehrenvolle Aufgabe, mich auszubilden. Offenherzig, tolerant und lustig wie er war, haben wir uns sehr gut verstanden und den Umgang miteinander gepflegt. Jeder von uns beiden war an dem Menschen, an der Summe der Erfahrungen des anderen, seiner Sichtweise der Dinge interessiert.
Wie viel Ehrlichkeit leistet sich der einzelne, wo und warum?
Eine universelle Frage. Für die Fliegerei im Allgemeinen, und vor allem der Anfängerausbildung: Eine Frage des Überlebens. Flieger müssen Situationen realistisch beurteilen, dürfen sich nichts vormachen, müssen sich aufeinander verlassen können. Das muss vorgelebt und antrainiert werden, unabhängig vom Dienstgrad oder der Dienststellung. Ein Fehler ist ein Fehler und ein Toter einer zuviel. Das Fliegen eines Flugzeuges ist eine sehr komplexe Geschichte, zu deren Gelingen, neben dem Piloten, erstaunlich viele Menschen beitragen, die alle ehrlich miteinander umgehen müssen. Es bringt nichts, wenn der Wettermann dem Piloten einen Gefallen tun will und ihm das Wetter schönredet.