Alte Freunde (61)

Je näher der Termin meiner Versetzung rückt, desto wohler fühle ich mich in der strausberger Einheit. Viele Dinge, die mich früher störten, sehe ich jetzt nicht mehr so verbissen. Ich denke ernsthaft über einen Rückzug nach. Um mir Gewissheit zu verschaffen, fahre ich nach Kamenz und besuche meinen Freund Uli und die Segelflieger. Wir diskutieren die halbe Nacht und übernachten alle in der Segelflughalle. Einige der Kameraden vom Segelflug haben eine Technikerlaufbahn als Offizier eingeschlagen und sind an den Flugplätzen der Offiziershochschule untergekommen. Ich fühle mich sofort wohl unter alten Freunden und alle bestärken mich, hierher zu kommen. Meinen ehemaligen Fluglehrer und zukünftigen Kettenkommandeur treffe ich in dessen Wohnung. Er freut sich und ich erzähle ihm nichts von meinen Zweifeln: “Dein Dienstzimmer wartet schon auf dich. Bevor die neuen Schüler kommen, haben wir Zeit für deine Ausbildung.” sagt er. Ich berichte ihm von meiner laufenden Ausbildung: “Schuchi, ich komme schon als Lehrer zu euch.” “Das ist zwar schön”, entgegnet er, “aber wir haben ein völlig neues Ausbildungsprogramm auf die Beine gestellt und ich muss dich für jede einzelne Übung neu zulassen.” “Gut,” sage ich, “man lernt nie aus.” Wir verabschieden uns, denn die Segelflieger warten schon auf mich. Meine Gegenwart in Kamenz hat sich wohl über die Diensttelefone herumgesprochen und viele alte Freunde sind gekommen, mich zu sehen. Es ist, als wäre ich nie fort gewesen. Die blecherne Segelflughalle, neben dem Stadion der Garnisonsstadt und damit weit weg vom Flugplatz gelegen reflektiert und zerstreut das Licht der abendlichen Sonne und alles um uns herum ist in magisches Licht getaucht. Um die Ecke faucht ein Vorwärmgerät für Flugzeugtriebwerke. Im heißen Rohr brutzeln Karlsbader Schnitten: Mischbrot, Kochschinken (oder Wurst mit Käse überbacken. Das Gericht war eine Erfindung von Herbert, dem Kneiper der Nahkampfdiele direkt am Zaun vom Flugplatz. Von der Unterkunft der Offiziersschüler konnte man direkt hinspucken. Angeblich war die Quelle für die Zutaten der Karlsbader Schnitten die Küche des Flugplatzes, übergeben wurde am Zaun gegen die Tauschwährung Schnaps. War uns egal, denn wenn der Hunger kam und gleichzeitig im Magen die Grundlage für einen langen Bierabend geschaffen werden mußte, waren unsere Karlsbader Schnitten nur einen kurzen Anruf über das Diensttelefon entfernt. Den Anruf machte der Lutz, seines Zeichens hauptamtlicher (hauptberuflich) Flugplatzleiter der GST-Grundorganisation Otto Leopold. Ich begrüße ihn freudig in der großen Halle und meine Augen bleiben, wie immer, an dem in riesigen Lettern geschrieben Spruchband hängen: Was Du nicht tust wird nie getan! B. Brecht. Genau das ist bei mir zum Lebensmotto geworden und ich bin nun wieder unter Freunden, die auch so ticken. Prost Freunde!