Absetzpilot (58)

Der fliegerische Job mit Fallschirmspringern wird Absetzpilot genannt. Es ist langweiliger als Traktor fahren. Deine Passagiere wollen hoch und raus. Sie haben 2 Trainingsschirme, ergo gibt es 2 Starts in kurzer Folge mit anschließender Packpause. Sind die Schirme wieder zusammengelegt, dann the same procedure, Mittagspause, the same procedure: macht 8 Flüge am Tag. Flughöhe für Figurenspringen beträgt 2500 Meter, Absetzgeschwindigkeit 160 km/h. Vor dem ersten Springer sinkt die Flirre, ein Stück Papier mit einem Gewicht, verhaltensgleich einem Springer zu Boden und bestimmt den Absetzpunkt in der Luft. Die Fallschirmsprungprofis geben dem Absetzpiloten die genaue Anflugrichtung vor (“Flieg über Scheune an!”) und springen dann raus, wenn es für sie optimal ist. Bei Springern, die nicht jeden Tag vom Himmel fallen, kalkuliert der Pilot vom vorhergesagten Wind, an Hand der Versetzung über Grund über den daraus resultierenden tatsächlichen Wind, die Abdrift und den Aufschlagpunkt der Flirre zum tatsächlichen Absetzpunkt. Und das ohne GPS. Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Aus der Anna kann der Pilot aus dem Seitenfenster senkrecht nach unten schauen und natürlich kennt er jeden Baum und Strauch rund um den Flugplatz. Die Sportschirme haben mehr Vortrieb als Sinken, sind gut steuerbar und würden kleine Fehler beim Absetzen ausgleichen. Es kam schonmal vor, dass wir absichtlich an einem Ort abgesetzt haben, von wo aus es unmöglich war, den Sprungkreis bzw. den Flugplatz zu erreichen. Die Springer mussten dann den Bus nehmen. Erreichten die Springer 1000, 2000… Sprünge, ging es auch schon mal auf 4000 m hoch. Nach sofortiger Öffnung sind sie eine ganze Weile im Himmelblau gesegelt. Einmal im Sommer gings zum Sprung in den Baggersee zum Volksfest mit anschließender Strandparty.
Die Anna braucht 20 Minuten bis 2500 Meter. Der 1000 PS Sternmotor genehmigt sich dabei fast ein halbes Faß besten Flugbenzins. Zwei Flüge, macht 200 Liter plus 100 zu Ausweichflugplatz als minimale Betankung. Jeder Liter zuviel sind 720 Gramm, die hier oben nichts zu suchen haben. Runter geht’s im Segelflug, exakt bis zum Aufsetzen. Meinen ehemaliger Besatzer Seppl lernte ich als den Perfektionisten dieses Manövers kennen. Leutnant, mach die Türe zu, vorher noch die Klappen. Sollte heißen: während Seppl den Kastendrachen genüsslich in eine Steilspirale legte, den Schub auf Leerlauf reduziert, schloss ich die elektrisch betriebenen Luftauslaßklappen des Sternmotors und seines Ölkühlers. Es galt, das Kraftpaket beim Abstieg auf Betriebstemperatur zu halten um erforderliche Bahnkorrekturen mit dem Triebwerk sicher zu bewerkstelligen. Beide Stellantriebe fahren hörbar gegen ihre Anschläge, geschafft. Vorsichtig stehe ich auf und hebe meinen Sitzfallschirm aus dessen Wanne, er saust in die Kniekehlen, baumelt beim Gehen hin und her. An der Decke der Passagierkabine verlaufen zwei fingerdicke Stahlseile, normalerweise zum Einhaken der Karabinerhaken von Reißleinen für die automatische Öffnung der Übungsschirme. Mir dienen sie als Deckenreling. Seppl kreist steil. Das Kurvengewicht läst mich zwar gerade stehen, ich bin aber fast doppelt so schwer wie normal. Ich schlurfe zu Tür auf der linken Rumpfseite, die nach innen öffnet und am Trennspant zwischen Passgierkabine und Heckraum mit einem Gummi gesichert ist, schaue kurz aus der Tür und schließe sie. Wäre es nicht Zeit für einen deftigen Spaß? Durch die Hecktür verschwinden und warten. Würde Seppl vorn denken ich sei rausgefallen?