Fluglehrer OHS 2 (65)

Nun befördert und pflegt man die Wahrheit bei der Arbeit und erzeugt aufgeschlossene, realistisch denkende Menschen mit dem absolutem Vertrauen, welches ein Flugschüler seinem Lehrer entgegenbringt und dann zieht man diese Leute in die existierende gesamtgesellschaftliche Lüge hinein. Horst hat immer gesagt: „Die Jungs sind uns anvertraut. Sie sind jung und gesund, gebildet und intelligent, in unserem Land groß geworden, flugbegeistert und ihrer Heimat treu – sie sind das beste, was dieses Land zu bieten hat, unser Herzblut. Wir dürfen sie nicht versauen. Sie beobachten dich, jede Minute, jede Sekunde, was du redest, wie du handelst, sie lachen über deine Witze, teilen deinen Schmerz, möchten so sein wie du, denn du bist ihr Lehrer, du bringst ihnen eine Sache bei, die sie unbedingt wollen: das Fliegen. Wir formen Leute mit Ehre im Leib.“ Darum überleben sie in ihrem Beruf und scheitern immer wieder an dem Problem der Lüge. Deshalb kommt auch kaum ein ehrlicher Mensch in Positionen, in denen sich wirklich etwas zum positiven verändern lässt. Hat man erst mal das Mittelmaß an der Spitze einer hierarchischen Organisation, sucht sich die jeweils herrschende Ebene natürlich einen noch dümmeren Personenkreis als Untergebene. Ein, für seine Position in der Hierarchie zu intelligenter Mensch, hat es schwer. Findet er Mitmenschen, denen es ähnlich geht, wird das Gefühl ein gemeinsames, es wird aussprechbar und dadurch leichter zu ertragen. Der einzelne erkennt durch den ehrlich vorgehaltenen Spiegel in Form eines Freundes, dass er nicht schlechter als andere ist, auch wenn er nicht dem Mainstream der Gesellschaft folgt. Von da an kann er sein wahres ICH vor seinen Freunden entfalten und das befohlene ICH denen zeigen, die es erwarten.
Wir waren anders, schon weil wir nicht sesshaft am Standort waren, konnten unsere Seelen nicht hinter den dünnen Papptüren von Plattenbauwohnungen voreinander verstecken. Wir lebten zusammen: Zeit und Muße miteinander zu essen und zu trinken, zu diskutieren und zu streiten, Vertrauen aufzubauen und Enttäuschungen zu verarbeiten.
Unsere Unterkunft war ein mehrstöckigem Gebäude, welches lange Flure und mit Pappwänden abgetrennte Zimmer hatte. Die Räume waren hell, –hörig und wenn man verbotenerweise mit ein Mädel schlief, so hatten akustisch alle Bewohner was davon. Billiger konnte man nicht mehr bauen: Stahlbetondecken und -säulen, Wabenwände aus Pappe innen, nach außen mit Asbest verkleidet und ein Wellasbestdach, fertig war unser Ledigenwohnheim. Mit eigenem, betonierten Parkplatz, stand es außerhalb der Kasernenmauer, vor den ersten Offizierswohnblocks mit Fernwärme aus dem Heizhaus der Kaserne. Als sich die Armeeführung entschloss, auch Damen als Offiziere auszubilden, nahm man den Ledigen die Asbestschachtel kurzerhand weg und verfrachtete uns in eine altehrwürdiges Gebäude auf dem Kasernengelände mitten in der Stadt. Die jungen Damen wollte man während der Nacht auf keinem Fall innerhalb der Kaserne haben, sexuelle Handlungen und damit Verletzungen des sozialistischen Moralkodex wären vorprogrammiert gewesen.

Fluglehrer OHS 1 (64)

Meinen Kollegen Horst habe ich am ersten Tag meines Fluglehrerdaseins in Kamenz kennen gelernt. Er wurde schnell so etwas wie ein väterlicher Freund für mich und sollte, nach meinem Dienst in der NVA, auch der einzige ehemalige Offizier bleiben, den ich je besucht habe (abgesehen von einem Staffeltreffen der ehemaligen VS-14).
Horst diente die schönsten 20 Jahre seines Lebens als Jagdflieger zum Schutz der DDR auf Mikojan Kampfflugzeugen. Seine Karriere führte den Arbeitersohn aus dem zerbombten Dresden direkt in das Cockpit eines Abfang-Jagdflugzeuges zur Verteidigung des Luftraumes der jungen DDR. Fliegen am Limit mit einem so mächtigen Waffensystem, gesellschaftliche Anerkennung, Wohnung, genug Geld, Glück bei den Frauen, Kinder und ein Segelboot, Horst lebte seinen Traum. Seit seinem zweiten Ausstieg während des Fluges mit dem Schleudersitz haben ihn die Ärzte keine Jets mehr fliegen lassen. Als Alternative fürs kaputte Kreuz von Horst gab es diesen Fluglehrerposten auf der Antonov 2, welcher uns zu Kollegen machen sollte. Fliegen ist allemal besser als Schreibtischtäter zu sein. Ich habe mich stets gefragt, wie einer wie Horst, der den gewaltigen Schub, die Wendigkeit, den riesigen Aktionsradius und die Waffengewalt seines Jets gewohnt war mit dem alten, friedlichen Doppeldecker zurecht kam. Fliegen am Limit gegen Oldtimerschulung. Das ist ungefähr so als wenn man viele Jahre eine Porsche so schnell fahren konnte, wie man wollte um dann mit einem Lanz Bulldog seine Runden um den Block zu ziehen. Aber es war nicht nur das. Horst flog seinen Jäger allein, die Anna hatte eine Besatzung. Die Hackordnung kam von außerhalb des Cockpits nach innen und mischte sich ins fliegerische Handwerk ein, auf neudeutsch: Crew Coordination.
Horst hatte die ehrenvolle Aufgabe, mich auszubilden. Offenherzig, tolerant und lustig wie er war, haben wir uns sehr gut verstanden und den Umgang miteinander gepflegt. Jeder von uns beiden war an dem Menschen, an der Summe der Erfahrungen des anderen, seiner Sichtweise der Dinge interessiert.
Wie viel Ehrlichkeit leistet sich der einzelne, wo und warum?
Eine universelle Frage. Für die Fliegerei im Allgemeinen, und vor allem der Anfängerausbildung: Eine Frage des Überlebens. Flieger müssen Situationen realistisch beurteilen, dürfen sich nichts vormachen, müssen sich aufeinander verlassen können. Das muss vorgelebt und antrainiert werden, unabhängig vom Dienstgrad oder der Dienststellung. Ein Fehler ist ein Fehler und ein Toter einer zuviel. Das Fliegen eines Flugzeuges ist eine sehr komplexe Geschichte, zu deren Gelingen, neben dem Piloten, erstaunlich viele Menschen beitragen, die alle ehrlich miteinander umgehen müssen. Es bringt nichts, wenn der Wettermann dem Piloten einen Gefallen tun will und ihm das Wetter schönredet.

Zwischenspiel (63)

Ein neues Kapitel einer unglaublich phantasievollen Geschichte beginnt, aber: es ist alles nur ausgedacht – könnte aber auch alles so passiert sein.
In der Republik, die ich mir ausgedacht habe, hat die überwiegende Mehrzahl der Menschen versucht, eine andere Gesellschaftsform aufzubauen. Das vergessen viele, die damals und heute schlecht über den Sozialismus reden. Viele der Redner wissen doch gar nicht was das ist, oder sie wissen es und reden drumherum, damit ja niemand wieder diese Idee aufgreift. Die Grundgedanke ist die Vergesellschaftung der Produktionsmittel: sie nannten es Volkseigentum. Natürlich macht man sich Feinde, wenn man das Privateigentum an Produktionsmitteln abschafft. Natürlich geben die ehemaligen Besitzer keine Ruhe. Darum die Diktatur des Proletariats, der vormals ausgebeuteten Klasse. Der Versuch ist aus verschieden Gründen gescheitert. Heute haben wir die Diktatur des Kapitals im demokratischen Mäntelchen. Es herrscht solange Privateigentum an Produktionsmitteln wie Profit sprudelt und sich die Kosten, Risiken und negativen Folgen vergesellschaften lassen. Scheitert das, haben wir plötzlich wieder einen gesamtgesellschaftliche Scherbenhaufen. Wir werden sehen…
Einer meiner zahlreichen Arbeitgeber hat mich mal gefragt, ob ich nicht einen akademischen Grad hätte, das würde sich besser auf meiner Visitenkarte machen. Meine Antwort: Ich habe einen Doktortitel in marxistisch-leninistischer Philosophie. Leider sind die entsprechenden Unterlagen von der Stasi verbrannt worden, denn das Thema meiner Doktorarbeit wurde als streng geheim eingestuft. Außerdem verbietet mir meine derzeitige Religion über derartige Dinge zu reden und so wird es wohl ein Geheimnis bleiben. Na ja, ich bin ja auch noch Flugzeugführer-Ingenieur.

Man möge mir diesen kleinen Exkurs verzeihen. Dafür gebe ich dem Leser jetzt ein sehr scharfes Werkzeug für die Beurteilung jeglicher Situationen an die Hand. Stellt euch die einfache Frage: Wem nützt es? Für die Antworten muss man oft etwas tiefer graben, dafür sind sie dann umso verblüffender.

Das neue Kapitel beginnt jetzt:

Mein Urlaub in Bulgarien trennte meinen Dienst in Strausberg vom neuen Dienstort Kamenz. Es war Ende September. Die Saison in den Urlaubsgebieten war zu Ende und ich erlebte Bulgarien, wie es wirklich war. Meine Cousine Ingrid studierte Zahnmedizin an einer bulgarischen Universität. Als Vorbereitung auf ihr Auslandsstudium hatte sie ein Jahr an einem speziellen Gymnasium für Fremdsprachen in Leipzig die Sprache erlernt. Sie lernte während des Studiums ihren späteren Mann kennen und schenkte ihm einen Sohn. Sie lebten nach dem Studium auf dem Land in der Nähe von Varna. Inmitten riesiger Felder existierte ein Dorf mit einem Landambulatorium und zwei Zahnärzten. Dorthin führte mich der erste Teil meiner Reise. Der zweite Teil führte mich entlang der Küste des schwarzen Meeres Richtung Türkei. Leider durfte ich nicht mit dem Schiff für einen Tag nach Istambul und darum reiste ich mit Bus und Bahn in die Gebirge Rila und Pirin zu einem Abstecher nach Melnik an der griechischen Grenze, damals wohl wegen des berühmten Rotweins Melnik Nr. 5. Auf diesem Teil wurde ich von der bulgarischen Staatsmacht begleitet, weil man vermutete, ich wolle mich über die griechische Grenze ins kapitalistische Ausland absetzen. Damals hatte ich für Privatreisen ins Ausland einen Personalausweis, für die Republik den Wehrdienstausweis. Kurioserweise stand im damaligen Perso noch der Beruf: Flugzeugführer. Das erleichterte die Befragung und der Weg nach Griechenland war frei. Nein, nicht wirklich. Ich kehrte brav zurück und trat meinen Dienst als Fluglehrer für mittlere Transportflugzeuge an der Offiziershochschule der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung am Standort Kamenz an.

Letzter Versuch (62)

Bernd dient als Kettentechniker in der Transportfliegerausbildungsstaffel und ich begreife sehr schnell, dass er mit Babett zusammen ist. Babett, unser aller Schwarm. Schon als vierzehnjähriges Mädel wusste sie genau, mit welchen von uns Kerlen sie schlafen wollte und wie sie uns allen den Kopf verdreht. Nun ist sie sechzehn und Bernd ist ihr verfallen. Frieda hat den Namen Bitsch angenommen. der Schwarm meiner Zeit als Flugschüler in Kamenz, verheiratet mit Bitsch! Dabei hatte ich ihr angeboten: “Frieda, heirate mich!” “Aber ich liebe ihn doch!”, war ihre Antwort. Und Nüller, der alte Trunkenbold mit seinen Sixpacks Erfurter Bier. Alle waren sie mir ans Herz gewachsen und ich freute mich auf sie. Das ist die Entscheidung, denke ich und fahre zurück nach Strausberg. Ich habe noch ein halbe Jahr Zeit und das Gefühl, dass sich mehr Leute als sonst für mich interessieren, weil ich bald nicht mehr hier bin.

Ein Besatzungskommandeur, alle nennen ihn Mc Piepe feiert seinen fünfzigsten Geburtstag. Das ist gleichzeitig sein Entlassungstag. Auch er hatte sich wie alle ursprünglich zu fünfundzwanzig Dienstjahren verpflichte. Kurz vor Erreichen dieser Zeit fragen die Kaderoffiziere der Streitkräfte prinzipiell jeden, der geeignet ist, seine Dienstzeit bis zum Erreichen des fünfzigsten Lebensjahres zu verlängern. Gerade beim fliegenden Personal sichert man sich so erfahrene Spezialisten. Als Gegenleistung gab es dann eine Art Frührente, von der man eigentlich schon ganz gut leben konnte. Wegen Geld hätte man dann nicht mehr arbeiten müssen. Piepe hatte einen solchen Vertrag. In den letzten fünf Jahren redete er nur noch davon, dass er mal Bürgermeister von Schollene wird, wenn er nach Hause geht. Jetzt war Schluss und Mc wird tatsächlich Bürgermeister. Mc war der Besatzer, Abk. für Besatzungskommandant von Witsche, einem untersetzten Mitdreißiger, der im Kupfererzbergbau gelernt hat und stets mit seinem Deputatschnaps und der zukünftigen Bergmannsrente protzte. Schließlich hatte ihn die Arbeiterklasse zu den bewaffneten Organen delegiert und darum zählt die Zeit hier wie Arbeit Untertage. Mc war zwar der Boss von Witsche, mochte mich aber mehr und fand, dass ich sein Erbe in der Staffel antreten sollte. Darum übergab er mir seine so genannten gesammelten Werke, selbst gemalte Spickzettel für´s Fliegen. Ich bedanke mich überschwänglich und verstaue alles sorgfältig im Schrank. Der Kommandeur verabschiedet Mc feierlich vor den angetretenen Offizieren seiner Staffel und es gibt ein etwas umfangreicheres und ausgedehntes Mittagessen mit Mc´s Lieblingsspeise. Danach ist Dienstschluss befohlen und der Roburbus der Staffel fährt das fliegende Personal in die Kneipe auf die gegenüber liegende Flugplatzseite. Die alten Geschichten werden erzählt aus den Zeiten, da man innerhalb der Kaserne ein eigenes Offizierskasino mit Billard hatte und nach jeder Flugschicht eine hob. Ich habe das Gefühl dazu zu gehören und der Stsaffelsteuermann Kolja nimmt mich auf eine Zigarette zur Seite: “Oberleutnant, die Alten sind nur ein paar Jahre auseinander, die gehen alle. Dann werden Stellen im Stab frei, die meine Generation besetzt und ihr seid dann die jungen Wilden. Die Staffel hat euch jungen Leuten viel zu bieten, unser Flugplatz wird bald ausgebaut, willst du da wirklich an die Schule zurück? Du bist doch gar kein Militär. Hier passt du doch viel besser rein. Wenn du NEIN zu Kamenz sagst, ziehen wir das mit dir durch. Was ist nun?” Ich schüttel bedauernd mein Haupt: “Ich kann nicht mehr zurück. Da haben sich schon Leute persönlich für mich verwendet, die will ich nicht enttäuschen.” “Gut”, beschließt Kolja unser Gespräch,” du weißt, wo ich zu finden bin und kannst jederzeit zu mir kommen.” “Danke, Genosse Major.” Er klopft mir auf die Schulter und wir gehen wieder feiern. Am nächsten Tag sichte ich unter Witsches neidischen Blicken, denn schließlich tragen die meisten Dokumente seine Handschrift, meine Geschenke. Es ist die Blaupause eines erfüllten Fliegerlebens. Ich muss einsehen, dass mir das Mc`s Erbe nicht zusteht und übergebe alles an Witsche. Er nimmt ab sofort die Planstelle von Mc ein und erhebt sich damit über Max, Bulli und Hilde. Ich bin sicher, jeder von uns beherrscht sein Handwerk so gut, dass man ihm die Führung einer Besatzung anvertrauen kann. Seit Jahren wird in regelmäßigen Abständen über den Missstand der Trennung in der Dienststellung zwischen ersten Flugzeugführer (Besatzungskommandant) und zweiter Flugzeugführer nachgedacht. Hintergrund dabei: bei der GST wird diese Maschine von nur einem Piloten geflogen. Würde man alle erfahrenen Flugzeugführer der Staffel als erste FF führen, wäre die Planung wesentlich flexibler und die Motivation der Truppe wesentlich höher. Als Arbeitgeber müssten die Streitkräfte dann natürlich auch das betreffende Personal besser bezahlen, woran es letztlich immer wieder scheitert, denn dann wäre man gezwungen, dieses Modell auch auf andere Flugzeugtypen auszuweiten. Das jedoch ist nicht mehr mein Problem. Witzig ist auch folgendes: da meine Ausbildung als Fluglehrer abgeschlossen ist, könnte ich bei Flugschichten eingesetzt werden, aber meine Dienststellung als zweiter FF verbietet es. Da mein Besatzer in die hohen Regionen eines Staffelsteuermannes eingearbeitet wird, hat er seinen Schreibtisch in das Dienstzimmers des Oberst verlegt. Es sind umfangreiche Planungsunterlagen für den Ausbau des Flugplatzes zu erstellen und es dauert nicht lange, da wird auch mein Zeichentalent benötigt. Das Stabsgebäude, welches ich fast zwei Jahre erfolgreich gemieden habe, wird zum Mittelpunkt meiner Tätigkeit. Ich investiere in ordentliche Zeichengeräte und beiße mich mit Urmel durch die Planungsunterlagen. Wir streichen unsere ausgedehnten Dauerläufe und nehmen am Dienstsport der Stabsoffiziere teil: Fußball oder Volleyball, je nachdem, was der Stabschef gerade verboten hat: bricht sich jemand einen Finger beim Volleyball, gilt das als gefährliche Sportart und Fußball ist erlaubt bis ein Fuß verstaucht wird. Wir haben gerade Fußballzeit: rote Turnhose, gelbes Turnhemd und schwarze Sportschuhe sind als Dienstkleidung befohlen und es geht im Laufschritt zu unserem Fußballfeld. Zwischen Dienststelle und Flugplatz gibt es ein zwei spitzwinklig abzweigende S-Bahngleise, die beide durch Tore in der Mauer um das Ministerium für Nationale Verteidigung führen. Das ist unsere Spielwiese. Zwei Mannschaften spielen auf ein Tor vor der Mauer. Der Torwart hat neutral zu sein. Leider spielen in beiden Mannschaften immer wieder verbissene Zeitgenossen mit, die dann irgendwo am Horizont, dort wo sich die Gleise treffen, um den Ball streiten, während sich der Rest vor dem Tor langweilt und der Torwart aus lauter langer Weile eine Zigarette raucht. Der Oberst gilt als redselig und torgefährlich und wird stets von mehreren Gegnerischen Gesprächspartnern gedeckt. Ein Hineinbugsieren des Balles in seinen begrenzten Aktionsradius als Standspieler ist ein unbedingte Muss. Als Vollstrecker schlechthin hat er stets leichtes Spiel mit ihm unterstellten Torleuten. Als Auslaufmodell der Truppe gelte ich als einigermaßen neutral und werde immer öfter in das Tor verbannt. Unser Sportoffizier sorgt stets für ausgewogen wechselnde Mannschaftszusammensetzungen um größere dienstliche Komplikationen zu vermeiden. Nach dem Spiel leidet unsere Körperhygiene immer etwas unter der Abwesenheit von warmen Wasser in der Nasszelle unsere Baracke. Ich vermisse diese Truppe jetzt schon.

Mit einem vierwöchigen Bulgarienurlaub geht mein Dienstverhältnis in Strausberg zu Ende und ich breche nach Kamenz auf. In letzter Minute entschließt sich mein Freund Bodo, mich zu begleiten. Seine neue Flamme wohnt in Dresden. Ich freue mich darauf, gemeinsam mit diesem unkonventionellen, geradlinigen Menschen neu anzufangen.

Alte Freunde (61)

Je näher der Termin meiner Versetzung rückt, desto wohler fühle ich mich in der strausberger Einheit. Viele Dinge, die mich früher störten, sehe ich jetzt nicht mehr so verbissen. Ich denke ernsthaft über einen Rückzug nach. Um mir Gewissheit zu verschaffen, fahre ich nach Kamenz und besuche meinen Freund Uli und die Segelflieger. Wir diskutieren die halbe Nacht und übernachten alle in der Segelflughalle. Einige der Kameraden vom Segelflug haben eine Technikerlaufbahn als Offizier eingeschlagen und sind an den Flugplätzen der Offiziershochschule untergekommen. Ich fühle mich sofort wohl unter alten Freunden und alle bestärken mich, hierher zu kommen. Meinen ehemaligen Fluglehrer und zukünftigen Kettenkommandeur treffe ich in dessen Wohnung. Er freut sich und ich erzähle ihm nichts von meinen Zweifeln: “Dein Dienstzimmer wartet schon auf dich. Bevor die neuen Schüler kommen, haben wir Zeit für deine Ausbildung.” sagt er. Ich berichte ihm von meiner laufenden Ausbildung: “Schuchi, ich komme schon als Lehrer zu euch.” “Das ist zwar schön”, entgegnet er, “aber wir haben ein völlig neues Ausbildungsprogramm auf die Beine gestellt und ich muss dich für jede einzelne Übung neu zulassen.” “Gut,” sage ich, “man lernt nie aus.” Wir verabschieden uns, denn die Segelflieger warten schon auf mich. Meine Gegenwart in Kamenz hat sich wohl über die Diensttelefone herumgesprochen und viele alte Freunde sind gekommen, mich zu sehen. Es ist, als wäre ich nie fort gewesen. Die blecherne Segelflughalle, neben dem Stadion der Garnisonsstadt und damit weit weg vom Flugplatz gelegen reflektiert und zerstreut das Licht der abendlichen Sonne und alles um uns herum ist in magisches Licht getaucht. Um die Ecke faucht ein Vorwärmgerät für Flugzeugtriebwerke. Im heißen Rohr brutzeln Karlsbader Schnitten: Mischbrot, Kochschinken (oder Wurst mit Käse überbacken. Das Gericht war eine Erfindung von Herbert, dem Kneiper der Nahkampfdiele direkt am Zaun vom Flugplatz. Von der Unterkunft der Offiziersschüler konnte man direkt hinspucken. Angeblich war die Quelle für die Zutaten der Karlsbader Schnitten die Küche des Flugplatzes, übergeben wurde am Zaun gegen die Tauschwährung Schnaps. War uns egal, denn wenn der Hunger kam und gleichzeitig im Magen die Grundlage für einen langen Bierabend geschaffen werden mußte, waren unsere Karlsbader Schnitten nur einen kurzen Anruf über das Diensttelefon entfernt. Den Anruf machte der Lutz, seines Zeichens hauptamtlicher (hauptberuflich) Flugplatzleiter der GST-Grundorganisation Otto Leopold. Ich begrüße ihn freudig in der großen Halle und meine Augen bleiben, wie immer, an dem in riesigen Lettern geschrieben Spruchband hängen: Was Du nicht tust wird nie getan! B. Brecht. Genau das ist bei mir zum Lebensmotto geworden und ich bin nun wieder unter Freunden, die auch so ticken. Prost Freunde!

Hals- und Beinbruch (60)

Liebschaften zwischen den Sportlern oder Sportlern und Piloten waren unerwünscht. Es gab aber die Liebe mit den Augen oder einfach im Umgang miteinander. Reini und Carola waren ein solches Umgangspaar, ein Paar im Geiste, das nicht miteinander schlief, sich wenig sah und trotzdem in Gedanken und mit Worten eine gewisse Intimität pflegte. Carola trainierte die Schiebchen, Mädels so um die 15, ausgesucht von Wasserspringern wegen dem Mut und der Koordinationsfähigkeit. Beim Springen trug Carola einen leichten Rettungsschirm und blieb im Flugzeug, nachdem die Schiebchen rausgeworfen waren. Die Handlungen im Flugzeug vom Einsteigen über die Vorbereitung zum Sprung bis zum Abgang aus der Absetzmaschine trainierten die Sportler unter ihrer Anleitung. Zwischen uns Piloten ließ sich mit zwei Handgriffen eine Art Notsitz installieren, doch Carola stand lieber. Wir starteten Richtung Ost, hielten den Dampfer im Bodeneffekt der Asphaltbahn, fuhren die Landeklappe ein und sausten mit über 200 km/h durch die Waldschneise in Verlängerung der Bahn. Kiefern sausten links und rechts vorbei. Carola und ich kontrollierten die Wirkung auf unsere Mädels. Für viele schien das letzte Stündlein zu schlagen, denn sie blickten fassungslos, panisch, mit weit aufgerissenen Augen und unter lautem Gekreische aus den “Bullaugen”. Da zogen hohe Bäume am Ende der Tragfläche vorbei. Wir rasten auf das Ende der Schneise zu. Reini zog vorsichtig an der Steuersäule, gab den 220 km/h am Stau eine neue Richtung. Die Höhe wuchs, die Fahrt nahm rapide ab, die Mädels drückten die positiven G´s in ihre Sitze und wir Piloten sahen nur noch den Himmel vor uns. Ich fuhr die Landeklappe langsam aus um einen Strömungsabriss zu verhindern. Reini drückte die Maschine mit brüllendem Triebwerk und minimaler Fahrt in die Horizontale. Zeit zum nach Hinten schauen. Carola kniet noch unten. “Verdammt, was ist los?” schreie ich sie an. “Mein Fuß, ich glaub der ist gebrochen. Ihr müsst einem sowas auch vorher sagen.” brüllt sie direkt in mein Ohr, nachdem sie mir mein Headset vom Kopf gerissen hat. “ Man Carola, es tut mir wahnsinnig leid, wenn die unten das merken, sperren sie uns sofort ein, wegen groben Unfugs.” schreie ich in ihr Ohr zurück. “Keine Angst Jungs! Ich bleib zwischen euch stehen und wisch mir die Augen, dann schmeiß ich die Kinder raus und wir sagen es ist beim Aussteigen passiert.”, versucht Carola uns zu beruhigen. Wenige Augenblicke später sind ihre Kinder draußen und wir im Sinkflug, da sagt Reini zu mir: “Flieg du die Kiste, ich kümmere mich um Carola.”  “Ok Reini, kannst dich auf mich verlassen.”, entgegne ich, landete den Flieger und rollte so, dass aus dem Sichtwinkel der Springer am Boden unsere Tür durch den Rumpf des Flugzeugs verdeckt wird und Reiner Carola in Ruhe rausheben konnte. Sie legte sich dann lang neben das Flugzeug, bis es von den heranrückenden Springern bemerkt wurde. Alles war gut. Carolas Fuß wurde eingegipst und am nächsten Tag saß sie wieder im Flieger und tat ihren Trainerjob.