Veränderungen

Unsere Segelflugzeuge stehen zum ersten Mal in der Halle, der zweiteilige Vorhang am Eingang ist weit geöffnet, wir sitzen auf Gartenstühlen davor, sind müde, glücklich und trinken unser Bier. Katrin und ich beschließen eine Woche nach Thüringen zu fahren. Dort darf sie nicht fliegen, aber ich. Tags über Segelfliegen und jede Nacht Sex. Mehr wollte ich eigentlich nicht im Leben. Das irgendwann auch uns der normale Alltag einer Beziehung einholen würde, wollte ich nicht wahrhaben. Zu dieser Zeit vertrat ich folgende Theorie: Besitz belastet nur und ist auf das absolut notwendigste zu beschränken und verdientes Geld gibt man am besten gleich wieder aus. Das war die logische Konsequenz aus dem Privatleben meiner Kollegen. Bullinger baute mit Frau und Schwiegervater seit fünf Jahren an seinem Haus in Hoppegarten, war dabei in der Glücklichen Lage, eine Bauleiterin mit Beziehungen zu entsprechendem Material zur Frau zu haben. Der Bau sah trotzdem zu keiner Zeit so aus, als würde er jemals vollendet. Oder Oku mit seinem Haus bei Leipzig. Er wohnt gar nicht drin und steckt trotzdem jede müde Mark und seinen gesamten Urlaub rein. Urmel buddelt jede freie Minute in seinem Garten rum, obwohl er das überhaupt nicht mag, nur damit die Nachbarn nicht schlecht hinter seinem Rücken reden. Oder nehmen wir die vielen Konsumgüter, die einen das Leben erleichtern sollen, dabei gehen sie andauernd kaputt und man wird zu ihrem Sklaven. Mein ganzer Besitz ist ein PKW Trabant, ein Fahrrad und ein Walkman. Den Trabbi benutze ich, um jederzeit von zu Hause zum Dienstort oder umgekehrt zu gelangen, das Fahrrad vom Wohnheim zum Flugzeug, dann fliegt es immer mit, weil Flugplätze groß und Fahrräder schnell sind. Mein Walkman versorgt mich überall mit Musik und meine Freundin mit Sex. Ich war wieder nicht bereit für eine richtige Beziehung zu einem anderen Menschen. Als Katrin schwanger wurde empfand ich das wie das Zuschnappen einer Falle. Wir würden eine Wohnung bekommen, uns all diese belastenden Dinge anschaffen und ein vorgezeichnetes Leben führen. Das konnte es doch nicht gewesen sein. Katrin verlor das Kind bei einer, für eine schwangere Frau, unangemessenen Arbeit in ihrem Lehrbetrieb. Wir waren aus Gewohnheit noch eine Weile zusammen, ich vermied es aber mit ihr zu schlafen, weil ich keine erneute Schwangerschaft wollte. Mit unserer Trennung gab ich auch meine Bemühungen bei den Segelfliegern in Strausberg auf. Wir wären uns zu oft über den Weg gelaufen.

Da ich das Gefühl hatte, Karriere machen zu müssen und mir das auf Grund des Stellenplanes der Einheit auf Jahre verwehrt bleiben würde, fühlte ich mich betrogen. Die Offiziershochschule hatte ich schließlich mit sehr guten Leitungen und dem Abschluss Flugzeugführer Leistungsklasse 3 beendet. Das entsprach einer Flugerfahrung, die ein Jagdflieger erst nach mehreren Jahren erreichte. Und der saß immer allein im Cockpit. Ich dagegen saß auf dem rechten Sitz und durfte mal anfassen, wenn der links gerade keine Lust mehr hatte. Mit Sorge betrachtete ich die lange Reihe von zweiten Flugzeugführern der Staffel und versuchte mir auszumalen, wann ich denn an der Reihe sei und wie vielen Leuten ich auf dem Weg dahin in den Hintern kriechen musste. Ich suchte nach Alternativen. Das endete stets im Segelfliegen, der süchtig machenden Methode dem Alltag auf der Erde für ein paar Stunden so richtig zu entfliehen, dem Bier danach, dem Grübeln beim Alleinsein und sich einstellender Magenprobleme. Das blieb dem Arzt der Staffel nicht verborgen, was zu einer intensiven Untersuchung führte und mit einem stationären Aufenthalt im Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin Königsbrück seinen vorläufigen Höhepunkt hatte. Die Ärzte diagnostizierten die Ursache im psycho-somatischen Bereich. Im Institut experimentierte man zu diesem Zeitpunkt gerade relativ erfolgreich mit Autogenem Training (AT). Das Interesse der Streitkräfte an meiner Person verschaffte mir einen Platz in einer solchen Trainingsgruppe. Der Kurs dauerte zwei Wochen und bestand bis auf einen Flugleiter, einen Lehrer von der Militärakademie Dresden und meiner Wenigkeit nur aus Damen. Ehefrauen von Fliegern und Stabsoffizieren, die einfach mit ihrer Welt nicht mehr klarkamen oder unzufrieden waren. Erstaunlich für ein System wie dieses war der geistige Tiefgang dabei. Neben der Vermittlung des AT versuchte ein Psychologe mittels Gruppentherapie die Ursachen zu erkunden. Es gab den täglichen heißen Stuhl. Wer auf ihm saß, besprach seine Lebenssituation mit den anderen und dem Arzt. Aus dem Raum kam nichts heraus. Ich lernte, dass meine Probleme nicht so weit weg waren von denen anderer. Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit. Das unumstößliche Prinzip der sozialistischen Revolution besiegelte jedes dieser Gespräche: das beste aus seiner Situation machen, ohne wirklich was zu ändern und sich selbst mit AT etwas unempfindlicher gestalten.

Ich bin dadurch wirklich robuster geworden und es ging mir viel besser. Neben mir stehend, schaute ich auf mein Leben und begann Dinge zu ändern, die ich vorher als gottgegeben angesehen hatte. Es gelang mir, an der richtigen Stelle vorzubringen, dass ich nicht der richtige Partner für meinen Besatzungskommandanten Seppl war und auch nichts in dieser verdammten fünften Kette zu suchen hatte. Das Leben hatte mich zurück.