Geschichte(n), die niemand braucht (32)

 

Heute berichte ich über einen wirklich schönen Flieger den ich mir gerne gekauft hätte, wenn ich nicht schon von Flugzeugen umzingelt wäre…
Sie ist also noch zu haben:  die RF3
Jupp und ich sind gestern nach Saint-Avold in der Nähe von Saarbrücken geflogen und haben uns das Schätzchen angeschaut.
Zugegeben, ein Vögelchen aus dem letzten Jahrtausend, aber die Schönheit,  Power und 8 Liter pro Stunde Verbrauch sprechen für sich.
Die F-CMTE ist eine etwas aufgebohrte Version: Treibstoff für 880 km und 1,4 l Hubraum machen den Unterschied.

Geschichte(n), die niemand braucht (31)


 

Mit dem Gefühl, dass man mich reingelegt hat, schlendere ich über den Flugplatz zum Segelflug. Meine Kameraden sind alle Militärs, bei denen kann ich mich unmöglich ausheulen, wieder reingefallen. Das sind abgebrühte Leute, denke ich und fange mit den Bieren an. Das Leben geht weiter. Für Marxismus-Leninismus lerne ich nicht mehr. Für dir Armee reicht ein gut oder ein befriedigend. Mein Prüfungsthema ist die politische Schulung von Soldaten und Unteroffizieren. Da muss ich gefehlt haben, denke ich. Und wenn ich anwesend gewesen wäre, als das in einer Vorlesung behandelt wurde, hätte ich in dem Bewusstsein weggehört, dass ich nie politische Schulung durchführen müsste. Der FDJ-Sekretär unserer Staffel fungiert als Aufsicht im Vorbereitungsraum, geht von Mann zu Mann und schaut über die Schultern, wie es läuft. Er sieht mein Thema und erkennt mein Dilemma. Im Raum existiert eine Schrankwand mit Büchern. Er fischt das militärische Handbuch heraus, blättert ein wenig, verdeckt den Blick der anderen zu mir mit seinem Körper und legt mir das aufgeschlagene Buch hin. Innerhalb von zwei Minuten habe ich alles im Kurzzeitgedächtnis, nicke, er stellt das Buch unauffällig zurück, nach 10 weiteren Minuten ist mein Vortrag fertig, ich bestehe mit gut und bedanke mich bei meinem Helfer. Während die IF-ler ihre, nicht mehr benötigten Bekleidungs- und Ausrüstungsgegenstände abgeben, bekomme ich welche dazu: meine Ausstattung als Offizier. Alle fahren am Tag nach der Ernennungsfeier nach Hause, Elmo und ich müssen warten, bis uns unser neuer Brötchengeber mit dem Flugzeug abholt, mehr wissen wir nicht. Die Ernennung der Offiziere ist jährlich das größte Ereignis im kleinen Garnisonsstädtchen Kamenz. Im Stadion der Garnison findet eine riesige Parade statt, anschließend bekommen die werdenden Offiziersschüler ihre neuen Schulterstücke und den Ehrendolch angehängt. Dann treffen sich Angehörige, Ausbilder und die jungen Leutnants in den Kneipen und begießen das Ereignis. Da es nicht genügend Hotelzimmer gibt, müssen auch Kasernenbetten zur Beherbergung des Angehörigentrosses reichen. Wir trainieren eine Woche lang, jeden Tag vier Stunden unter dem scharfen Blick von Oberst Reifgerste, auch Schleifgerste genannt, der auf einem Podest stehen, das Exerzieren seiner Truppen beobachtet. Keine ungeschickte Bewegung entgeht ihm. Sofort donnert er einen entsprechenden Kommentar durch sein Megafon. Am Ende des letzten Trainings im Stadion lässt er sich zu einem Lob hinreißen: „Genossen, das war gut!“ Das T von gut hallt wie ein Pistolenschuss über die, inzwischen installierte Lautsprecheranlage des Stadions, er scheint den Klang zu genießen, hält kurz inne, fährt dann mit versöhnlicher Stimme fort: „Wir sehen uns morgen zu ihrer Ernennung, sie können wegtreten“. Während alle irgendwie irgendwo irgendwelchen Zapfhähnen entgegeneilen, haben Uli, Bernd und ich etwas anderes im Sinn. Wir sind aktive Segelflieger. Auf uns wartet eine alte Tradition: Segelflieger, die zum Leutnant ernannt werden, absolvieren unmittelbar nach der Ernennung den so genannten Leutnantsflug. Gleich hinter dem Stadion befindet sich die Segelflughalle Stadt, wo schon die Kameraden warten um die Zeremonie vorzubereiten. Der Plan ist schnell aufgestellt, die Helfer eingeteilt, der Sekt im Kühlschrank verstaut. Nun geht es ans Abschied nehmen. Übermorgen werden wir, außer Uli, der als Fluglehrer an der Schule bleibt, in alle Winde zerstreut. Während wir Jungs uns mit derben Sprüchen wie: Unkraut vergeht nicht oder: schlechten Menschen geht’s immer gut, über die Situation retten, heulen die beiden Mädels immer wieder. Wir waren wie eine Familie für einander. Ein paar Bier später schleichen Uli und ich zum letzten Mal als Offiziersschüler durch das KDL. In unserer Baracke ist noch lange nicht Schluss. Der Alte hat das Alkoholverbot aufgehoben und ein paar Kästen Bier hingestellt. Es geht hoch her: wir hätten in der Segelflughalle pennen sollen, sagt Uli. „Leute, wir wollen morgen fliegen, begrüßt er die anderen, seid nicht böse, aber wir schlafen noch ein wenig“. Der Tag der Tage sieht uns, nach einem kräftigen Frühstück, in ganz guter Form. Auch das preußische Säbelgerassel klappt gut, Schleifgerste ist zufrieden, die Zuschauer begeistert. Ich vergesse vor lauter Leutnantflug das Gruppenfoto unseres Zuges und fahre mit meinen Leuten schnurstracks zum Segelflug. Stolz drehen alle ihre Runde und trinken anschließend Sekt. Die Feier bleibt steif, jeder hat mit seinen Angehörigen zu tun und lötet sich mehr oder weniger zu. Nach dem Rauschausschlafen verbleibt bei mir eine Katerstimmung, welche ich erst sieben Jahre später loswerden sollte. Meine Eltern nehmen etwas unnötigen Ballast mit nach Hause, die wichtigen Dinge für meinen neuen Dienstort sind im Seesack, den Rest und die Urlaubssachen fährt Uli in meinem Auto nach Strausberg. Von dort düst er zu unserem Urlaubssee nach Mecklenburg, wird zweimal wegen überhöhter Geschwindigkeit gestoppt, weil meine Rennpappe mit viel zu großen Rädern läuft. Für Elmo und mich beginnt das Warten auf unseren Flieger. Für eine Verbindungsfliegerstaffel ist es eine Frage der Ehre, ihre neuen Leute mit dem Flugzeug abzuholen. Es herrscht zwei Tage nicht fliegbares Wetter und wir hocken den ganzen Tag beim Flugleiter auf dem Turm, erbetteln uns einen Kaffee nach dem anderen und spielen Offiziersskat. Dann fällt endlich unsere ANNA aus der geschlossenen Wolkendecke, wir steigen ein und werden in Strausberg eingeflogen. Dort wartet bereits Uli. Wir erklären unserem neuen Kommandeur, dass er uns in drei Wochen wiedersieht, weil unser Jahresurlaub noch Teil der Ausbildung ist. Bevor er eine Chance zum überlegen hat, sind wir verschwunden. Was ich bis jetzt von meiner neuen Einheit gesehen habe, ist nicht gerade berauschend. Ich freue mich auf den Urlaub und Uli, dass er nicht mehr fahren muss.

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Geschichte(n), die niemand braucht (30)

 

Am nächsten Tag verlegen wir endgültig nach Kamenz, um die fliegerische Hauptprüfung, einen Streckenflug, vorzubereiten. Dazu fliegen wir mehrere lange Strecken mit mehr als fünf Stunden Flugzeit und Zwischenlandungen auf anderen Plätzen. Die Flughöhe beträgt fünfzig Meter über Grund oder Wasser, etwa alle 10 Minuten kommt ein neuer Wendepunkt, neuen Kurs einnehmen, Stoppuhr drücken, Eintragung im Bordjournal vornehmen, Feinnavigation nach Karte halten, Funkverkehr mit den entsprechenden Stellen führen, dann die Zwischenlandung, Verbindungsaufnahme mit dem Flugleiter, Landebedingungen und Platzdruck quittieren und notieren, Einflug in die Platzrunde, Landung, Abstellen, Melden beim Flugleiter, Essen in der Kantine mit Essenmarken aus Kamenz, die offensichtlich republikweit gelten. Das wird also mein Leben, denke ich, wenn ich Pech habe. Unser Fluglehrer erläutert uns irgendwann unsere Einsatzmöglichkeiten bei den Streitkräften und wir dürfen einen Standortwunsch äußern. Neubrandenburg, sage ich und denke, wenn schon Armee, dann Dienst in einer kleinen Kette und einer schönen Landschaft. Die anderen Möglichkeiten sind: eine Kette AN 2 in Cottbus, eine Staffel AN 2/L 410 in Strausberg, Fluglehrer in Kamenz, Regierungsstaffel Marxwalde TU 134/IL 62 oder Interflug Berlin/Schönefeld. Der Einsatzort eines jeden wird bis fast zur letzten Minute geheim gehalten, um keinen Neid und daraus resultierende Unruhen innerhalb des Kollektives entstehen zu lassen. Wir sind alle gut trainiert und sehen mehr oder weniger gelassen der fliegerischen Hauptprüfung entgegen. Als Prüfer reisen erfahrene Piloten aus dem Kommando LSK/LV und der Strausberger Staffel an. Am Morgen vor der Prüfung stellt man uns die Prüfer vor und gibt die Aufteilung der Offiziersschüler zu Prüfung bekannt. Danach erfolg die Aufgabenstellung und Flugvorbereitung. Mein Prüfer ist ein untersetzter, schwergewichtiger Oberstleutnant aus Strausberg. Nach 30 Minuten Vorbereitungszeit auf den bevorstehenden Streckenflug, gehen wir gemeinsam zum Flugzeug. „Genosse Oberstleutnant, Offiziersschüler Marr bereit zur fliegerischen Hauptprüfung“, melde ich mich korrekt vor dem Flugzeug. „Genosse Offiziersschüler, tun sie so, als wäre ich nicht da“, antwortet er und besteigt die Maschine. Zusammen mit dem Flugzeugwart führe ich die Außenkontrollen durch, unterschreibe in seinem Übernahme-/ Übergabebuch, er schüttelt mir die Hand, wünscht mir viel Glück und verspricht, beide Daumen zu drücken. Ich steige die eine Stufe der eingehängten Minileiter hinauf, betreten die Passagierkabine, der Wart reicht mir die Leiter herauf, die ich im hinteren, durch eine Wand mit Tür, abgetrennten Teil des Flugzeuges festzurre und gehe mit leicht eingezogenem Kopf zu meinem Platz im Cockpit, lege Checkliste, Flugkarte, Bordjournal und Kniebrett bereit und frage: „Genosse Oberstleutnant, gestatten sie, dass ich Platz nehme?“ „Ziehen sie ihre Jacke aus und setzen sie sich“. „Genosse Oberstleutnant, es ist uns verboten, die Jacke im Flugzeug abzulegen“.“ Jetzt ziehen sie schon ihre Jacke aus, heute ist eine Ausnahme“. „Danke, Genosse Oberstleutnant“. „Und hören sie endlich auf, mich mit dem Dienstgrad anzusprechen, es ist doch außer mir niemand da, wenn sie also was sagen, dann kann ja nur ich gemeint sein“. „Jawohl, Gen.., Verzeihung“. Beim Platz nehmen ordne ich Karte und Liste links von mir auf dem Panel an, schnalle das Kniebrett um den rechten Oberschenkel, öffne dessen Deckel und sage: „Freund-Feind-Kennung die ganze Zeit auf 6“. „Sechs eingestellt“, antwortet er. Kniebrett zu und Checkliste hoch und nach Liste arbeiten um keine Bewertungspunkte zu verlieren, denke ich und schaue wie beiläufig auf seinen Bewertungsbogen. Er bemerkt das und kommentiert: „Ich habe ihnen soeben volle Punkzahl für die Nutzung der Checkliste gegeben, jetzt pack das Ding endlich weg und zeig mir, was du kannst“. Wie bei hunderten Flügen zuvor lasse ich das Triebwerk an, rolle zum Start, fliege meine Strecke und lande. Beim Abfangen lässt sich die Steuersäule nicht ganz durchziehen, ich blicke kurz nach rechts und sehe das Steuerhorn am Bauch meines Prüfers anstoßen. Er bemerkt meinen Blick, zieht seinen Bauch ein, ich kann das Höhenruder ganz nach hinten bewegen, die Maschine setzt weich auf. „Wenn der Moment gekommen ist, ziehe ich meinen Bauch schon ein“, bemerkt er, wir lachen miteinander, er hilft beim Abstellen, füllt den Rest seiner Liste aus, wir verlassen das Flugzeug. Ich nehme Grundhaltung an, die rechte Hand an die Schläfe zum militärischen Gruß: „Genosse Oberstleutnant, Offiziersschüler Marr meldet sich vom Flug zurück“. „Es gibt nichts auszusetzen, Genosse Marr, ich bewerte den Flug mit sehr Gut“. Er schüttelt mir die Hand, der Flugzeugwart ebenfalls. Parteisekretär mit Blumenstrauß und Fotograf eilen für ein offizielles Foto herbei, es muss schnell gehen, denn die Welle gelandeter Flugzeuge rollt heran. Bei meinem Prüfer meldet sich der nächste Anwärter. Am Abend erhalten wir feierlich unsere Spangen als Flugzeugführer Klasse 3, ein kleiner Umtrunk mit unseren Fluglehrern folgt. Ein paar Tage später erscheint eine AN 2 mit ziviler Bemalung. Die drei Herren in ihren Interfluguniformen wollen ihre Vertragsschüler besichtigen und bekommen dafür ein Zimmer im Stab der Schule. Gleichzeitig werde ich zum Staffelkommandeur bestellt. Anwesend sind mein Fluglehrer, mein Fachlehrer-Zugführer, der Parteisekretär der Staffel, der Kommandeur und ich. Ohne Umschweife trägt der Kommandeur sein Anliegen vor: „Genosse Marr, sie sind für den Einsatz bei der Interflug vorgesehen“. Mich durchströmt eine warme Welle der Freude und ich habe Mühe, dass nicht zu zeigen. „Während ihrer Ausbildung konnten wir uns davon überzeugen“, fährt er fort, „dass sie ein ausgezeichneter Flugzeugführer und Offizier werden. Solche Leute wie sie brauchen wir hier in den Luftstreitkräften. Leider gab es diesen Vorfall, den unerlaubten Mitflug eines Angehörigen des technischen Personals. Darum konnten sie nicht Parteimitglied werden. Nun, sie haben ihre Strafe verbüßt, der betreffende Vermerk in ihrer Kaderakte wurde gelöscht und trotzdem werden sie nachher die Genossen von der Interflug fragen, warum sie noch nicht Parteimitglied sind. Was wollen sie auf diese Frage antworten? Sagen sie die Wahrheit ist es mit ihrer Kariere bei der Interflug gleich vorbei. Man wird sie als nicht verlässlich einstufen, sie werden als Copilot von Schönefeld nach Erfurt fliegen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das auf Dauer befriedigt. Ich biete ihnen die Chance hier in der Armee Karriere zu machen. Was sagen sie dazu?“ Mir entgleisen die Gesichtszüge, eine Welt bricht zusammen. Was wollen die von mir ? Ich beginne zaghaft: „Wenn ich für die Interflug vorgesehen bin, dann möchte ich auch gerne dort arbeiten. Ich habe Mist gebaut und dafür gebüßt, das kann mir keiner ein Leben lang vorhalten“. Der Kommandeur nickt seinem Parteisekretär zu. Die graue Eminenz, OSL Wolf beginnt mit seiner hohen, vom Zigarettenqualm verbrauchten Stimme zu sprechen: „Genosse Marr, lassen sie mich deutlicher sprechen als der Kommandeur. Bisher waren alle Offiziere Parteimitglieder. Sie sind nicht einmal Kandidat der Partei. Alle IF-Piloten sind auch Parteimitglieder. Die Genossen werden den Kommandeur also nachher fragen, warum der Offiziersschüler Marr nicht. Und er wird antworten, worauf sie am Gepäckband enden könnten und nicht im Cockpit einer 134, wie sie sich das vielleicht erträumt haben, verstehen sie?“ Ich schüttle, den Tränen nahe, meinen Kopf. Der Alte Wolf hat mich genau da, wo er mich haben wollte und nickte dem Kommandeur zu. „Genosse Marr“, hebt er mit väterlich-versöhnlicher Stimme an, „beraten sie sich mit ihrem Fluglehrer und geben sie mir ihre Entscheidung in 15 Minuten kund. Wenn sie bei den Streitkräften bleiben wollen, geben wir den Genossen von der Interflug Bescheid und der Fall ist für sie erledigt. Ihr Platz ist hier, glauben sie mir. Sie können jetzt gehen“. Ich bekomme gerade noch eine militärische Ehrenbezeigung hin, als ich den Raum verlasse. Mein Fluglehrer findet mich zusammengesunken auf der Bank vor unserer Unterkunftsbaracke. Er duzt mich um Vertrauen zu erwecken: „Was soll ich dir raten. Du wärest gerne zur IF gegangen?“ „Ja“, antworte ich, „die erpressen mich doch einfach. Mach das, was wir wollen oder wir schießen dich ab, ehe du aufsteigen konntest. Wenn ich hier nein sage und die IF-Leute sagen auch nein, dann kann ich doch immer noch bei der Armee bleiben. Darum verstehe ich das jetzt nicht“. Schubi erwidert: „Der Kommandeur hat deinen Vorfall staffelintern behandelt, weil ich mich für dich verwendet habe. Du bist zu gut, er sollte dich nicht rausschmeißen. Wenn der Fall jetzt wieder hochkommt, wird es für uns alle unangenehm, aber am schlimmsten für dich. Sie lassen dich nicht Offizier werden und damit besteigst du nie im Leben wieder irgendein Cockpit. Das wars dann. Sagst du nein zu IF, wird keiner Fragen stellen und du kannst alles werden, auch Fluglehrer“. „Nein danke“, entgegne ich, „ich habe wohl keine Wahl. Ich mag die Armee nicht, aber ich habe mich hier nicht drei Jahre abgeschunden um dann nie wieder zu fliegen. Und wenn sie das nun gar nicht stört mit der Parteimitgliedschaft?“ „Ich würde es nicht drauf ankommen lassen, an deiner Stelle. Also, du braucht nicht noch mal zum Alten rein, was soll ich ihm sagen?“ „Ich will mit Sicherheit Flugzeugführer werden, also sagen sie ihm nein zu IF“. „Glaub mir, du wirst es nicht bereuen“, Schubi klopft mir väterlich auf die Schultern. „Ich bereue es jetzt schon, Genosse Hauptmann“, rufe ich ihm hinterher und fühle mich elend. Warum ich? fragte ich mich, während die anderen IF-ler freudig von ihrem Einstellungsgespräch mit unterschriebenen Arbeitsverträgen kamen. „Was ist denn mit dir los?“ fragt Merlinger. „Sie haben mich erpresst“, antworte ich, „entweder sage ich nein zu IF oder sie rollen die alte Geschichte wieder auf und vermiesen mir alles“. „Das haben die wirklich gemacht?“ fragt er ungläubig. „Ja, aber ich möchte nicht mehr darüber sprechen“. „Schon klar, verstehe ich“. Er versteckt die Vertragsmappe von der IF hinter seinem Rücken und geht durch die offene Barackentür. Ich bin völlig leer, blinzele in die Sonne und versuche mir meine Zukunft nicht auszumalen, da steht der Kommandeur zwischen mir und der Sonne. „Bleiben sie sitzen. Ich habe mit Strausberg telefoniert, der Steuermann dort konnte sich noch gut an ihre Prüfung erinnern, man nimmt sie dort mit Kusshand. Das wollte ich ihnen nur sagen. Gehen sie ein bisschen Segelfliegen und trinken sie heute Abend ein paar gute Biere, dann sieht die Welt für sie wieder besser aus“, gibt mir die Hand und verschwindet.

Geschichte(n), die niemand braucht (29)

 

Abgelöst, weil im Urlaub wurde er von dem Hubschrauber Aerodynamiker schlechthin. Die Russen hätten diesen hochbegabten Menschen, welcher uns nun unterrichten sollte, am liebsten behalten, zeigten ihm allerdings zu viel, worauf der es vorzog, in die DDR zurückzukehren. Der OSL war als Experte mit der Roten Armee in Afghanistan, begutachtete den Einsatz von Kampfhubschrauber gegen Rebellen in den Bergen. Natürlich war das Thema im Unterricht. Dabei vergaß er völlig, wen er vor sich hatte, schrieb die Tafel voll mit hoch komplizierten Formeln und blickte anschließend entschuldigend in unsere verständnislosen Gesichter: „Genossen, euer Prüfungsstoff ist dagegen vergleichsweise primitiv. Habt ihr Fragen dazu? Nein, gut, ja Sie Genosse.“ „Genosse Oberstleutnant, Offiziersschüler Leierbein, was ist nun mit Afghanistan? Ist dort Krieg? Oder ist es wie 1968 in der CSSR?“ Er überlegt lange, bevor er antwortet: „Meine sowjetischen Genossen haben mich zum Stillschweigen verpflichtet, darum nur so viel: Das Volk Afghanistans hat sich für eine sozialistische Entwicklung entschieden und das Nachbarland, die Sowjetunion um militärische Hilfe im Kampf gegen die Konterrevolution gebeten. Die Sowjetarmee unterstützt die afghanischen Truppen mit gepanzerten Fahrzeugen, Kampfhubschraubern und Militärberatern, etwas mehr als seinerzeit in Vietnam“. „Warum waren sie da?“ hinterfragt Leierbein. „Ich besuchte zu dieser Zeit die Militärakademie in Moskau, wollte mich als technischer Führungsoffizier auf Kampfhubschrauber spezialisieren. Die Genossen dort unterbreiteten mir den Vorschlag, die Mi 24 im richtigen Kampfeinsatz zu begutachten. Ich stimmte sofort zu und wurde als Angehöriger der sowjetischen Luftstreitkräfte eingekleidet. Anschließend ging es mit Aeroflot nach Kasachstan zur Einweisung und weiter mit Transportmaschinen zum Einsatzflugplatz. Von dort aus direkt zu den Kampfeinsätzen. Mehr darf ich ihnen nicht sagen, außerdem ist die Unterrichtseinheit sowieso vorbei. Was soll ich zum nächsten Mal vorbereiten? Ja, sie Genosse.“ „Genosse Oberstleutnant, Offiziersschüler Preiss, Beladeplan der AN 2, Schwerpunktberechnung und Polare in Abhängigkeit der Landeklappenstellung und Vorflügel“. „Gut, würde mir ein Genosse bitte die Unterlagen ihres Flugzeugs zur Verfügung stellen. Danke. Auf wiedersehen“. OS Preiss im Befehlston: „Achtung“! Alle stehen auf, stramme Haltung, Hände an die Hosennaht, Blick frei gerade aus. Der OSL setz seine Schirmmütze auf, erhebt die rechte Hand zum militärischen Gruß und verlässt den Raum. „Rührt euch!“ kommandiert Preiss. Wir packen unsere Sachen und marschieren zur nächsten Konsultation. Die kommenden Prüfungen sind mündlich. Da die Themen feststehen, ist es eigentlich eine reine Fleißfrage, gut abzuschneiden. Meine alte Lernpatenschaft zu Uwe wird wieder aktiviert, er hat keinen blassen Dunst und Fracksausen. Wir lernen, bis er auch das herbeten kann, was er nicht versteht. Drei Tage vor den Prüfungen in 5 Fachgebieten, alle an einem Tag, sind wir fertig. Uwe verkündet, dass er mich für heute Abend zu seinem Polterabend nach Kamenz einlädt. „Man, wir haben in drei Tagen Prüfung, da kannst du dich doch nicht tagelang betrinken“, antworte ich. „Morgen ist Hochzeit und übermorgen erhole ich mich“. „Na gut“, sage ich, „übernachten wir in Kamenz?“ „Habe ich schon organisiert, werden mit dem Bus hingefahren und morgen Mittag mit dem öffentlichen Bus zurück“. „Super!“ sage ich einigermaßen begeistert, denn ich bin über jeden Tag froh, den ich nicht in diesem Bullenkloster hier verbringen muss. „Wir müssen allerdings Uniform Tragen, es kennen uns zu viele“. „Na gut“, nörgele ich. Uwe klopft mir auf die Schulter: „Und, danke man, für deine Hilfe und so…“ „Schon gut, musste doch auch lernen“, wehre ich ab. Wir packen Zahnbürste, Rasierzeug und Reserveschlüpfer ein, um 17 Uhr geht der Bus nach Kamenz. Frisch machen, Quartier beziehen und ab geht’s in den Plattenbaukeller von Uwes Schwiegereltern in Spee. Sein Vater hat wieder Pilsner Urquell gestiftet, dazu rockt Musik aus einem Gettoblaster und es gibt neben Uwes auch noch andere Frauen. Ich tanze mit einer abgefahrenen Dame mittleren Alters mit roten Haaren. Ihre großen Brüste werden von einem hautengen Sommerkleid gehalten und drohen durch die Ausgelassenheit meiner Tanzpartnerin herauszurutschen. Uwe zischt mir von hinten ins Ohr: „Lass deine Finger von der. Das ist die Frau von Oberst Kalbasa. Der zerfetzt dich in der Luft“. Mürrisch ziehe ich mich zum Bierfass zurück und betrachte gelangweilt das junge Gemüse. Alles Töchter von Offizieren, die mir eine entsicherte Handgranate in die Hose schieben würden, wenn ich auch nur in die Nähe ihrer Lieblinge käme. Später kommen die beiden jungen Segelflugschülerinnen, wir sitzen auf der Bank vor dem Haus und trinken Pils. Die Prüfungen laufen für mich wie am Schnürchen. Durch meine Lernhilfe für Uwe bin ich in der Lage, die Themen in freier Rede ohne Vorbereitungszeit abzuhandeln. Nur im Prüfungsfach Lufttaktik/Luftschießen bemängelt die Prüfungskommission meine unmilitärische Stimme und das lockere Auftreten. Als schwierigste Prüfung erweist sich jene für das Allgemeine Flugfunksprechzeugnis. Ich habe einen russischen Fachtext ins Englische zu übersetzen, ohne Vorbereitungszeit. Die russischen Schriftzeichen vor Augen, formuliere ich langsam die entsprechenden englischen Fachvokabeln. Sehr schön, lobt die Dame von der Post. Und nun erläutern sie uns mal den Inhalt des Textes. „Habe ich doch gerade!“, entfährt es mir, bevor der anwesende Fluglotse ergänzen kann: „Bitte in deutscher Sprache, die Kollegin hat bestimmt noch Fragen zum Inhalt.“ Ich beginne von vorn. Es hagelt nach jedem Satz Zwischenfragen. Ich antworte ausführlich, was dazu führt, dass die Dame ins Detail geht. Aber ich hatte einen guten Lehrer, welcher ebenfalls anwesend ist. Mit grinsendem Gesicht sitzt er neben der Dame und nickt aufmunternd in meine Richtung. Der vierte im Bunde der Prüfungskommission ist ein Militär, unser Hochschullehrer für Steuermannsdienst. Er wendet seinen Kopf der Postdame zu und sagt mit höflicher Stimme: „Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass der Genosse zu diesem Thema seine Hausarbeit geschrieben hat. Seine Schrift liegt hier vor uns, wir verwenden es als Unterrichtsmaterial. Wir haben noch etliche Prüflinge vor uns und bitte sie, sich kurz zu fassen“. Ich denke: bin ich so schlecht oder was läuft hier. Alle nicken einander zu. „Genosse Offiziersschüler, verlassen sie bitte für einen Moment den Raum“. Erschrocken blicken die anderen drei Offiziersschüler, die sich im Raum vorbereiten müssen auf, denken, dass es bei mir schiefläuft. Ich grüße, verlasse den Raum. Nach ein paar endlosen Minuten kommt mein Steuermannsdienst Lehrer heraus, schließt die Tür. „Musstest du so vorlaut sein, sie hat das persönlich genommen, erwartet eine Entschuldigung. Er legt seine Hand auf meine Schulter, öffnet die Tür, schiebt mich hinein, ich salutiere, nehme die Schirmmütze ab: „Genosse Oberstleutnant, gestatten sie, dass ich spreche?“ „Bitte!“ „Ich möchte mich in aller Form für meine Bemerkung entschuldigen, es war nicht so gemeint. Wir haben die russischen Texte immer nur in Englische übersetzt und eigentlich auch in dieser Sprache gedacht, daher war ich etwas überrascht“. „Entschuldigung angenommen“, antwortet sie, „ihre Leistung bewerten wir mit sehr gut“. Ich kann es gar nicht fassen. „Herzlichen Glückwunsch, Herr Kollege“, sagt der Lotse und streckt mir seine Hand entgegen, ich schaue zum Oberstleutnant, er ist der ranghöchste Militär im Raum und muss mir Bewegungen erlauben. Er nickt, ich trete zum Tisch und bekomme die Hand geschüttelt. Dann darf ich den Raum verlassen, zeige im Rausgehen meinen Kameraden zwei gedrückte Daumen, um sie anzuspornen, schließe die Tür, springe an die Decke, denke: das wars. Fliegen kannst du, die Prüfung wird gut und diesen gesellschaftswissenschaftlichen Müll bekommst du auch in den Griff.

Geschichte(n), die niemand braucht (28)

 

Unser Zug verlegt für drei Wochen nach Bautzen. Von den Hochschullehrern werden wir wie angehende Offiziere behandelt: es geht korrekt, doch schon fast kollegial zu. Strategie und Taktik der Luftstreitkräfte ist das einzige Fach mit neuem Lehrstoff, der ganz und gar streng geheim ist. Während uns die Taktik der Waffengattungen schon im Wesentlichen geläufig ist, bleibt bei strategischem Teil doch einigen die Spucke weg. Beide Systeme sind so aufgerüstet, dass jeder den anderen mehr als einmal vernichten könnte. Das schreckt die Politiker, den Krieg als direktes Mittel der Politik zwischen den großen Blöcken einzusetzen und man existiert friedlich nebeneinander. Trotzdem denken die Hardliner unter den Militärs ernsthaft über die Machbarkeit und die Gewinnaussichten eines Nuklearkrieges nach und kommen zu drei möglichen Varianten eines Kriegsbeginnes. Die ersten beiden gehen davon aus, dass das imperialistische System beginnt und der Warschauer Pakt zurückschlägt, die dritte Variante ist der Erstschlag, eine Art finaler Rettungsschuss des sozialistischen Systems. Nach drei Tagen steht der Panzer mit dem roten Stern am Rhein, nach drei Wochen wirft man die letzten Kapitalisten in den Atlantik, Amerika ist nuklear ausradiert. Wir Offiziersschüler begreifen, dass wir zwar in einer winzig kleinen Armee eines noch winzigeren Staates dienen und dennoch Teil von Plänen sind, die in ihrer Gewalt, ihrer Wucht und Größe jenseits unserer Vorstellung liegen. Niemand stellt die Frage: was kommt danach, wenn wir gewonnen haben? Errichten dann ein paar verstrahlte Überlebende den Kommunismus auf einem kaputtem Planeten? Wir haben Klausewitz gelernt: Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln und jeder von uns erkennt die Untauglichkeit dieses Lehrsatzes, aber wir sprechen nicht darüber. Die Angst vor der Konsequenz dieser Erkenntnis, die daraus resultierende Ohnmacht, absolut nichts tun zu können, den Männern mit den Roten Telefonen und den Schaltern für den Abschuss der Interkontinentalraketen ausgeliefert zu sein, lässt uns schweigen. Wir würden kleine Räder sein in der riesigen Maschinerie des Krieges, die das Vermögen der Völker verschlang und unseren Planeten an den Rand des Abgrundes rückte. Für einen Ausstieg war es längst zu spät. Und immerhin hatte jeder von uns die Chance auf ein „besseres“ Leben in der zivilen Luftfahrt. Und so führte unser Lehrer, ein nicht im Feld ergrauter Oberstleutnant, der von sich selbst und seinem Lehrstoff sehr überzeugt war, uns seine Weltuntergangsszenarien vor Augen. Als Ausgleich gab es etwas Naturwissenschaft: Aerodynamik. Wir vermissten unseren alten Lehrer, der sein Fachgebiet immer Dynamoerotik nannte und dessen lustige Einlagen im Unterricht. Einmal hatte er für jeden eine Möhre dabei und sagte: „Die Augen meiner Offiziersschüler scheinen heute Morgen nicht gesund zu sein, denn sie drohen dauernd zu zufallen. Hier Genosse Zughelfer, lassen sie das mal verteilen, Möhren sind gut für die Augen. Bei wem das nicht mehr hilft, der kann sich bei mir zwei Streichhölzer zum Hochstecken der Augenlider abholen“, sagte es und sprang mit einem Satz auf den Lehrertisch: „Sind jetzt alle wach oder müssen wir noch ein Morgenlied singen?“