Geschichte(n), die niemand braucht (25)

 

Die Militärs innerhalb der GST drücken von oben herab immer mehr ihrer Gepflogenheiten in die Grundorganisationen hinein. Viele unserer zivilen Kameraden wehren sich dagegen, indem sie den Flugbetrieb durch Abwesenheit boykottieren. Wir wollen zusammen mit den Kameraden des Flugplatzes Alkersleben unseren Sommerurlaub an einem See in Mecklenburg verbringen, zelten, baden, segeln, am Lagerfeuer Rotwein trinken und Knoblauchschnitten essen, die Seele baumeln lassen. Einige Mitglieder der Alkerslebener Grundorganisation hatten zu diesem Zweck Verbindung zu den Wassersportlern der GST aufgenommen, Kurse als Segelbootführer für Binnengewässer absoviert, Prüfungen abgelegt und entsprechende Boote angemietet. Alle erwarteten eine herrliche Zeit, alternativ zum Segelflug.

Meine ersten Segelflüge nach so langer Zeit gestalteten sich eher unprofessionell. Ich versuchte, den Doppelsitzer viel zu hoch abzufangen, weil ich diese Position aus der AN 2 kannte. Dank der Gutmütigkeit des Schuldoppelsitzers und der schnellen Reaktion meines Fluglehrers und Freundes Bernd, dem ich später auf tragische Weise die Frau ausspannen sollte, kamen wir nicht zu Schaden. Einige Flüge später hatte mich die geliebte Thermik wieder. Stundenlang erkundete ich nun die Gegend um Kamenz aus völlig neuer Perspektive, verfliege mich über dem Truppenübungsplatz der Sowjetarmee in Königsbrück und lande mit dem letzten Schwung wieder in Kamenz. Zum Glück hat es niemand bemerkt. Da keine Segelflugstrecken erlaubt sind, blättern wir im Ausbildungshandbuch, was wir sonst noch für unsere fliegerische Qualifikation tun könnten und finden den Doppelschlepp. Da unsere Schleppmaschine mit ihren 260 Pferdestärken geeignet ist und die Aufgabe anspruchsvoll genug zu sein scheint, beginnen wir mit den Vorbereitungen: Schleppseil basteln und Bodenvorbereitung für die Piloten. Beim fliegerischen Teil will natürlich jeder in der hinteren Maschine sitzen. Der vordere Geschleppte steuert seinen Segler etwas über dem Luftschraubenstrahl des Schleppers und ein paar Meter neben dessen verlängerter Längsachse, der hintere bleibt unter dem Strahl und auf der entgegen gesetzten Seite der Achse. Nur er hat die beiden anderen Flugzeuge in Sicht, hält sich und sein Seil vom anderen fern. Ganz nah zu einem anderen Luftfahrzeug, darin bestand für uns der eigentliche Reiz des Doppelschlepps. Darum dehnen wir den Genuss oft bis zu einer Stunde aus. Das Triebwerk der Wilga läuft dabei mit Nennleistung, leistet 220 PS und verbraucht kaum weniger als 77 Liter verbleites Flugbenzin pro Stunde. Der Schlepppilot zerrte uns in einen entfernten Winkel unserer Platzzone und wir veranstalteten nach dem Ausklinken ein Wettfliegen zurück zum Platz mit der Wilga. Schnell landen und zum nächsten Schlepp. Der Aufwand spielte keine Rolle. Wir träumten davon, Verbandsflug zu betreiben, hatten aber niemanden mit einer Lehrberechtigung. Riesa besaß das so genannte Segelkunstflugballett mit dem Macher Günther Ambroß. Die drei Herren zeigten beeindruckenden Segelkunstflug im Verband mit drei Doppelsitzern Typ Bocian und damit die Vorzeigeattraktion des Segelfluges auf Flugschauen. An die Herren war kein Rankommen. Sie flogen jede freie Minute, um ihren eigenen Trainingszustand zu halten und die Warteliste für die wenigen Schulflüge, war entsprechend lang. Wir stellten einen Antrag für Segelkunstflugausbildung und erhielten eine Ablehnung mit der Begründung, dass unsere Doppelsitzer zu alt seien für die erhöhten Belastungen. Wir sollten nach der Einführung der neuen Technik noch mal nachfragen. Gemeint war der Puchacz aus der Volksrepublik Polen, der erste Doppelsitzer in Kunststoffbauweise, der bei der GST zum Einsatz kam. Mit ihm durfte der Pilot in den Rückenflug, was davor nur dem Standartklasse Segelflugzeug Cobra 15 erlaubt war. Wollte also vor Einführung des Puchacz ein Pilot die Steuertechnik des Rückenflugs erlernen, musste er sich die Übung auf der Cobra 15 selbst erarbeiten. Die Genehmigung dazu erteilte der Zentralvorstand nur ein einziges Mal an Wolfgang Heusinger, einen Segelfluglehrer aus Suhl. Während wir in Suhl abends nach dem Flugbetrieb zusammensaßen, schaute Wolfgang immer wieder minutenlang, den Kopf zwischen seinen Unterschenkeln auf einem Stuhl sitzend, nach dem Horizont, der für ihn von der Unterkante eines Kleiderschrankes, hinter seinem Rücken an der Wand stehend, gebildet wurde. Dabei bewegte er den Kopf langsam hin und her, und ich bin nachträglich froh, dass er nicht von uns verlangt hat, den Kleiderschrank abwechselnd links und rechts anzuheben, und imitierte mit Steuerhand und Füßen die Betätigung der Ruder. Diese ungewöhnliche Methode, sein fliegerisches Talent und der Ehrgeiz haben aus Wolfgang einen Kunstflieger gemacht. Oft vollführte er, sein kleines Flugzeug im Blau des Himmels von unseren staunenden Augen verfolgt, einen Rückenflugvollkreis nach dem anderen. Leider wird von den Zuschauern einer Flugshow so etwas fast nicht honoriert, da der Flieger viel zu weit weg ist und man eigentlich nur über die Lage der Haube auf die Rückenlage schließen kann. Da kommen zwanzig schlecht geflogene Loopings hintereinander oder ein tiefer Vorbeiflug beim Publikum besser an. Doch zurück nach dem Kamenz von 1981. Für die Segelflieger gab es keinen Kunstflug.

Dienstlich liegt Anfang Mai 1981 die Nachtflugperiode, welche im März begonnen hatte, im Wesentlichen hinter uns. Da wir am Tage Flüge nach Instrumenten unter schwierigen Wetterbedingungen trainiert hatten, fiel die Umstellung auf die Nacht nicht besonders schwer. Zunächst gewöhnt man sich an Unterhaltungen mittels der Taschenlampe, an Stelle von Handzeichen, lernt die Scheinwerfer des Flugzeuges zu nutzen und versteht den Sinn der, am Tage und beim Segelflug oft hinderlichen Lampen am Boden, die überall auf dem Flugplatz verteilt sind. Es war aufregend, als bei meinem ersten Start im Dunkeln nach dem Abheben der Kegel des Landescheinwerfers vom Erdboden verschwand und sich sein Licht einfach im unendlichen Dunkel der Nacht verlor. Scheinwerfer aus, kommentierte Schubi beim Durchgang von 50 Meter Höhe. Je höher wir kamen, desto größer wurde das Lichtermeer unter uns. Ich musste an meinen Physiklehrer in der achten Klasse denken. Er hatte uns in seiner allerersten Stunde ein Photo des Planeten Erde aus dem Weltraum gezeigt. Die Erde war zur Hälfte hell und dunkel. Im dunklen Teil konnte man deutliche Lichtpunkte ausmachen. „Der Mensch mit seinem Erfindungsgeist wird eines Tages die Nacht besiegen, helle Flächen verkünden dann dem Universum: hier sind wir!“ sagte er damals. Nun sah ich es mit meinen eigenen Augen: Straßenlampen, fahrende Autos mit nervös zappelnden Lichtkegeln am Bug und roten Heckleuchten, erleuchtete Fenster vom Häusern. Ich lernte beleuchtete Luftfahrthindernisse zu sehen, die Bewegung anderer Flugzeuge durch ihre roten, grünen und weißen Lampen einzuschätzen und der scheinbar chaotischen Anordnung der Lichter am Boden Namen zuzuordnen. Einerseits hält die Nacht nicht die Flut an optischen Reizen bereit wie der Tag, doch andererseits verändern sich die Orientierungsmerkmale auch ständig: die Menschen in ihren Wohnungen gehen zu Bett und schalten das Licht aus, die Straßenbeleuchtung erlischt, Fabrikanlagen verdunkeln sich. Doch zunächst flogen wir noch im übersichtlichen Platzbereich. Wie ein Leuchtfeuer erhellte der Bodenscheinwerfer für jede landende Maschine die Piste. Man konnte es von überall aus der Platzrunde sehen. Wir schalteten im Landeanflug unseren Bordscheinwerfer ein, das Zeichen für die Scheinwerferbesatzung am Boden, Strom auf die Elektroden im Brennpunkt eines riesigen Spiegels, welcher mit Glas verkleidet und auf einen Laster montiert war, zu geben. Nach kurzem Geflacker entwickelte sich ein ansehnlicher Lichtbogen, der durch die Linse in Form gebracht wurde und schräg in die Piste hinein seinen Lichtkegel warf. Die große Lampe war so ausgerichtet und eingestellt, dass als Anfang des Lichtkegels eine, quer zur Piste verlaufende, scharfe hell-dunkel Grenze entstand. Zu dieser Linie am Boden steuerten wir den Gleitwinkel unserer Flugzeuge, dort wurde abgefangen, im Hellen ausgeschwebt und aufgesetzt. Fing man zu heftig ab, schwebte die Maschine wieder auf und für einen winzigen Moment ging die gerade noch vorhandene räumliche Orientierung verloren, denn die, sich aufrichtende, schwarze Verkleidung des riesigen Sternmotors nahm die Sicht nach vorn. Die Schräglage hat eben noch gestimmt, also nichts am Querruder verändern, links rausschauen, am Gras orientieren, es wird deutlicher und bekommt Konturen, noch mal abfangen, halten, bis sie sitzt. „Gras ist weich und verzeiht mehr als Beton“, sagt mein Fluglehrer. Landescheinwerfer aus und Rollscheinwerfer an. Der hat eine andere Neigung und leuchtet etwas mehr nach links. Den blauen Lampen der Rollbahnbefeuerung folgend geht es zur Abstellfläche. Bei unseren letzten Flügen dämmert es am Ende der Flugschicht schon, der Frühling mit seinen länger werdenden Tagen meldet sich zurück. Die Zeit rast dahin: Spezial-fachliche Prüfungen, Hauptprüfung in Gesellschaftswissenschaften, wir sollen schließlich eine bessere Weltordnung bauen, und die fliegerische Hauptprüfung stehen noch an.

 

Geschichte(n), die niemand braucht (24)

 

Man beachte das Staurohr vorn über dem Nummernschild

Nach sechs Monaten besitze ich eine alte Rennpappe mit neuem Outfit. Auslöser für die große Reparatur war ein Urlaub mit Mieze. Wir fahren übers Wochenende zu seinen Eltern nach Staßfurt. Irgendwann ist, von Dresden kommend, die Autobahn Dresden Leipzig zu Ende und wir fahren durch Halle an der Saale. Auf einer der zweispurigen Durchfahrtsstraßen sehen wir von Weiten einen Betrunkenen herumtorkeln. Wir unterschätzen seine Reaktionsfähigkeit und streifen ihn mit dem rechten Außenspiegel, worauf er zu Boden geht. Nachdem ich eine Vollbremsung eingeleitet habe, räumen wir den Verletzten von der Straße und wollen die Polizei in der nahen Kneipe anrufen. Der Wirt hatte seinen betrunkenen Gast gerade auf die Straße entlassen und wollte keine Polizei. Es kommt zu Handgreiflichkeiten, wir packen den Verletzten in unser Auto, wo er munter weiter randaliert bis er begreift, dass wir ihn in ein Krankenhaus fahren wollen. Er zeigt uns den Weg und biete uns freundlicherweise an, dass er die Treppe runtergefallen sei, wegen seiner Verletzungen. Da wir nicht vor den Militärstaatsanwalt enden wollen, gehen wir drauf ein und verschwinden schleunigst. Abends ist im Nachbardorf von Staßfurt Tanz. Wir fahren zu zweit hin und, reichlich angetütert, zu neunt im Trabant zurück. Zum Glück passiert nichts. Dafür bekommen wir auf der Rückfahrt nach Kamenz innerhalb einer Stunde dreißig Zentimeter Neuschnee, sehen die Autobahn nicht mehr und fahren gegen eine Warnbake. Dabei reißt der Auspuffkrümmer samt Heizung ab, im Auto stinkt es nach Abgas und es wird bitter kalt, der Motor brüllt laut und säuft Unmengen Benzin. Total fertig erreichen wir Kamenz und verstecken den Schaden am Auto unter einer Decke. Es vergehen Tage voller Angst und Ungewissheit. Was wurde aus unserem Unfallopfer? Gebrochene Hand? Wir haben es nie erfahren und es bleibt unser beider Geheimnis.

Mit dem Einzug des Frühlings begann ich wieder mit dem Segelflug. Der Flugbetrieb der GST fand am Wochenende auf unserem Militärflugplatz statt. Ich konnte ohne Ausgang zu beantragen zum Flugsport gehen. Dort hatten wir unsere Zivilkleidung und besuchten abends die einschlägigen Tanzveranstaltungen auf den Dörfern. Die Grundorganisation Otto Leopold der GST ist der Rest des einstigen Armeesportclubs Segelflug der OHS, dessen Macher sich mit der militärischen Führung überworfen haben. Es gibt eine Halle mit Werkstatt für den Winter in der Stadt und eine Halle am Flugplatzrand, die im Winter zur Unterstellung von Mähdreschern dient, für den Sommer. Das kleine Häufchen besteht aus Offizieren, OS, dem Leiter der GO und drei Mädels. Da außer den Mädels alle einen Luftfahrerschein besitzen, wird neben der Schulung sehr viel thermisch geflogen. Dabei benutzen wir den militärischen Luftraum und haben nie Probleme mit unseren Flugsicherungsfreigaben. Oberstleutnant Manfred Nabel ist mit 45 Jahren unser ältester Segelfluglehrer und im Hauptberuf für sämtliche Küchen am Standort Kamenz verantwortlich. Unsere Versorgung mit Speisen und nicht alkoholischen Getränken wird durch seinen Befehl rund um die Uhr sichergestellt. Die dadurch freiwerdenden Mittel investieren wir in Bier. Das wird uns aber freundlicher Weise vom volkseigenen Handel als Butter quittiert. Manfreds langer Arm reicht auch bis zu den beiden Dieselheizaggregaten samt Treibstoff, die wir benötigen, um die Winterhalle mit Aufenthaltsraum und Werkstatt zu heizen. Flugbenzin für die Schleppmaschine bekommen wir direkt vom Tanklastfahrzeug der Staffel. Die Grundorganisation verfügt über eine Planstelle der GST für den Flugplatzleiter. Etwa in der Zeit meines Eintrittes wir sie erstmals besetzt. Von nun an planen wir Winterbauprogramm, Flugbetrieb, Eratzteile usw. nicht mehr selbst. Siggi hat diese Stelle als erster inne, kann sich gegenüber dem Militär nicht durchsetzen und wird nach kurzer Zeit durch Lutz ersetzt. Segelflugpolitisch haben wir ein Jahr republikweiter Flugsperre hinter uns und beginnen mit neuen Gesetzen. Dem Flugleiter wird die volle Verantwortung für alles zum Flugbetrieb gehörende aufgebürdet. Dazu gehört die ständige Kontrolle aller Flugzeuge in der Luft. Aus diesem Grund teilt sich der Luftraum über dem Flugplatz in vier Flugräume. Raum 1: 000 Grad bis 090 Grad, Raum 2: 090Grad bis 180 Grad usw., Raum 2 erhält zusätzlich eine Zone für Gefahreneinweisungen und Kunstflug. Während die Zone eine ortsfeste Tonne bildet, können die Räume, je nach meteorologischer Sicht, im Radius variieren. Laut Anweisung des Zentralvorstandes nähen die Mädels farbige Armbinden und beschriften diese mit den Kennzeichen unserer Segelflugzeuge. Die Binden kommen zusammen mit Windmesser, Signalpistole mit Leuchtmunition und Fernglas in den Einsatzkoffer des Flugleiters und wir beschließen, dass sie da gut aufgehoben sind. Hier in Kamenz siegt die Vernunft, während in Suhl einige Flugleiter das Beobachtertheater aufführen lassen. Da niemand der anwesenden Offiziersschüler so richtig Ausgang hat, besuchen wir abends die Kamenzer Nahkampfdielen nicht, sondern bleiben unter uns oder fahren mit dem GST-Laster weiter weg auf die Dörfer. Zur Zubereitung der traditionellen Gerichte: Heiße Kamenzer mit Senf und Brot und Karlsbader Schnitte benutzen wir in der Winterhalle das Wärmeaustrittsrohr unseres Dieselaggregats, um die Speisen entsprechend zu temperieren. Dazu ein kühles Bier, fertig ist das Abendbrot. Wir sitzen, in dicke Webpelze aus alten Fliegerkombinationen eingehüllt in unseren Gartenstühlen hinter der Stadthalle, trinken Erfurter Exportbier und erzählen uns Geschichten von unseren Heimatflugplätzen.

Geschichte(n), die niemand braucht (23)

 

Me and my Trabbser

Mit Hilfe meiner Eltern kaufte ich von einem Segelfliegerkameraden einen uralten Trabant, mein erstes Auto. Leider befindet sich die Karosserie in einem so beklagenswerten Zustand, dass nur noch ein völliger Neuaufbau hilft. Ich fahre alle Verkaufsstellen des sozialistischen Fahrzeugteilehandels der Bezirke Dresden, Erfurt und Suhl ab und kaufe so viel ich bekommen kann. Die Ersatzteile sind billig und jeder hortet sie auf seinem Dachboden als Tauschobjekte für Dinge, die man wirklich braucht und niemals zu kaufen bekommt. Auch ich kann mit Hilfe meiner Sammlung und unter Leitung meines Onkels und des Nachbars meiner Eltern, die Teile ertauschen, welche ich wirklich benötige. Aber noch fährt er, der Trabbi. Dieses Fahrzeug besaß eine frei tragende Karosserie aus Stahlblech. Kotflügel, Türen, Dach, Motorhaube und Heckklappe bestanden aus Kunststoff. Mit dem Blech verklebt, vernietet oder verschraubt, boten sich die Grenzflächen zwischen den verschiedenen Werkstoffen der Korrosion des Blechs geradezu an. Bei meinem Exemplar hatte es, lange vor meiner Zeit mit diesem Automobil, schon die u-förmigen Träger des Fahrzeugbodens, nebst Türschwellenbleche erwischt. Der Vorbesitzer verstand als Flugzeugtechniker mehr von Kunststofftechnologie als vom Schweißen und führte Reparaturen stets mit Glasmatten und Kunstharz aus. Leider rostete das Blech unter den Verklebungen weiter, destabilisierte die Träger und der Wagen drohte, mittig durchzubrechen, wenn die Türen offen waren. Die Türschlösser hielten den „Trabbser“ zusammen. Es musste einfach noch eine Weile so gehen, schließlich durfte die neu gewonnene Freiheit nicht wieder leichtfertig einer Werkstatt überlassen werden. Da es während der Freiflugperiode nur von Samstag Mittag bis Sonntag 22 Uhr Urlaub gab, suchten sich alle Kurzurlaubsziele in der näheren Umgebung unseres Standortes aus. Aus Segelfliegerkreisen und der Lektüre einer tschechischen Luftfahrtzeitschrift, die ich jeden Monat in Unkenntnis der Sprache unseres Brudervolkes zu entziffern suchte, wusste ich vom Flugplatz Rana, nicht mal zwei Autostunden von Kamenz entfernt. Wir wollten die dortigen Drachenflieger in Aktion sehen und tanzen gehen. Mieze, Ralle und ich verstauen Schlafsäcke und Kulturbeutel im Kofferraum und düsen los. Unser Weg führt übers Erzgebirge hinunter zu der, dem Gebirge südlich vor gelagerten, vulkanischen Hügellandschaft. Der Fliegeberg zu Rana besteht aus drei miteinander verschmolzenen Hügeln in Ost-West-Richtung. Zuerst besichtigen wir das Segelfluggelände nördlich der Hügel. Hinter der Halle stehen umgekippte, riesige Bierfässer als Unterkünfte umgebaut. Alles ausgebucht, schade. So entschließen wir und auf den Berg zufahren um dort einen geeigneten Platz zum Übernachten auszumachen. Der Weg führt, in befahrbarem Zustand, auf halbe Berghöhe. Dort, auf einem kleinem Plato, liegen ein paar Drachen und stehen eine Reihe Autos mit Zelten dahinter. Wir prägen uns die Stelle ein für die Rückkehr in der Nacht. Ein paar Kilometer südlich dieses Platzes sehen wir eine größere Stadt am Ufer eines Flusses und beschließen, unsere umgetauschten 120 Kronen innerhalb der Stadtmauern in Essen und Bier zu investieren und dabei Mädels anzubaggern. Ersteres Vorhaben gelingt, am zweiten scheitern wir und enden noch vor Mitternacht, mit der Bierflasche in der Hand, im Schlafsack vor dem Auto am Fliegeberg. Ein leichter Nieselregen weckt uns bei Sonnenaufgang, wir fahren zurück in die Stadt und finden, zum Glück, ein offenes Bistro mit frischen Hörnchen und duftendem Kaffee – was für eine Lebensqualität. Frisch gestärkt geht es zurück zum Berg. Sonne und Wind haben den Regen vertrieben und etliche Drachenflieger angelockt, die schon auf dem beschwerlichen Weg nach oben sind. Dabei haben sie, neben dem nicht unerheblichem Eigengewicht des Fluggerätes, zusätzlich noch die Windlast des Segels zu tragen. Hilfe durch uns wird gerne angenommen. Auf dem Berg angekommen, bereiten sich drei Drachenflieger auf den Abflug vor. Außer uns sind noch zwei tschechische Zaungäste da. Wir halten vorne und an beiden Seiten die Segel auf dem schmalen Grad des Berges fest bis die Piloten das Gurtsystem klar haben und mit dem Wind, angezeigt durch einen Wollfaden vor dem Kopf des Fliegers, zufrieden sind. Auf Kommando lassen alle Helfer gleichzeitig los, der Pilot stolpert zwei drei Schritte den steinigen Abhang hinab und drückt sein Segel nach oben in den Wind. Beim zweiten geht es schief: sein Segel bäumt sich wie ein Kinderdrachen nach oben auf und er landet mit lautem Krachen zwischen Steinen und Büschen. Wir zerren Pilot und Drachen zurück auf den Grat, er richtet notdürftig und mit roher Gewalt das Aluminiumgestänge, zieht Spanndrähte nach und gibt Zeichen für einen neuen Start. Diesmal gelingt es. Drei Drachen kreuzen nach kurzer Zeit fünfzig Meter über unseren Köpfen, die Erben Lilienthals. Wir liegen im Gras, den warmen Sommerwind in den Haaren und den Duft der Kräuter in der Nase schauen wir den Drachen zu. Unten vor der Flughalle bereiten sich die ersten Segelflieger vor. Dreißig Minuten später sind auch sie am Berg. Segelflugzeuge und Drachen, wie selbstverständlich miteinander an einem Hang zu sehen, lässt mein Fliegerherz höher schlagen. Drachenfliegen, ja sogar der Besitz entsprechend geeigneten Baumaterials, wie Aluminiumrohre und Spannschlösser, sind in der DDR unter Strafe verboten. Die Staatsmacht sieht es als Vorbereitung zur Republikflucht an. Nichts desto trotz gibt es Enthusiasten, die sich einen Dreck um die Gesetze scheren. Einer meiner Segelfliegerkameraden beobachte auf einem Streckenflug mehrere Starts eines Drachen und besuchte später diese Stelle bei geeignetem Wetter mit seiner Filmkamera. Laut Gesetz wäre er verpflichtet gewesen, diese Vorfälle den zuständigen Stellen zu melden. Aus Solidarität tat er es nicht und zeigte uns in aller Stille und unter dem Siegel der Verschwiegenheit seinen Film: Man sieht einen PKW Typ Wartburg 353 mit Anhänger. Auf einer Leiter, die mit Seilen am Hänger festgezurrt ist, liegt ein zusammengefalteter Drachen der ersten Generation. Zwei Männer rüsten in Windeseile das filigrane Gerät auf, der eine hängt sich in das Gurtsystem, nimmt Anlauf, segelt den Hang hinunter. Der zurückgebliebene fährt unterdessen über den Feldweg hinab zum Aufsetzpunkt, sie rüsten ab und wiederholen das Ganze bis weitere Neugierige angelockt werden, dann verschwinden sie. Ein illegaler Flugbetrieb vom allerfeinsten. Hier in Rana dagegen herrscht die Freiheit. Tschechische Fliegerkameraden ermöglichen Bürgern der DDR sogar das Drachenfliegen, obwohl das oben erwähnte Gesetz auch im Ausland Gültigkeit hat. Die gleiche Fliegerkameradschaft über Ländergrenzen und Gesetze hinweg lernte ich in Budapest kennen. Ein Segelflug an den Bergen dieser herrlichen Stadt hat mich immer wieder über Jahre mit Flugverbot hinweggetröstet. Das alles geht mir durch den Kopf als wir nach Kamenz zurückfahren. Dem Trabbi geht es zunehmend schlechter. Der Nachbar meiner Eltern betreibt in meiner Heimatstadt einen privaten Schmiedebetrieb und übernimmt die Schlosserarbeiten. Erst wird alles Schlechte abgetrennt bis fast nichts mehr übrig ist und dann Stück für Stück wieder zusammengeschweißt. Schließlich geht es zum Lackierer, dann wird endmontiert.

 

Geschichte(n), die niemand braucht (22)

 

Für den Segelflug bekomme ich von den Streitkräften erst nach Abschluss der Freiflugperiode auf der Antonov 2 wieder grünes Licht. Das macht die Zeit ausbildungder Theoriein Bautzen darum doppelt hart. Dann kommt endlich der lang herbei gesehnte Tag unserer Abreise. Wir werden zwar in 8 Monaten noch einmal für vier Wochen hier her zurückkehren, um sämtliche spezial-fachlichen Prüfungen für den Hochschulabschluss zu absolvieren. Dann jedoch sind wir schon Offiziersschüler im letzten Ausbildungsjahr, also angehende Offiziere und damit mit viel mehr Privilegien ausgestattet: kein Frühsport, separater Speisesaal und nie mehr Filzuniformen im Winter.

An unserem neuen Standort Kamenz angekommen, beziehen wir unsere Zimmer in einer Baracke am Rande des Flugplatzes. Die acht Räume sind hell und groß: drei Betten, drei Schränke, ein großer Tisch mit 3 Stühlen, 3 Nachtschränke mit Lampen und ein Besenschrank mit Inhalt stehen auf der Inventarliste. Waschraum, Fernsehraum, Bastelzimmer, Abstellkammer und das Dienstzimmer unseres Fachlehrers Zugführer und schon ist die Baracke ausgelastet. Wände und Decken bestehen, bis auf die Steinmauern der Duschecke im Waschraum, aus Pappe mit Wabenkern, nach außen Asbest verkleidet. Beheizt wird digital (voll oder gar nicht) mit Dampf. Mit uns leben in dem Gebäude neun Offiziersschüler im dritten Ausbildungsjahr, denen der Hauptmann (unser Zugführer) schon deutlich mehr Privilegien gewährt. Es heißt, der gesamte Kurs würde von der Interflug übernommen. Was für Aussichten. Die Zimmerbelegung entspricht den Fluggruppen. Wir, die OS Mannheim (Merlinger), Marr (Tommy) und Mühe (Mieze) unterstehen dem Fluglehrer Hauptmann Schubardt (Schubi). Wir werden, in Form eines Appels, dem Personal vorgestellt und durch die komplette Basis der Transportfliegerausbildungsstaffel 45 geführt. Die nächsten zwei Wochen gehören der intensiven Vorbereitung unserer ersten Flüge auf dem Doppeldecker AN 2 und werden nur von Sport und einigen Stunden Marxismus-Leninismus unterbrochen. Wir lernen unser Ausbildungsflugzeug aus nächster Nähe kennen, starten das Triebwerk, lassen es Probe laufen, rollen und stellen wieder ab, pauken den Inhalt der ersten Flugübungen, Handlungsreihenfolgen und die Orientirungsmerkmale, Kurse und Entfernungen der Flugzonen, Platzrunden und des Instrumentenlandesystems, üben den russischen Flugfunksprechverkehr und trainieren immer wieder in der Flugzeugkabine. Dann ist es endlich so weit: nach mehr als 18 Monaten hebe ich wieder vom Boden ab. Der riesige Doppeldecker, in dem 12 Passagier Platz haben brüllt mit der Kraft von 1000 Pferden über den kurz geschorenen Rasen der Startbahn. Ich schaue mit dem unscharfen Blick der Überwältigung über das Instrumentenbrett, dann zum Fluglehrer und registriere sein Nicken, es kann los gehen. Das Loslassen des Bremshebels in der linken Hand verursacht ein Zischen, begleitet vom Geruch nach verbranntem Gummi, wieder ein Nicken. Beide Hände am Steuerhorn, drücke ich die Säule nach vorn. Während der Flieger an Fahrt gewinnt, hebt sich das Heck. Unauffällig korrigiert Schubi mit dem Seitenruder die Wirkung des Kreiselmomentes auf die Richtung, die Anna bleibt in der Bahn. Dann hilft er beim Zurücknehmen der Steuersäule und schon fliegt sie, ich habe nicht viel mitbekommen, fingere mit der rechten Hand zum Gashebel und zur Luftschraubenverstellung und bekomme erneut geholfen. „Es reicht fürs erste, wenn sie steuern, Sollte es kritisch werden, bin ich ja da“, höre ich ihn aus den Lautsprechern meiner russischen Funksprechgarnitur krächzen. Nach seinen Handzeichen leite ich die vier Kurven bis zum Landeanflug ein und aus. Auf Landekurs, reguliert er Drehzahl und Leistung des Triebwerkes und fährt die Landeklappen. Als der Boden näher kommt höre seine Kommandos: „Abfangen ! Halten ! Noch halten ! Halten ! Weiterziehen ! Durchziehen !“ Wie beim Start, hilft Schubi wieder mit dem Seitenruder nach. Sie rollt: „Richtung halten, Bremsen ! Nach links von der Bahn. Oswobodil“ – die Bahn ist frei. Geschafft, die erste des Fünferblocks liegt hinter mir. Ich brauche lange um die Steuerung des Ausschwebens zu beherrschen und bin verärgert, dass ich keine größeren Fortschritte mache, als die Fußgänger (so nannten wir OS ohne fliegerische Vorbildung). Schließlich schaffen wir alle unseren Freiflug, den ersten Flug ohne Lehrer, aber mit einem anderen OS auf dem rechten Sitz. Die anschließenden Übungen bestehen stets aus einigen Flügen mit Lehrer und einigen mit einem OS. Zu einem dieser Flüge lade ich einen Unteroffizier ein, der gerne mal mitfliegen möchte. Das ist natürlich streng verboten, aber gerade darum hat es seinen Reiz: die Jungs schuften täglich für uns und dürfen niemals in den Fliegern sitzen. Keiner hat´s gemerkt und alle bewahren das Geheimnis. Andere tun das natürlich auch und irgendwann kommt es schließlich raus und es werden Schuldige gesucht. Als schließlich kollektive Strafen angedroht werden, pilgere ich mit schlechtem Gewissen gegenüber meinen Kameraden im Allgemeinen und meinem Copiloten im Besonderen, in das Dienstzimmer meines Fluglehrers und beichte den Vorfall. Er ist wahrlich nicht begeistert, begleitet mich aber sogleich zum Kommandeur. Endlich kann ein Exempel statuiert werden. Ich werde so bestraft, dass der Eintrag in meine Kaderakte bis zum Ende meiner Ausbildung wieder gelöscht werden kann, verpfeife aber den Unteroffizier nicht. Gleichzeitig werde ich aus der Kandidatenliste der Partei erneut gestrichen. Wieder mehr Freizeit.

Geschichte(n), die niemand braucht (21)

 

Sofort nach dem Klingeln öffnet sich die Tür, wir reichen uns die Hände, während Merlinger uns vorstellt: „Das ist Thomas, meine Mutter“. „Guten Tag, kommen sie bitte herein“. „Guten Tag. Danke, hoffentlich macht es ihnen keine Umstände?“ antworte ich und sie entgegnet: „Nein, sie können das Zimmer meines Sohnes benutzen, die beiden sind ja heute Nacht nicht da. Wir legen ab und nehmen in der winzigen Küche, die höher als breit ist, an einem kleinen Küchentisch mit vier winzigen Stühlen Platz. Es gibt arme Ritter und schmeckt vorzüglich. Nach dem Essen verzieht sich das Liebepaar und Merlingers Mutter stellt die meine Flasche Wein in den Kühlschrank und gibt mir ihre zum Öffnen. Wir sitzen im Wohnzimmer auf zwei bequemen Sesseln, ich bewundere ihre Büchersammlung und eröffne die Unterhaltung. „Wenn ich mal groß bin, werde ich auch so ein herrlich gefülltes Bücherregal besitzen“. „Ja, mein Sohn und ich haben es mit der Zeit zusammengetragen. In eurer Dienststelle scheint es immer mal was Gutes zu geben. Manchmal habe ich den Eindruck, Frank gibt sein ganzes Geld für Bücher aus“. „Wir tauschen uns oft aus“, entgegne ich, „aber manches muss man halt schon selber besitzen“. „Was haben sie als letztes gelesen?“ fragt sie. „Den Kippenberg von Dieter Noll“, antworte ich und fahre fort: „Auf Grund der vielen Zeitungsartikel über das Buch, habe ich es für ein rotes Werk gehalten. Entschuldigen sie diesen Ausdruck, aber wir müssen jeden Tag zu viel von dem Zeug lesen, dass ich meine Freizeit nicht unbedingt damit verbringen möchte“. „Das kann ich verstehen“, entgegnet sie und ermuntert mich, durch Kopfnicken, fortzufahren. „Ich habe mir das Buch zunächst von einem Freund geliehen, weil es mir zu teuer und außerdem vergriffen war. Dann aber las ich jede freie Minute in dem Buch und brauchte ein eigenes Exemplar. In dem Buch fand ich so viele Antworten auf Fragen, die mich schon so lange quälen“. „Und welche sind das?“ fragt sie dazwischen. „Nun, da wäre die Frage, ob alles immer richtig ist, in unserem Land und wie man damit umgeht, wenn man erkennt, dass etwas falsch ist und man kann es als einzelner nicht ändern. Und die Frage, wie man sich arrangiert mit den Herrschenden. Die unüberhörbare Aufforderung des Buches, ein mutiger Mensch zu werden. Und, nicht zuletzt, die Formen des Zusammenlebens von Menschen, die sich mögen, eigentlich eine herbe Kritik an den Arbeiterschließfächern“. „Das haben sie da alles raus gelesen?“ fragt sie und schaut dabei erstaunt über den Rand ihrer Brille. „Ja“, antworte ich, „und es hat mir gezeigt, dass ich nicht alleine bin mit meiner kritischen Haltung“. „Mein Sohn und sie, ihr habt es bestimmt nicht einfach, dort in Bautzen“, stellt sie fest. Wir schweigen und trinken Wein. Dann erzählt sie mir von ihrer Schule. Ihre Schüler interessieren sich für nichts mehr richtig, wollen nur noch originell sein und entwickeln dafür einen richtigen Fimmel. Ich sage ihr, ich könne da nicht mitreden, Berlin sei nicht die Republik und dass ich auf Flugplätzen aufgewachsen bin. „Sie lieben das Fliegen sehr, nicht wahr?“ „Eine Zeit lang wollte ich Maschinenbauer werden, dann Architekt, seit ich das erste Mal geflogen bin, kann ich mir keinen anderen Beruf mehr vorstellen. Ich bin der einzige aus der Kompanie, der offen zugibt, dass er zum Fliegen Soldat wird. Das hören die nicht gerne. Jeder Genosse soll auf dem Platz seinen Mann stehen, wo ihn die Partei hinstellt. Darum will ich eigentlich nicht in die Partei und Frank soll mich bekehren“. „Sie müssen ihren eigenen Weg gehen, das tun sie ja schon. Lassen sie sich nur nicht beirren und bleiben sie bitte, wie sie sind. Möchten sie noch ein Glas Wein?“ „Ja?“ Ich nicke ihr zu, dann hole ich die andere Flasche aus dem Kühlschrank. Ich öffne die Flasche und schenke nach. Wieder schweigen wir. „Möchten sie gerne Pilot bei der Interflug werden?“ fragt sie in die Stille hinein. „Ja, das würde ich so gerne. Ich werde nie ein richtiger Militär. In der Schule haben sie uns zu humanistisch denkenden Menschen erzogen, die in Frieden mit ihren Nachbarn leben und beim Segelfliegen lernte ich die Freiheit kennen. Humanismus und Freiheitsliebe, wenn die sich in einem festgesetzt haben, ist man eigentlich für den Offiziersberuf in dieser preußischen Armee verloren.“ „Und warum gehen sie dann nicht da weg?“ fragt sie. „Dann lassen die mich mein ganzes Leben nie wieder auch nur in die Nähe eines Flugzeugs, dann kann ich gleich auswandern“. Sie erwidert nichts. Nach einer Weile sage ich leise zu ihr: „Danke, dass sie mir zugehört haben und ich hier bei ihnen sein darf. Es tut gut. „Geht mir auch so“, sagt sie, „jetzt verstehe ich meinen Sohn viel besser. Er redet nicht so offen wie sie. Noch etwas Wein?“ „Nein danke, entschuldigen sie, ich bin hundemüde“. „Gut, ich zeige ihnen ihr Zimmer und das Bad“. Unter der Wirkung des süßen Weins schlafe ich sofort ein und erwache vom Duft frischen Kaffees. „Guten Morgen, hast du gut geschlafen?“ begrüßt mich Merlinger. „Meine Mutter ist ja total beeindruckt von dir. Was habt ihr nur geredet?“ „Über alles, worüber du eigentlich mit mir reden solltest, mein Bester“, antworte ich schlagfertig und will aus dem Bett springen, doch mein weinschwerer Kopf verlangsamt die Bewegung. Ich greife mir an die Stirn und ziehe Luft durch die Zähne. „Meine Mutter trinkt sonst nie etwas“, bemerkt Merlinger und deutet auf meinen Kopf. „Gestern schon. Ich bin in fünf Minuten bei euch“. Als ich die Küche betrete liest Merlinger die Zeitung, auf dem Tisch stehen frische Brötchen, Butter, Marmelade und ein Straus gelbe Rosen, die beiden Frauen bereiten Rührei zu, im Radio sagen sie gerade schönes Wetter an. „Guten Morgen, rufe ich vergnügt, ich habe gut geschlafen und es wird schönes Wetter“. „Guten morgen“, antworten die Damen gleichzeitig und lachen miteinander. „So, Frühstück ist fertig“, sagt Merlingers Mutter und zu ihrem Sohn: „wir könnten ja mal zum Mt. Klammott gehen, bei dem schönen Wetter, da kann Thomas ein Stück von Berlin sehen, wenn er schon mal da ist“. „Gute Idee“, entgegnet Merlinger, „zum Mittag können wir alle bei uns essen. Martina kocht Spaghetti mit Tomatensoße, nichts besonderes, aber mit Liebe gemacht“. „Einverstanden“, sage ich und wir frühstücken schweigend. Martina sieht gelöst aus und schaut mich neugierig an: „Marke“, so nennt sie Frank, „bringt nie Leute mit, du musst etwa besonderes sein, Thomas.“ Ich hohle tief Luft, verdrehe mit grinsendem Gesicht die Augen: „Das bin ich wohl“. Merlingers Mutter lacht laut los, ich stimme ein, die beiden wissen nicht, was sie davon halten sollen. „Wir hatten einen interessanten Abend, ihr auch?“, bringt sie lachend hervor. Die beiden schauen sich verdutzt an, lachen mit. Wir erklimmen den Mt. Klammott, jenen Berg aus Trümmern von der Bombardierung Berlins im Zweiten Weltkrieg. Der Blick für die geteilte Stadt weitet sich dort oben, die Luft erscheint weniger abgestanden als in den Straßen Berlins.

Von Angela Monika Arnold – Selbst fotografiert, CC BY-SA 2.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5499057

Martinas lange, blonde Haare umwehen ihren Kopf und sie versucht ständig, sie aus dem Gesicht zu bekommen, senkt schließlich ihren Kopf um im nächsten Moment mit einem Schwung nach hinten, ihre Mähne hinter den Kopf zu werfen. Merlinger erklärt ihr belustigt: „Das ist wie beim Fliegen, geht nur mit Gegenwind“. „Ja, ja, ihr Flieger“. „Müssen wir nicht los, sonst schaffen wir das mit dem Mittagessen nicht mehr?“, fragt Martina. „Wir gehen zu Mutter, holen Tommis Sachen und dann zu uns“, legt Frank fest. Martina und Merlinger bewohnen drei Zimmer eines umgebauten zweistöckigen alten Industriebaus in einem Hinterhof. Die Wohnung ist geradezu kuschelig eingerichtet, Fenster hinter Blicke abweisenden Baumwollvorhängen verborgen. Martina und Merlingers Mutter verschwinden in der, mit Gewürzregalen überquellenden, klitzekleinen, fensterlosen Küche und hantieren mit Töpfen und Geschirr. Merlinger fragt mich, welche Schallplatte ich hören möchte. Ich wähle Morning Has Broken von Cat Stevens aus. Vorsichtig wird die große, schwarze Scheibe auf den Plattenteller gehievt, der Tonarm über dem Anfang platziert, mit einem Hebel abgesenkt, das anlaufen kontrolliert und der Deckel geschlossen. Diese Tätigkeit hat etwas erhabenes, strahlt so etwas wie Hingabe zu dem filigranen Gerät und dem empfindlichen Vinyl aus und stimmt einen damit auf den anschließenden Hörgenuss ein. Die Damen bedeuten rufend aus der Küche, dass es ruhig etwas lauter sein könne. Merlinger dreht auf, es wohnt niemand sonst in diesem Gebäude. Wir essen gemeinsam, schwatzen, trinken Kaffee, schwatzen weiter bis wir zum Zug müssen. Ich halte Martina für weniger verrückt als die meisten Menschen in dieser Republik und begreife Merlingers geschicktes Spiel mit der Armee: seine Freundin ist seine Schwäche, darum werden sie ihn niemals als vollwertigen Offizier und Militärflieger sehen, sein Name wird auf der Interflugliste ganz oben stehen und die Geschichte kommt auch nie ans Tageslicht, weil sie nur in Merlingers und meinem Kopf existiert. Der, Major mit seinem Misstrauen zu mir, wird mich nie zu Merlinger befragen – Schach matt, ihr lieben, mit euren eigenen Waffen. Ich bewundere Merlinger und hasse ihn gleichzeitig für sein falsches Spiel, denkt er, dass ich ihn nicht durchschaue? Er denkt es. Der Zug rollt aus Berlin heraus, wir unterhalten uns über seine Mutter und die Schulzeit in Berlin. Wir sind müde, einander auch ein wenig überdrüssig und schlafen im gleichmäßigen Geratter des Zuges ein. Merlinger wird am nächsten Früh kurzzeitig beim Kompaniechef vorstellig und befriedigt dessen Neugier. Alle sind mit dem Ergebnis unserer Berlinreise zufrieden.

Geschichte(n), die niemand braucht (20)

Die letzten Monate in der zweiten Kompanie gehören dem Lernen. Die Kompanieoffiziere setzen sich bei der Schulleitung durch und halten jedwede Störung des Studienbetriebes von der Kompanie fern. Die Genossen waren im Feldlager und erhielten dort eine umfassende militärische Ausbildung, Alarm – ohne uns. Irgendwie waren wir uns nähergekommen, durch Braunkohle und Generalsekretär zusammengeschweißt, war das militärische Tamtam zu notwendigen Zeremonie herabgesunken. Man hatte Schweine zusammen gehütet, sich näher kennen gelernt als jeder von uns wirklich wollte. In der Kasernenatmosphäre baute sich diese Nähe nun wieder ab. Die Zugführer begannen wieder die üblichen Fragen zu stellen, ihre Berichte zu schreiben und ihre Spielchen zu spielen. So verpasste mir der Kompaniechef einen gemeinsamen Urlaub mit Merlinger, der eigentlich Frank Mannheim hieß, aber weil er seine Nase oft in Bücher von Robert Merle steckte, diesen Spitznamen erhielt. Wir fahren in unserer Ausgangsuniform mit dem Personenzug zweiter Klasse von Bautzen nach Dresden und steigen dann in den Schnellzug nach Berlin Schöneweide um. Ab Dresden haben wir Sitzplätze, sind alleine im Abteil und können reden. Ich möchte wissen, woran ich bin und beginne: „Du Frank, wir beide mögen uns doch nicht so sehr, dass du mich mit zu deiner Familie nach Berlin schleppen musst. Warum, in Gottes Namen tust du das?“ „Das ist eine lange Geschichte und sehr persönlich“, antwortet er. „Erstens haben wir Zeit und zweitens weist du ganz genau, dass ich keiner der beiden Fraktionen in der Kompanie angehöre, weder den Zuträgern noch den Dummschwätzern. Du bist schlauer als ich, aber ich spüre es, wenn mich jemand bescheißen will, also versuch es erst gar nicht. Vielleicht können wir ja etwas voneinander lernen. Du kannst doch auch mit keinem richtig reden“. Merlinger nickt, er will reden. Wir sitzen gegenüber, zwischen uns am Zugfenster, der Klapptisch, darauf zwei offene, kleine Flaschen Dresdner Pilsener. Wie zwei Menschen, die Geheimnisse zu besprechen haben, neigen wir unsere Körper aufeinander zu, stecken die Köpfe zusammen, wie man so schön sagt und Merlinger fängt an zu erzählen: „Du hast mitbekommen, dass ich vor drei Wochen eine Woche Sonderurlaub hatte?“ „Ja, für deine guten Leistungen, du warst total fertig, als du wiederkamst. Ich dachte neidisch: man, muss Marke eine tolle Braut haben. Darüber zu reden, ist ja unter deinem Niveau, darum hat dich keiner gefragt. Aber erzähl weiter“. „Ich musste meine Freundin in die Psychiatrie einliefern, sie ist vollkommen zusammengebrochen, als ich meinen Koffer gepackt habe. Du musst wissen, wir leben schon seit der zehnten Klasse zusammen, so richtig. Wir haben jeden Schritt gemeinsam getan, zwei Jahre lang. Nun kommt sie nicht mehr zurecht, ohne mich. Ich bin deswegen vor dem Sonderurlaub bei Major John gewesen und habe ihm die Sache erklärt. Er fragte, was ich zu tun gedenke und ich antwortete, dass mir Martina wichtiger sei als die Offiziersausbildung. Er ist krebsrot angelaufen und hat mich angefaucht: „Genosse Mannheim, warum denken sie, bin ich Kompaniechef an der Offiziershochschule und machen mir täglich den Stress, dass aus Leuten wie ihnen ordentliche Soldaten werden? Ich werde es ihnen sagen. Weil ich dafür einen großen Haufen Geld bekomme, jeden Monat und weil ich eine schöne Frau zu Hause habe, die ich mit dem Geld halten kann. Ihre Martina würde ihnen weglaufen, wenn sie jeden Monat mit siebenhundert Mark nach Hause kommen würden, denken sie nicht. Man, was gäbe ich darum in ihrer Haut zu stecken. Sie haben die beste Karriere vor sich, die dieses Land zu bieten hat. Aus ihrem Zug kommt die Mehrzahl zur Interflug, ich bin mir sicher, dass sie dabei sind. Werfen sie das nicht weg. Wenn sie dennoch nach Hause wollen, machen wir sie so fertig, dass sie ihre Martina nicht mehr anschaut. Überlegen sie gut, Genosse Mannheim. Ich gebe ihnen eine Woche, um ihre privaten Angelegenheiten zu ordnen, danach stehen sie mir hier Rede und Antwort. Holen sie sich heute Nachmittag ihren Urlaubsschein ab. Da sie der beste ihres Zuges sind und ich auf keinen Fall will, das dieser Fall als Beispiel für andere dient, gebe ich ihnen den Sonderurlaub als Auszeichnung und erwarte ihr Stillschweigen. Gehen sie jetzt.“ Merlinger steht auf, schiebt den Stuhl in seine Position am Konferenztisch des Dienstzimmers, setzt sein Käppi auf, peilt mit der Hand über die Nase, ob es gerade auf seinem Kopf sitzt, richtet das Koppelschloss und entfernt die Falten aus der darunter liegenden Uniformjacke, führt die rechte Hand zum soldatischen Gruß an die Schläfe und fragt vorschriftsmäßig vor dem Verlassen des Dienstzimmers: Genosse Major, gestatten sie, dass ich den Raum verlasse ? Sagte ich bereits, Genosse Offiziersschüler. Dann war ich eine Woche bei Martina, was alles nur noch schlimmer gemacht hat. Du wirst sie kennen lernen. Mach dir ein Bild. Ich liebe sie so wie sie ist. Als ich zurück war, hat mich Major John gleich zu sich gerufen. Wir haben vereinbart, dass ich jedes Wochenende nach Berlin fahre. Dann hat er mich über dich ausgefragt, warum du nicht Kandidat der Partei werden willst. Ich habe ihm gesagt, du würdest zu hohe Ansprüche an dich selbst stellen und dich nicht mehr trauen. Dann hat er mir im Gegenzug für seine Großzügigkeit aufgetragen, mich mit dir zu beschäftigen, dich auszufragen und nun erzähle ich dir das alles, weil ich dich für den ehrlichsten und geradlinigsten Menschen der ganzen Kompanie halte“. „Danke für die Blumen, sage ich, du willst mich doch nicht wirklich aushorchen, oder?“ „Nein, ich denke, hinsichtlich dieses Problems ist zwischen uns alles gesagt. Ich werde ihm sagen, dass du am neuen Standort, in Kamenz um Aufnahme als Kandidat bittest. Ist das in Ordnung so?“ „Ja, danke“, entgegne ich. „Was werden wir in Berlin tun?“ „Wir gehen in die Klinik und holen Martina raus, dann fahren wir zum Abendessen zu meiner Mutter, du übernachtest da, Martina und ich gehen in unsere Wohnung. Meine Mutter lebt alleine und freut sich schon auf deinen Besuch. Sie dürfte eine interessante Gesprächspartnerin für dich sein. Du liest ziemlich viel und sie ist Deutschlehrerin“. „Darum sprichst du als Berliner so sauber hochdeutsch“, witzele ich. „Ja“, antwortet er mit einem Seufzer. „Deine Mutter ist nicht einverstanden mit dem, was du tust?“, frage ich. „Eigentlich schon. Martina ist ihr sehr ähnlich. Meine Mutter kann aber nicht mit ihr zusammenleben, ihre Kraft reicht gerade für sie selbst“. „Verstehe“, sage ich, „ich werde dieses Thema vermeiden. Wird sie sich nicht fragen, warum du mich mitzerrst, schließlich sind wir ja nicht gerade die dicksten Freunde?“ „Sicherlich“, antwortet er, „aber sie wird es nicht aussprechen und wenn du nicht von selber damit anfängst, wird es kein Thema sein, also halte dich an die Literatur und ihr werdet einen netten Abend haben“. Wir steigen aus dem Zug, ich kaufe auf Anraten Merlingers eine Flasche Tokajer für den Literaturabend und einen Straus Blumen, wir holen Martina ab und fahren mit der S-Bahn nach Pankow zur Merlingers Mutter. Martina ist eine wirklich schöne Frau, hat Ähnlichkeit mit Romy Schneider. In ihrem rot gepunkteten, hellen Sommerkleid rutsch sie auf Merlingers Schoss hin und her, während sie ihn ununterbrochen küsst. Die Schirmmütze tief in seinen Nacken, halten seine Arme das zarte Wesen fest. Die Fahrgäste schauen dem Liebespaar schmunzelnd zu und tuscheln miteinander. Hand in Hand erklimmen die beiden vor mir die drei Etagen zu der Altbauwohnung von Merlingers Mutter.

Geschichte(n), die niemand braucht (19)

 

Es gab dann doch noch eine Woche Sonderurlaub, sofort anzutreten und für alle. Ich fuhr mit dem Zug nach Hause, packte das gelbe, polnische Bergzelt und meine Reistasche auf die Seitengepäckträger meines Motorrades und fuhr in Richtung Prag. Uwes Erzählungen über die Tschechoslowakische Hauptstadt hatten mich neugierig gemacht. Es sollte mitten in der Stadt einen Campingplatz am Ufer der Moldau geben, den ich dann tatsächlich auch auf Anhieb fand. Kaum hatte ich mein Zelt errichtet, die paar Heringe notdürftig im steinharten Zeltplatzboden mittels eines Schraubenschlüssels aus dem Motorradwerkzeug versenkt und meine Sachen lieblos durch die Zeltöffnung ins Innere geworfen, da höre ich vertraute Stimmen: Olsen und Ralle aus meinem Zug mit einer jungen Dame. „Was macht ihr denn hier?“ rufe ich ihnen überrascht entgegen. „Die Welt ist ein Dorf“, meint Ralf. Und Olsen: „Bist du alleine hier?“ Ich nicke. „Das hätte ich nicht von Dir gedacht“. „Warum nicht?“, frage ich erstaunt zurück. „Ich dachte, du interessiert dich nur für Segelflug.“ „Willst du mich nicht vorstellen?“ fragt die junge Dame dazwischen und legt Olsen ihren Arm auf die Schulter. „Wenns sein muss“, knurrt der, mehr zu mir, als zu ihr. „Das ist Tommy, schläft über mir im Doppelstockbett“, wendet sich zu mir und zeigt auf seine Schwester: „Mein Schwesterherz.“ „Heike“, ergänzt sie und reicht mir ihre Hand. „Zum Glück sieht du ihm überhaupt nicht ähnlich“, scherze ich und Ohlsen boxt mir in den Bauch, ich spiele einen Zusammenbruch, sie schreit ihn an und ich komme lachend hoch: „keine Angst, haben wir bis gestern noch geübt“. „Ihr Volltrottel!“, schreit sie uns an und geht. Ich schauen sehnsüchtig dem sanft wiegenden Bewegung ihres wohlproportionierten Hinterteils nach, als Olsen mich erneut in den Bauch boxt: „Finger weg!“, dröhnt es in mein Ohr. Hungrig und durstig von der Fahrt, erkundige ich mich nach den Örtlichkeiten. Ralle zeigt auf ein Haus und erklärt: „Ab Sechs ist das Klo auf, wenn du bis halb acht nicht warst, stehst du eine halbe Stunde an und hast kein warmes Wasser mehr beim Duschen, außerdem sind die Hörnchen beim Frühstück alle. Abendbrot gibt’s bis zwanzig Uhr, danach nur noch Bier aus Pappbechern, Erdnüsse und Gurken aus dem Glas. Wir leben schon einen Tag so, man gewöhnt sich dran und muss davon garantiert spätestens um sechs aufs Klo. Also nimm Geld mit und folge uns“. Wir stehen den ganzen Abend am Tresen der viel zu engen Kneipe, trinken Bier und Slibowitz, essen Nüsse und Gurken und lassen die Atmosphäre auf uns wirken: Lautes Stimmengewirr in fremden Sprachen, unbekannte Gerüche und Polka aus dem Radio. Heike tastete sich ganz allmählich an Olsen vorbei bis sie neben mir am Tresen steht. „Gehst Du morgen mit uns?“ fragt sie mich. „Wenn es dir Freude macht“, antworte ich höflich. Sie grinst mich an: „Hast wohl Angst vor meinem Bruder?“ „Nein“, entgegne ich, „wir sind etwa gleich stark“. Sie lacht so herzlich, das es ansteckend ist. Es ist unsere erste Gemeinsamkeit, und führt dazu, dass wir uns mit abebbendem Lachen in die Augen schauen: da ist mehr als nur Neugier. Olsen bemerkt es und bricht den Abend sofort ab: „Lasst uns ins Zelt gehen, es ist Zeit. Nacht Tommy“. Er packt Heike bei der Hand und zerrt sie aus der Kneipe, sie zwinkert mir zu und winkt mit der anderen Hand. Ralle grinst: „Er schläft zwischen uns…, Nacht“. „Nacht Ralle“, rufe ich ihm hinterher, zahle und schlendere, nach den Lichtern auf der anderen Moldauseite und den Sternen schauend, zu meinem Zelt.

Prag ist wunderschön. Und Heike interessiert sich zunehmend für mich. Irgendwann trennen wir uns von Olsen und Ralle um eigene Wege zu gehen. Wir brauchen eigentlich nur einen großen Bogen um jeden Biergarten zu machen und schon sind wir vor ihnen sicher. Heike hat gerade ihr Abi geschafft und beginnt in ein paar Tagen Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Wir halten einander an den Händen, tollen herum bis es dunkel wird und fahren mit der letzten Bahn zurück. Olsen und Ralle stehen in der Kneipe, das übliche. Olsen sagt nichts, sein Gesicht spricht Bände, wenn Blicke töten könnten, ich trinke ein Bier, verabschiede mich, gehe zum Zelt. Heike liegt schon unter meinem Schlafsack: „Ich kann leider nicht richtig, wir kuscheln ein wenig“, verkündet sie und während ich mich entkleide, streift sie ihr Shirt ab. Das fahle Licht der Quecksilberdampflampe fünf Meter über uns nimmt durch die gelbe Nylonwand meines Zeltes eine freundliche helle Farbe an. Ich streich über die zarte Haut ihres Gesichtes, sie küsst mich. „Glaube ja nicht, dass ich mit jedem gleich ins Bett gehe, flüstert sie mir ins Ohr“. „Das hier ist kein Bett“, witzele ich. „Du blöder Kerl, ich glaube, ich habe mich in dich verliebt“. „Du glaubst es? Oder ist es die Gelegenheit“, hauche ich flüsternd in ihr Ohr, während sich meine Hände über ihre Brust hermachen. „Du nutzt doch diese Gelegenheit“, höre ich aus dem leisen Seufzen an meinem Ohr heraus. Wir hören Stimmen, halten inne. Heike legt meine Hand wieder auf ihre Brust und küsst mich: „Ich bleibe heute Nacht bei dir, ist mir egal, was mein Bruder denkt“. Ich schiebe meine Zunge über ihren feuchten Körper, während sie verzückte Geräusche machend, mit ihren Händen mein Glied zwischen ihre Oberschenkel drückt und damit an ihrem Slip reibt. Ich ziehe die Luft zwischen meinen Zähnen durch vor Erregung und flüstere: „Das geht schief, wenn du da weiter reibst mache ich dich gleich nass“. „Na und“, haucht sie und drückt mich ganz fest an sich.

„Du musst mich unbedingt besuchen, in Berlin“, sagt sie nach einer Weile. „Wir haben doch noch vier Tage. Und Nächte“, flüstere ich und wandere mit meinen Fingern über ihre zarte Haut. Olsen nimmt es murrend hin, dass seine Schwester ausgerechnet mich unter Millionen von verfügbaren Männern ausgesucht hat und pflegt nach unserer Rückkehr eine Art familiären Umgang mit mir. Wir treiben zusammen Sport, er schließt sich meiner Lernpatenschaft zu Uwe an und wir gehen gemeinsam aus. Olsen hat zusammen mit Hardy, dem dritten Bewohner unseres Zimmers, Schiffbauer gelernt. In Kamenz absolvierten sie gemeinsam das uniformierte Abitur. Einerseits erachtete ich es damals als verschwendete Zeit, einen artfremde Beruf zu erlernen, wenn die Fliegerärzte das o.k. zur Luftfahrerkarriere gegeben haben, andererseits bewunderte ich an diesen Leuten ihre Gelassenheit. Sie haben einen Beruf gelernt und gearbeitet, richtiges eigenes Geld verdient und leben mit dem beruhigenden Gefühl, falls alles schief geht, dorthin zurückkehren zu können, zu den alten Kollegen, in ein bekanntes Umfeld. Würde ich gehen, stünde ich vor dem Nichts: Studiensperre für Jahre und ohne Beruf, Erfolgsdruck. Olsen bekommt mit, dass Briefverkehr mit zwei Heiken habe und stellt mich zur Rede: Die Beziehung zu meiner alten Freundin Heike ist rein platonisch. Er glaubt mir nicht und verlangt einen Abschiedsbrief, wenn ich mit ihm nach Berlin will. Ich schreibe einen, in dem nichts von Abschied steht, aber die rechte Adresse und werfe ihn unter Olsens Aufsicht in den Kasten. Dann darf ich nach Berlin. Olsens Familie wohnt in der 12 Etage eines Edelplattenbaus mitten in Berlin: großzügiger Wohnungsschnitt, 5 Zimmer, Fahrstuhl, Fernheizung, Müllschacht. Beide Eltern haben gut bezahlte Posten im Landwirtschaftsministerium. Olsen hat noch einen jüngeren Bruder und Heike ein eigenes Zimmer. Dort darf ich meine Sachen abstellen. Heike und ich gehen aus, um Zeit für uns zu haben. Berlin ist nicht Prag. Wir spüren beide, dass sich die Urlaubsliebe schwer in den Alltag umsetzen lässt, verdrängen das Gefühl, versuchen ausgelassen zu sein. Der Abend endet mit Berliner Pilsener, mit einer beleidigten Heike, die lange vor mir in ihr Bett steigt, während ich meinen Rausch auf dem Gästebett ausschlafe: die Brüder haben ihr Schwesterlein optimal vor mir, dem bösen Waldschrat geschützt. Olsen weckt mich mit guter Laune, der Tag wird nicht zu meinen Besten gehören und Heike verabschiedet mich ohne Kuss zum Zug nach Bautzen. Da Olsen keine Briefe seiner Schwester mehr bei mir vorfindet, stellt er seine familiären Beziehungen zu mir alsbald ein. Ich schreibe wieder an meine platonische Beziehung.

Geschichte(n), die niemand braucht (18)

 

Unser kleiner 15 Personen Zug kämpft sich wacker durch die Theorieausbildung, bis diese im Sommer erneut für sechs Wochen unterbrochen wird. Die Jagdflieger in unserem Hause drehen bereits ihre Runden auf dem Strahltrainer L 39, als der Befehl kommt, 60 OS des ersten Studienjahres in Marsch zu setzen um bei dem geplanten Truppenbesuch von Erich Honecker Fliegertrainingssport vorzuführen. Da alle anderen unabkömmlich sind, trifft es wieder unser Kompanie. Der Hauptfeldwebel führt einen Appell zur Überprüfung von Bekleidung und Ausrüstung durch, wir bekommen Gelegenheit, fehlende persönliche Gegenstände bei der Militärischen Handelsorganisation nachzukaufen, alles in eigens ausgegebene Seesäcke zu verstauen und auf die vorgefahrenen Lkws zu verladen. Aus Teilen des fliegertechnischen Bataillons wird in aller Eile eine Einheit formiert, die eine Zeltstadt errichten und das Leben darin sicherstellen soll. Die Genossen haben einen Tag Vorsprung. Der Sport-Oberst der Schule, Vorgesetzter aller Sportoffiziere, nutzt diesen Tag für eine gründliche Einweisung. Wir rücken im Trainingsanzug in die Sporthalle ein und nehmen auf dem schweißgetränkten, nach Bohnerwachs stinkenden Parkettboden der Halle Platz. Der Obert ist ein hoch aufgeschossener, sportlicher Endfünfziger in gut sitzender Uniform der Luftstreitkräfte. Er spricht langsam und klar mit väterlichem Tonfall und thüringer Akzent. „Genossen Offiziersschüler, wir haben die Ehre, in sechs Wochen vor dem Generalsekretär eine Vorführung unseres Fliegertrainingssportes zu machen“, verkündet er mit väterlicher Stimme. Eine, an der mit Holz verkleideten und graugrün lackierten Hallenwand befestigte Karte zeigt das Geländes des Flugplatzes Preschen. Aus Vorlesungen über die eigenen Streitkräfte wissen wir, dass sich Preschen etwa 25 Kilometer südlich der Stadt Forst in der Lausitz, mitten im Wald befindet. „Genossen, die Karte zeigt das Gelände des Flugplatzes Preschen. Hier an der Ringrollbahn wird die gesamte Flugtechnik der Luftstreitkräfte vorgeführt und an dieser Stelle, er deutet mit seinem verchromten Teleskopzeigestock, in russischer Bauform als Kugelschreiber erhältlich und Zeichen dafür, dass man eine russische Militärakademie besucht hat, auf einem Punk südlich der Ringrollbahn, „stehen unsere Fliegertrainingsgeräte“. Sein Zeigestock bewegt sich entlang der Rollbahn, biegt in einen schmalen Betonweg Richtung Süden ab, welcher mitten im Wald endet. „Hier Genossen, wird in diesen Stunden unser Zeltlager errichtet“. Er tritt an die Nächste Karte heran und deutet kurz auf die Symbole: „Unterkunft in Mannschaftszelten, Donnerbalken fürs große Geschäft, Waschplatz, keine Angst Genossen, wir fahren alle zwei Tage in ein Freibad zum Schwimmunterricht. Weiter: hier, unsere Feldküche, Fernsehzelt, Kinoleinwand, ich lasse die besten Kinofilme ranschaffen, die wir kriegen können. Genossen, es wird nicht einfach“. Der Oberst geht zur nächsten Karte: „Hier sehen sie den Aufbau der Fliegertrainingsgeräte“, deutet auf die Symbole, „Triplex, Rhönrad, Barren, Trampolin, die Bodenmatten. Hier ist unsere Ausgangsstellung, wenn der Generalsekretär eintrifft, laufen wir auf diesem Wege zur Musik ein und ich mache persönlich Meldung an Genossen Honecker. Dann teilen wir uns auf mein Kommando zu den Geräten. Während Sie selbständig üben, erläutere ich dem Generalsekretär die Übungen. Die Übungen dauern so lange an, wie es die Zeit des Genossen Honecker erlaubt. Auf sein Zeichen und mein Kommando treten wir sofort in Reihe und Glied an zur Verabschiedung: Genosse Erich Honecker, er lebe hoch, hoch, hoch. Da ist alles, Genossen Offiziersschüler. Für heute habe ich erste Übungen für den Einmarsch und etwas Bodenturnen Vorgesehen. Die Genossen Zughelfer zu mir!“. Drei Offiziersschüler bauen sich vor ihm auf, melden sich: „Genosse Oberst, Offiziersschüler Früh, Zughelfer zweite Kompanie, erster Zug!“. „Danke Genossen! Offizierschüler Früh bleibt hier, er wird das Kommando führen, die anderen zurück ins Glied!“, entscheidet er nach dem Äußeren der drei Genossen vor ihm. Wir formieren die Kompanie jetzt neu in Dreierreihe, exakt der Größe nach. „Am Training nehmen alle Genossen Teil, zur Vorführung nur die besten 50. Der Rest bleibt als Reserve im Feldlager. Also strengen Sie sich an, damit sie dabei sein können“. Der Oberst hat eine persönliche Ordonanz, den Gefreiten Schmidt, welcher den grünen Dienstwagen, Marke Lada 1500 fährt und alles dienstbeflissen erledigt, was ihm befohlen wird. Auf ein Handzeichen fährt er nun das Band im speziell für die Streitkräfte vom VEB Stern Radio Berlin gebauten Radio-Kassettenrecorder ab. Dem Lautsprecher entströmt ein Musikstück, welches geeignet scheint, gezähmte Vierbeiner in einer Reithalle auflaufen zu lassen. Während wir zunächst nur mit Mühe unser Lachen zurückhalten können, begreifen wir ein paar Takte später, dass dem Oberst damit verdammt Ernst ist und wir wohl oder übel zu dieser Musik herumhopsen müssen. Selbst den hart gesottenen unter uns geht in diesem Augenblick die proletarische Gelassenheit verloren: wir lernen, wie die Tanzpferde einzulaufen und so mancher versteht den Sinn des Begriffes: einen Einlauf machen, völlig neu. Nach stundenlangen choreografischen Übungen endet, zum Glück, auch dieser Tag. Am nächsten Morgen verlegen wir in unser Feldlager nach Preschen. Entlang des betonierten Weges, welchen wir schon von der Karte in der Turnhalle kennen, stehen die grünen Stoffzelte mit quadratischem Grundriss und spitzem Dach, wie sie in der ganzen Republik von Ferienlagern, dem Roten Kreuz, der Zivilverteidigung bis zur Armee verwendet werden. Im Zeltinneren befinden sich, auf einem Lattenrostboden,  normale Doppelstockbetten aus Eisen mit Matratzen und Armeeschränke. Wir verstauen unsere Sachen in den Schränken und legen die Schlafsäcke auf die Betten, besichtigen die offene Latrine für 10 Personen und die Waschrinne mit 20 Wasserhähnen im Wald. Auf dem Weg hantieren drei Soldaten an zwei Feldküchen, die mit einer Kuppel aus Tarnmaterial überspannt sind. An einer der Feldküchen finde ich drei Hähne mit, an kleinen Ketten hängenden Schildern: Trinkwasser, Tee, Kaffee. Die Trillerpfeife von OS Früh reißt uns aus der Entdeckungsreise: „Genossen Offiziersschüler, Zugweise antreten!“ Alles rennt durcheinander um ein paar Augenblicke später in Reih und Glied auf dem Beton zwischen den Zelten zum Stillstand zu kommen. Major John und seine Zugführer treten aus dem Offizierszelt hervor, OS Früh erstattet Meldung: „Genosse Major, Zweite Kompanie, wie befohlen angetreten, OS Früh!“ Major John schreitet die Front seiner angetretenen OS ab, die Augen folgen seinem Kopf. Zurück bei seinen Offizieren, beginnt er seine Ansprache: „Genossen, in 30 Minuten ist Zeltdurchgang durch die Zugführer, bis dahin sind alle Mängel abgestellt. Wenn ihre Zelte abgenommen sind, dürfen sie zum Essen fassen mit Kochgeschirr. Ab morgen gibt es richtiges Geschirr und zwei Essenszelte. Frühstück und Abendbrot werden in Beuteln angeboten. Warme Getränke, er zeigt auf die Feldküche, gibt es jederzeit dort, Brause, Cola und Zigaretten verkauft der Hautfeld in seinem Zelt, der hat auch das Klopapier, für Wehwehchen steht der Sankra bereit. Heute Abend läuft im Kino, er deutet auf die Leinwand am Ende des Zeltlager, 20000 Meilen unter dem Meer von Jules Verne. Fragen ? Ja, Genosse OS“. „Genosse Major, OS Heintz, Wo dürfen wir die Handtücher zum Trocknen aufhängen?“ „Hauptfeld?“ fragt der Major und schaut fragend in das aufgedunsene Gesicht seines besten Trinkers. „Die OS können die Handtücher erst mal über die Fußenden der Betten hängen. Morgen lasse ich eine Wäscheleine spannen und mit einer Plane überdachen, hoffentlich hat jeder Genosse, wie befohlen seine Initialen in Unterwäsche und Handtücher gestickt.“ „Da ist noch eine Frage, ja OS Sprengl ? Genosse Major, dürfen wir hier Post bekommen? Wenn ja, wie ist die Feldpostnummer und kommen auch Wäschepakete hier an?“ „Hauptfeld?“ „Ja, wir fahren alle zwei Tage baden, da kann geduscht werden, auf dem Weg halten wir bei der Post, wegen der Wäschepakete. Briefe und Pakete kommen unter der Feldpostnummer 77814 hier an und werden durch mich, wie gehabt, kontrolliert. Übrigens, auch hier herrscht Alkoholverbot Genossen Offiziersschüler“. Überrascht von der gedanklichen Klarheit schaut der Major seinen Untergebenen einen kurzen Moment schweigend an: „Danke Hauptfeld. Ich denke, es sind genug Fragen für heute. Leben wir uns erst mal ein. OS Früh, lassen sie wegtreten!“ „Jawohl, Genosse Major!“, brüllt der los, „Kompanie Achtung! Wegtreten!“ Wir knallen die Hacken unserer Stiefel zusammen, drehen uns geschickt nach links um 180 Grad, machen jeder einen großen Schritt und gehen unserer Wege. Der Hauptfeld hat zwar den Genossen Alkohol zum besten Freund, beweist jedoch in den wirklich wichtigen Dingen des Lebens in der Kompanie ein sicheres Händchen: an der Feldküche stehen ein drei Sterne Koch aus einem Interhotel und zwei Bausoldaten, so nennt man in der NVA Grundwehrdienstleistende, welche den Dienst an der Waffe verweigern. Sie tragen symbolisierte Spaten auf Kragenspiegeln und Schulterstücken und verrichten normalerweise körperlich schwere Arbeiten. Nun gehen sie einem Zauberer auf der Gulaschkanone zur Hand. Schon nach wenigen Tagen gehören sie einfach zu uns, fahren mit zum Baden und bekommen, im Gegensatz zu uns, sogar Ausgang. Jeden Morgen nach dem Frühstück fahren wir mit unserem W 50 zu dem Ort unserer späteren Vorführung. Der unebene Lausitzsand wurde durch eine Raupe begradigt, geharkt und mit dicken Filzmatten belegt, die jeden Abend abgekehrt werden. Darauf stehen, mit Erdankern befestigt, die Trainingsgeräte, der große Trampolin ist in den Boden eingelassen. Zuerst wird, quasi als Erwärmung immer der Einmarsch geübt. Statt wie die Gladiatoren vor Kraft strotzend, mit festem Blick, jeden Feind des Sozialismus abschreckend, werfen wir, im Takt der Pferdemusik, unsere Knie fast bis in Brusthöhe. Dabei dürfen wir nur winzige Entfernungen bei jedem Schritt zurücklegen, damit das Gesamtbild für den Generalsekretär längere Zeit erhalten bleibt. „Lächeln, Genossen, lächeln, wir sind doch kein trauriger Haufen“, krächzt die Stimme des Oberst aus einem Megafon. Immer wieder zählt er mit dem Finger Reihe und Glied ab und macht sich Notizen. Ich spüre seinen Finger auf meinem Körper und ziehe meine Knie höher, zu spät, ich bin notiert. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich´s dann recht ungeniert. So kommt es denn auch: zusammen mit sieben anderen OS aussortiert, kümmern wir uns fortan täglich um den Zustand der Anlage. OS Früh mutiert zum Liebling des Oberst. Seine Stimme entspricht, mit ihrem lauten, donnernden Bass, genau dem Idealbild der Militärs. Sein hoch gewachsener, massiger Körper wird gekrönt von einem kantigen Kopf mit strengen Gesichtszügen und kurzem, blondem Igelschnitt. Ab der ersten Trainingsminute färbt sich sein Gesicht rot und symbolisiert Kraftanstrengung und Aufopferung. Leider muss der Oberst feststellen, dass sich unter Frühs Sportkleidung nicht nur Muskeln verbergen, denn er schafft einfach den Oberarmstand auf dem Barren nicht. Aber gerade da soll er später auftreten und nach seiner Übung vom Oberst aus dem Trainingskreis herausgenommen und zum Gespräch mit dem Generalsekretär geführt werden. Dieser Teil der Aufführung wird täglich mehrfach mit Major John in der Rolle als Erich Honecker trainiert. Text OS Früh: „Genosse Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates, zweite Kompanie beim Fliegertrainingssport, Offiziersschüler Früh!“ „Danke, Genosse“, lautet die vermutete Antwort Honeckers aus dem Munde des Majors. Mit den Worten: „Genosse Früh, kommen sie mal“, nimmt ihn der Oberst bei Seite und fährt fort: „So geht das nicht. Sie müssen besser werden. Trainieren sie in jeder freien Minute. Nehmen sie sich zwei OS mit, Sprengl, der ist Turner und den Matzkus, der hat Kraft. Üben sie am Barren, der Generalsekretär wird fünf Meter neben ihnen stehen. „Zu Befehl, Genosse Oberst“, donnert Früh. „Gut, mit ihrem Befehlston bin ich sehr zu frieden, nehmen sie sich den Fahrer und den Kübel der Kompanie für ihre Trainings, ich regle das sofort mit ihrem Kompaniechef, weitermachen“. „Zu …“, „Schon gut, Genosse Früh“, fällt ihm der Oberst ins Wort. Er lässt sich von der Ordonanz das Megafon reichen und sagt mit väterlich, versöhnlicher Stimme hinein: „Genossen Offiziersschüler, heute nach dem Baden genehmige ich eine Flasche Bier für jeden“. „Hurra, hurra, hurra!“ schreien wir unwillkürlich. Das Training und unsere Verschönerungsaktionen gehen weiter. Pünktlich zum Mittagessen liegen Post und Zeitungen in den Zelten bereit. Nach 60 Minuten Pause, sind 45 Minuten politisches Gespräch befohlen. Dazu sitzt der dritte Zug mit Oberleutnant Walter im Moos unter dem duftenden Dach des Kiefernwaldes. Jeden Tag führt ein anderer OS eine Zeitungsshow durch, indem er die Überschriften aus der Jungen Welt, dem Verbandsorgan der Freien Deutschen Jugend verliest und mit ein paar eigenen Worten diskutiert. Danach sprechen wir über unsere kleinen Problemchen im Lager. Ich erlaube mir folgende Frage: „Genosse Oberleutnant, existiert schon ein Plan, wie wir den versäumten Unterricht nachholen?“ „Ja, Mathematik ist gestrichen, Meteorologie wird verkürzt durchgezogen, GEWI wird es am Standort Bautzen, zu Gunsten der spezial-fachlichen Ausbildung, nicht mehr geben, dafür bekommen sie den wissenschaftlichen Kommunismus in Kamenz“. Mit etwas Erstaunen, als habe er die Frage erwartet, vernehmen wir die Antwort unseres Oberlolli, so sein Spitzname. Mit Bemerkungen wie: Das wird ein Stress, oder: dann setzen sie uns den großen Trichter an, machen wir uns Luft. Damit gar nicht erst über Sinn und Zweck dessen, was wir gerade hier tun, diskutiert wird, sagt Oberlolli abschließend: „Kommt Zeit, kommt Rat, Genossen, erst müssen wir unsere Aufgabe hier erfüllen“.

Der Oberst ist sich seiner Wahl der Teilnehmer an der Vorführung betreffend sicher und wir die Aussortierten sind nun nicht mehr ständig bei den Trainings anwesend. Wir halten das Zeltlager in Ordnung, unterstützen Koch oder Hauptfeld oder haben jede Menge Freizeit. Ich beobachte einen Flugdienst der hier stationierten Jagdflieger. Geflogen wird mit dem Typ Mikojan MIG 21. Die Piloten nennen dieses Flugzeug Friedenstaube, denn man kann mit ihr nicht wirklich kämpfen. Der Deltaflügler fällt durch seinen Rumpf in Form eines Rohres, aus dem vorne ein Kegel herauslugt, auf. Unter den dünnen, scharfkantigen Flügeln hängt je eine Luft-Luft Rakete, an den Flügelenden je eine weitere. Bei paarweisem Abschuss können zwei Ziele bekämpft werden, dann ist das Flugzeug unbewaffnet und muss fliehen. Dafür hat der Flieger ein Funkmessvisier und fliegt sehr schnell und ist allwettertauglich. Das Geschwader möchte zu Ehren des Generalsekretärs den Start von einer kurzen Graspiste demonstrieren. Ein entsprechende Stück ist mit roten Fähnchen abgesteckt. Da die 21 normalerweise schon die Hälfte der 3000 Meter Piste für den Startlauf benötigt und Gras mit viel geringeren Bodendruck als Beton das Abheben eher noch verzögern würde, werden die MIGs mit Starthilfsraketen bestückt. Paarweise am hinteren, unteren Rumpf befestigt, erzeugen die Feststoffbrennsätze laut pfauchende Flammen nach hinten unten und schieben den Flieger zusammen mit dem Nachbrenner des Haupttriebwerkes sehr rasch in die entgegen gesetzte Richtung. Nach dem Brennschluss fallen die Raketen zu Boden und die MIG zieht steil in den Himmel. Mit ihren vier Waffen und wenig Kraftstoff ist sie nun leichter als der Schub des Triebwerkes, wird also selbst senkrecht nach oben schneller. Luftüberlegenheitsjäger nannten die Strategen des reinen Luftkrieges so etwas mal. Die MIGs sollten feindliche Bomber mittels Funkmessvisier aus großer Entfernung mit ihren weitreichenden, sich selbst ihr Ziel suchenden Raketen angreifen und vernichten. Doch die Zeit blieb nicht stehen: die Bomber werfen heute weit vor dem gegnerischen Luftraum Flügelbomben ab, die dann mit eigenem Antrieb in extrem geringen Höhen navigieren, das Bodenradar der Luftverteidigung des Feindes unterfliegen um unerwartet und präzise im Ziel einschlagen. Die Friedenstaube ist Nostalgie, absolute Verschwendung von Volkseigentum. Hätte ich das zu diesem Zeitpunkt geäußert, wäre ich wegen Wehrkraftzersetzung weggeschlossen worden. Eine Woche vor Erich treffen weitere Exponate zum Vorführen ein: alle in den LSK verwendeten Flugzeuge und Hubschrauber mit ihren Besatzungen. Für uns Nichtsportler die Gelegenheit alles ausgiebig zu besichtigen. Da stehen die Verbindungsflugzeuge Z 43, das Bienchen, die AN 2, die L 410, der Transporter AN 26, die Hubschrauber Mi 2, Mi 8 nebst ihrer Seevariante mit Schwimmern, die Mi 24 verschiedene Versionen der MIG 21, die MIG 23 als Jagdbomber und als Jäger. Wir schleichen in unserer Felddienstuniform unsicher zwischen den Geräten hin und her und versuchen die Piloten in Gespräche zu verwickeln. Die wollen aber einfach nur verschwinden, weg aus der Hitze, die Waffe abgeben um vielleicht noch eins der besseren Zimmer abbekommen. Wer konnte ahnen, das es unser letzter Spaziergang zu den Flugzeugen war, denn langsam beginnen mehr und mehr höhere Tiere anzureisen um mit am Rad zu drehen. Vier Tage vorher wurde der gesamte Ablauf der Truppenbesuches das erste Mal in Echtzeit geprobt. Erich wurde durch den hiesigen Geschwaderkommandeur vertreten. Dann folgte ein Tag für die Beseitigung der aufgetretenen Mängel bzw. Training. Zwei Tage vorher schwebte eine L410 mit dem Chef LSK/LV ein, erneuter Gesamtdurchlauf, Abflug. Und einen Tag vor Erich schwebten die L410 und die Salon Mi 8 des Ministers für nationale Verteidigung ein: Generalprobe im wahrsten Sinne des Wortes. Während der letzten drei Tage haben, im Gegensatz zu uns, die Sportler überhaupt nicht mehr gebadet. Sogar der Oberst wohnt jetzt im Feldlager. Er hält alle beisammen und bei Laune, denn die Jungs fahren nach dem Frühstück zum Stellplatz und kommen erst zum Abendbrot wieder. Acht Stunden in brütender Hitze für 30 Minuten Vorführung. Mieze und ich schleichen am Erich-Tag die zwei Kilometer bis zur Vorführung durch den Wald und tarnen uns mit Schmutz im Gesicht und Grasbüscheln auf dem Kopf in Sichtweite des kleinen Sportparkes. Es dauert nicht lange, da werden wir von den Fallschirmjägern des Ministers aufgestöbert. „Was macht ihr denn hier?“ „Wir wollten zuschauen.“ „In 2000 Meter Entfernung vom Generalsekretär hat keiner ohne Einladung zu sein, also verpisst euch.“ „Schon gut, wir gehen ja“. Wir rennen wie die Hasen zurück ins Feldlager und sehen uns mit den anderen die Übertragung im Fernsehen an. Als die Sportler kommen, lässt der Kompaniechef antreten und OS Früh erhält die höchste militärische Auszeichnung, die ein OS bekommen kann, alle anderen einen Blick zur untergehenden Sonne. Der Oberkommandierende hat sich ein Bild von der Truppe gemacht und alle dürfen ins normale Leben zurückkehren.

Geschichte(n), die niemand braucht (17)

 

Unsere Offiziershochschule hat sich nach dem Braunkohleeinsatz verändert. Der Glaube an die Unfehlbarkeit des sozialistischen Systems war erschüttert. Die Zahl der Entlassungsgesuche stieg an und ein riesiger Skandal erblickte das Licht der Sonne. Einer der Zugführer der 2. Jagdfliegerkompanie betrieb einen Handel mit pornografischen Bildmaterial. Er hatte die Friseusen überzeugt, sich zusammen mit seinen schönsten Offiziersschülern in entsprechenden Positionen ablichten zu lassen. Die Fotos wurden in aller Stille im Labor der Schule entwickelt und über dunkle Kanäle vertrieben. Neben finanziellen Aspekten mögen die anschließenden Orgien Beweggründe für alle Beteiligten gewesen sein. Als es aufflog, löste man innerhalb einer Woche die gesamte Kompanie auf. Der betreffende Kompanieoffizier verschwand in einem Militärgefängnis, einige Offiziersschüler wurden entlassen und der Rest mit der ersten Kompanie vermischt. Als wenig später die GST Bedarf an Fluglehrern anmeldete, verschwanden alle aus der ehemaligen Zweiten dorthin. Die Schule hatte ihren Körper gereinigt.

Die durch die Braunkohle verloren gegangene Studienzeit, zwei Monate, galt es aufzuholen. Der Lehrstoff wurde in noch kürzerer Zeit durchgezogen. Da etwa die Hälfte der Genossen unseres Zuges nach ihrer Berufsausbildung innerhalb eines Jahres eine Art Notabitur abgelegt hatte, bestanden Unterschiede in der Aufnahmefähigkeit des Lehrstoffes. Besseren Schülern wurde befohlen, sich um schlechtere zu kümmern. Mit meinen sehr guten Leistungen in Aerodynamik und Sprachen war ich für Uwe verantwortlich. Als Diplomatensohn wuchs er in DDR-Botschaften dieser Welt auf, besuchte an den größeren die entsprechenden Schulen oder lernte mit seiner Mutter. In Berlin haben sie ihm dann den Abschluss der zehnten Klasse hinterher geschmissen. Uwe hatte seinem Vater eines Tages verkündet, er wolle Linienpilot werden und Vater organisierte das. Er hätte schon das Notabitur in Kamenz nicht geschafft, wenn er nicht die Tochter einer seiner Lehrerinnen geschwängert hätte. Jedenfalls habe ich ihn jetzt am Hals. Kraft seiner Wassersuppe dient er auch noch als Zughelfer, ist also, nach dem Gruppenführer, mein direkter Vorgesetzter. Er ist nicht dumm, spricht sogar Chinesisch, hat aber niemals das Lernen gelernt. Für Aerodynamik, Russisch und Englisch pauken wir jeden Abend. Ich mag seinen Charakter nicht, höre aber in den Zigarettenpausen, von denen Uwe viele braucht, gerne seine Storys. Mit den Augen eines Heranwachsenden hat er fremde Kulturen aufgenommen. Dadurch steht er etwas über den alltäglichen Dingen, die mich jeden Tag aufs neue fertig machen. Für ihn ist das alles hier ein notwendiges Übel, denn er weis, sein Platz in einem Passagierflugzeug der Interflug wird schon angewärmt. Bei uns anderen ist die Chance fünfzig/fünfzig. Aber Uwe tut auch etwas für mich: wir trainieren jeden Abend eine halbe Stunde Saltos auf dem Trampolin und Koordination im Triplex, eine Art ortsfester Rhönrad mit Bewegungsmöglichkeiten um alle drei Achsen. Unserer beider Leistungen werden besser und wir werden als vorbildliche Lernpatenschaft ausgezeichnet mit 3 Tagen Sonderurlaub. Uwes Vater treibt über diplomatische Kanäle ein kleines Fass Pilsener Urquell auf und wir feiern bei seinen Schwiegereltern im Plattenbaukeller neben der Kaserne. Er ist nach der Offiziershochschule auch Copilot bei der Interflug geworden, hatte aber eine Affäre nach der anderen mit hübschen Stewardessen und endete beim Bodenpersonal, verantwortlich für Gepäck.

Der „Flugschreiber“ funktioniert wieder

 

Das vergangene Jahr war aufregend. Ich war viel unterwegs und habe noch mehr gesehen. Europa ist vor meinen Augen etwas kleiner geworden. Dafür war wenig Zeit zum Schreiben. Das wird sich wieder ändern, denn schließlich habe ich ja meine Leser.

Natürlich dürfen die Tipps für alle Lebenslagen nicht fehlen. Darum schaut mal hier:

Wie aus Stress endlich Harmonie wird… und Du in schwierigen Beziehungen, Streit endlich in Liebe verwandelst…